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IMHO #46 – Eigentlich ganz schön frech, dass ich immer noch keine Prinzessin bin

Es war es damals als Kind nicht mein Wunsch eines Tages einmal Prinzessin zu werden, sondern mein erklärtes, nicht anzuzweifelndes Ziel. Es hegte sich bei mir nicht ein einziges Mal der Gedanke, es würde nicht so werden. Immerhin ist es Cinderella auch passiert. Und Rapunzel. Und all den anderen. Und die mussten letztendlich auch einfach nur abwarten, oder?

Und jetzt, ein paar Jahre später, stehe ich da und schaue in den Spiegel. Da steht keine Prinzessin vor mir. Da steht etwas anderes, jemand anderes vielmehr. Mein Haar ist nicht golden und meterlang wie bei Rapunzel, sondern silber und in einem Dutt, weil ich es seit fünf Tagen nicht gewaschen hab. Die Taille der Durchschnitts-Disneyprinzessin scheint ungefähr ihrem Halsumfang zu entsprechen, beziehungsweise dreimal der Größe ihrer Augen. Mir wird eindeutig und unmissverständlich klar: „Meine Proportionen stimmen einfach nicht!“ Vermutlich bin ich genetisch nicht dazu bestimmt, eine Prinzessin zu werden. Apropos Gene: Was mir definitiv noch fehl, sind gemeine Stiefschwestern oder Ähnliches. Mit meiner Schwester verstehe ich mich gut und wir unterstützen uns gegenseitig so gut wir können. Aber anscheinend ist das ganz falsch, wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen, aufbauen, selbstbewusst sind, nicht in andauernder Konkurrenz um irgendeinen Prinzen stehen. Auch meine Mutter wollte mich noch nie vergiften (denke ich zumindest), weil ihr (wohlgemerkt männlicher Spiegel) gesagt hätte, sie wäre nun nicht mehr die Schönste im ganzen Land, seit ich geboren wurde. Es fehlt also auch eine böse, eifersüchtige, hässliche Meerhexe/ Stiefmutter/ Fee in meinem Leben, um den Prinzessinnenstatus zu erlangen.

Mein Blick wandert im Spiegel weiter nach unten. Ha! Ein Pluspunkt: Ich besitze Beine. Die haben Prinzessinnen auch. Na gut, vielleicht nicht alle. Arielle hatte keine, die hatte ja zunächst eine Fischflosse, aber das war dann ja letztendlich auch kein Problem. Denn nachdem sie einen Typen am Strand gesehen hatte, der ihr gefiel, bat sie die böse Meerhexe Ursula darum, doch bitte ihren halben Körper umzumodellieren. Damit sie an Land gehen konnte um sich von eben genanntem aufreißen zu lassen. Ich habe diesen Satz extra im Passiv formuliert und gesagt „sich aufreißen zu lassen“ statt ihn aufzureißen, denn das war ja nicht der Plan. Einen kleinen Sideeffect hat die ganze Flosse-weg-Sache nämlich: Weil die Meerhexe, natürlich, böse und eifersüchtig auf die schöne Arielle ist, soll diese ihre Stimme aufgeben. Ja wirklich, sie soll ihre Stimme aufgeben. Und natürlich macht sie das auch, immerhin geht es hier um einen Prinzen! Nächstes Problem zwischen mir und dem Prinzessinnensein ist notiert: Ich würde mir nicht meine Beine amputieren lassen und eine Fischflosse anmachen lassen, nur um für jemanden als eventuelle Partnerin in Frage zu kommen. Und zur Stimme: Ich habe eine Stimme, und würde die auch nicht mal so eben aufgeben. Ich habe eine Stimme und benutze sie auch. Und zwar im Gegensatz zu den Prinzessinnen nicht nur, um immer stets freundlich lächelnd liebliche Worte in die Welt zu zaubern. Nein, wenn ich etwas scheiße finde, sage ich das! Oder zumindest würde ich mir wünschen, dass das so wäre. Denn viel zu oft bin ich plötzlich doch selbst die ohnmächtige Prinzessin aus den Kinderfilmen. Und viel zu oft nehme ich das dann einfach so hin. Viel zu oft und schon viel zu lange nehmen wir alle das einfach so hin.

Vielleicht hätte vieles für viele anders laufen können, wenn junge Frauen andere Vorbilder vorgelebt bekommen hätten, als sie im schwachen Alter von fünf Jahren ohne von der Welt und ihrer Komplexität zu wissen an einem Sonntagnachmittag vor dem Fernseher gesessen sind.Wenn Cinderella gesagt hätte, als der Prinz mit dem Schuh vor ihrer Tür stand und sie gezwungen hat ihn, anzuziehen: „Scheiß egal, ob mir der Schuh passt oder nicht: Erstens solltest du mich auch ohne passenden Schuh und glitzerndem Kleid erkennen. Und zweitens: Selbst wenn das mein Schuh ist entscheide noch immer ich, ob ich mit dir mitkommen will oder nicht!“. Wenn Rapunzel schon damals selbst an ihrem Haar aus dem Turm geschwungen wäre, und Ariel einfach auf den Prinzen geschissen hätte, der sich für sie mit Fischflosse nicht interessiert hat. Wenn Belle sich nicht entschieden hätte, ihren Peiniger zu heiraten, sondern ihn wegen Freiheitsberaubung anzuzeigen. Wenn Schneewittchen nachdem sie erwacht war, einfach gesagt hätte: „Nein, danke, Herr Prinz. Ich gehe wieder zu den Zwergen, die haben mich behandelt, wie ich es verdiene! Aber wir können ja in Kontakt bleiben und schauen was draus wird!“

Und natürlich klingt das nun, als würde ich das Problem des Patriarchats allein in ein paar Zeichentrickprinzessinnen sehen, was nicht der Fall ist. Auch nicht allein in den Prinzen, falls das nun den Anschein machen sollte. Es geht mir eher darum zu sehen, wie sie zu dem (gemacht?) wurden, wer sie sind. Denn keiner ist von Geburt an eine Frau/Prinzessin, man wird es. (Kein Text über Feminismus ohne die obligatorische Erwähnung von Simone de Beauvoirs Zitat!) Es geht darum, Handlungsmuster zu überdenken, Denkmuster, Systeme, Vorurteile, zu hinterfragen. Und auch Dinge zu hinterfragen, die man bis dato eben einfach so hingenommen hatte. „Dinge“ wie Prinzessinnen, deren Wert sich über ihr Äußeres und ihren Prinzen zu definieren scheint, als Vorbilder für Generationen an heranwachsenden Frauen.

Als Kind wollte ich eine Disney-Prinzessin werden, weil ich es nicht besser wusste. Heute bin ich froh, keine sein zu müssen. Denn ich will eine Stimme haben, ich will schreien dürfen und wütend sein, wenn ich nicht gehört werde. Ich will schweigen dürfen, ohne ohnmächtig zu sein, ohne überhört und übergangen zu werden. Ich will die Rolle meines eigenen Prinzen spielen, oder besser: Ich will gar keine Rolle spielen müssen, und trotzdem eine Rolle für die Welt spielen.

 „Spieglein, Spieglein. Fuck you!“, sage ich und wende mich ab.

Titelbild: Laetizia Karg

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, spiel mit meinen Katzen und gehe in Bars.