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„The Crispr Revolution“: Science-Fiction wird Realität?

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Am letzten Tag des Nature Film Festivals im Innsbrucker Metropol Kino führte ich mir den Film „Human Nature – The Crispr Revolution” zu Gemüte. Darin geht es um die Forschung an einem Molekül zur Manipulation von DNA, für die in derselben Woche zwei Wissenschaftlerinnen den Chemie-Nobelpreis erhalten hatten. Vorweg: Der Streifen von Regisseur Adam Bolt ist unglaublich mitreißend und informativ, ein echtes Meisterwerk! „Human Nature“ verdrehte mir den Kopf mit Designerbabys, Super-Soldaten und Steuerung der Evolution. Im Mittelpunkt stand eine ethische Frage: Wollen wir wirklich das Erbgut von Menschen manipulieren? Das Nachdenken darüber wirft weitere Fragen auf, die zu klären sind, bevor wir uns wieder in Science-Fiction Visionen stürzen.

„Die wichtigste Entdeckung des 21. Jahrhunderts“ – bisher…?

Die „Genschere“

Weil sie im Film so gut erklärt wird, und weil es auf „nerdige“ Art cool ist, sie zu verstehen, möchte ich euch erst einmal näherbringen, wie die „Crispr“-Methode eigentlich funktioniert. Wie so oft haben sich Wissenschaftler die Funktionsweise ihrer neuen Technologie von der Natur abgeschaut. Zuerst entdeckte man sie bei dem Bakterium Streptococcus pyogenes: In dessen Zellen gibt es das Protein „Cas9“, welches die Zelle „vor Eindringlingen schützt“. Wenn beispielsweise ein Virus seine DNA in eine Zelle einschleust, baut diese einen Teil der Virus-DNA in die eigene DNA ein – und diese Stelle nennt sich „Crispr“. Ausgestattet mit einer Kopie des Crispr-Abschnitts als „Fahndungsfoto“ geht Cas9 in der Zelle „auf Streife“. Fremde DNA wird von dem Molekül erkannt, ausgeschnitten und durch ein Stück selbst hergestellten Genstrang ersetzt. Mithilfe von Cas9 ist es nun möglich, auch in menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Zellen eine beliebige DNA-Sequenz zu finden, auszuschneiden und zu ersetzen.

Das Sinnbild für alles, was mit Genen und Erbgut zu tun hat: Die „Doppel-Helix“-Struktur der DNA1

Heilen vs. umprogrammieren

Ähnlich wie der Film soll sich auch dieser Artikel vorrangig um die Manipulation menschlicher DNA drehen. Aus ethischen Gesichtspunkten ist dabei besonders der Punkt interessant, an dem zwischen der experimentellen Behandlung schwer erkrankter Menschen und der Veränderung von menschlichem Erbgut unterschieden wird. So ist es einerseits möglich, die Blutzellen eines lebendigen Menschen zu „reparieren“. Der Film zeigt beispielhaft die Behandlung eines Jungen, der an Sichelzellenanämie, einer Blutkrankheit, erkrankt ist. Darüber hinaus können mittels Crispr aber auch Spermien- und Eizellen genetisch verändert-, und anschließend mittels künstlicher Befruchtung „Designerbabys“ erschaffen werden.

Designerbabys und Supersoldaten

„Human Nature – The Crispr Revolution” erzeugt beim Zuschauer den Eindruck, Designerbabys zu erschaffen wäre bald möglich. Dystopien wie aus Aldous Huxleys „Brave New World“, in der die Bevölkerung durch Genmanipulation, Brainwashing und Berauschung gleichgeschaltet und ruhiggestellt wird, könnten Realität werden, heißt es. In einer anderen Szene erklärt Wladimir Putin, man könne durch Crispr angstfreie Super-Soldaten erschaffen. Jennifer Doudna, die zusammen mit Emanuelle Cherpentier für ihre Forschung an der Genschere den Chemie-Nobelpreis erhielt, berichtet im Film von einem Traum, in dem sie der Einladung eines ominösen Interessenten in ein Büro folgt. Dort wartet, ihr den Rücken zugedreht, ein Mann. Als er sich umdreht, packt Doudna das blanke Entsetzen: Es ist Adolf Hitler! Der Name steht für das nach Macht strebende Böse schlechthin.

Gleichgeschaltet, ruhiggestellt, kontrolliert, auf Funktion getrimmt – die Dystopie der „Brave New World“2

Butter bei die Fische!

Dystopien und Science-Fiction-Szenarien sind spannend und entspringen der menschlichen Vorstellungskraft schon immer. Aber lasst uns doch den aktuellen Stand der Technik klarstellen:

Im November 2019 verkündete He Jiankui, Dozent an einer chinesischen Privat-Uni, als weltweit Erster und bislang Einziger, dass eine Frau Zwillinge mit von ihm modifizierter DNA zur Welt gebracht hatte. Offiziell gab er an, er habe eine Resistenz gegen Aids herbeiführen wollen. Mittlerweile wurde Jiankui wegen verbotener Experimente am Menschen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Dass sein Eingriff den gewünschten Effekt hat, gilt als sehr fragwürdig. Die Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder und deren Nachkommen sind nicht abzuschätzen. Man kann eben noch nicht vorhersagen, wie genau sich die Veränderung bestimmter DNA-Sequenzen auf eine Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen, geschweige denn komplexe Persönlichkeitsmerkmale auswirkt – mal ganz abgesehen davon, dass die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Eingriff mit der Genschere genau die gewünschte Wirkung hat, zu Zeiten der Dreharbeiten von „Human Nature“ bei 50-80% lag. Designerbabys und Super-Soldaten bleiben also fürs Erste Science-Fiction. Trotzdem müssen wir uns fragen: Wie wollen wir leben? Was sollte der Forschung, deren Ergebnisse unsere Gesellschaft prägen, erlaubt sein?

Ethikerinnen und Ethiker eignen sich Wissen zu komplexen Themen an, um solche Fragen zu beantworten. Im Film spricht die Bioethikerin Alta Charo von „Bio-Optimisten“ und „Bio-Pessimisten“.3

Ethische Statements

Ich finde es ganz und gar nicht korrekt, einen Menschen in die Welt zu setzen, der vielleicht schlimm erkrankt, damit die Forschung vorankommen kann. Ein Mensch sollte sich höchstens selbst dafür entscheiden können, seinen Körper der Forschung zu spenden. Darüber hinaus halte ich es zwar für erstrebenswert, Krankheiten abzuwenden, um Leid zu verhindern, aber nicht, Menschen von Vornherein hinsichtlich irgendwelcher Kriterien zu optimieren. Es müsste also eine Liste von Krankheiten geben, die einen Eingriff in das Erbgut rechtfertigen. Alles andere sollte illegal sein. Zunächst müsste aber geklärt werden:

             1. Ab wann gilt das Modifizieren von Erbgut als sicher genug, um es am Menschen anzuwenden?

Klar ist, dass noch eine Menge weiterer Experimente an Embryos durchgeführt werden müssen, bis es zu dieser Anwendung kommen darf. Daher stellt sich die Frage:

             2. Ab wann ist ein Embryo als Mensch zu betrachten, der nicht einfach als Versuchsobjekt missbraucht werden darf?

Diese Frage kennen Viele aus dem Diskurs um die Präimplantationsdiagnostik, also der Untersuchung von Embryos auf Krankheiten oder Beeinträchtigungen. Und drittens müssen wir uns noch etwas ganz anderes fragen. Etwas, dass so gar nicht Science-Fiction, sondern grausame Gegenwart und Vergangenheit ist:

             3. Wenn ein Menschenleben so unendlich wertvoll sein soll – warum ist dann das eines Tieres so unendlich billig?

Tierversuche sind untrennbar mit medizinischem Fortschritt verwoben. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich längst tot. Diese Tiere, seien es Affen, Schweine oder Ratten, zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sie empfinden Emotionen und körperliche Reize wie Hitze oder Schmerz. Sie leiden! Möchten wir diese Tiere wirklich opfern, um noch mehr Kontrolle über Leben und Tod von Menschen zu erlangen? Und was sagt das über unser Weltbild aus? Bevor wir in Science-Fiction Szenarien schwelgen, sollten wir uns erstmal diese Fragen stellen. Und zwar in umgekehrter Reihenfolge: Erst 3., dann 2. und dann 1. Zu welchem Ergebnis kommst du?

Das Titelbild zeigt übrigens ein Mäuse Embryo.4

Bilder:

1madartzgraphics via Pixabay.com

2Davide Campelli via Unsplash.com

3Ethics von SonnyandSandy via Flickr.com unter Creative Commons Attribution 2.0

4mouse embryo von Pazit Polak via Flickr.com unter Creative Commons Attribution 2.0

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