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Auf der Suche nach dem Glauben an die Pressefreiheit

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Bist du jemand, der gerne Zeitung liest, Radio hört oder Dokus schaut? Ich auch. Dass wir dabei eine solche Vielfalt an gutem Stoff geboten bekommen, hat auch mit der Pressefreiheit zu tun – einem Begriff, den ich schon oft gehört, mit dem ich mich aber bisher wenig auseinandergesetzt habe. Anlässlich des Tages der Pressefreiheit habe ich beschlossen, das zu ändern. Auf einer Reise durch die russische Medienlandschaft ergründe ich meinen Glauben an die Pressefreiheit.

Letztens habe ich mir auf Youtube eine Dokumentation des „Y-Kollektivs“ mit dem Titel „Generation Putin – Couchsurfing bei jungen Russen in Moskau und Kazan“ angeguckt. Der deutsche Reporter spricht darin unter anderem mit der Redakteurin einer politischen Talkshow des russischen Senders „Rossija 1“. Die 30-Jährige verehrt Präsident Putin, sein Abbild ziert sogar ihre Handy-Hülle. Konfrontiert mit dem Vorwurf, ihr Sender betreibe Propaganda für die Regierung, erklärt die Russin, dass sie ohnehin nicht an die Freiheit der Presse glaube: Alle Medien dieser Welt seien von den Interessen einflussreicher Instanzen geprägt, seien es Regierungen, Firmen oder reiche Menschen. Der Deutsche dagegen meint, er könne seinen Job nur ausüben, solange er an die Pressefreiheit glaube. Das kommentiert die Russin mit dem Satz: „You’re a victim of your mentality”. Ich fand diesen Dialog interessant und möchte mir anlässlich des Tages der Pressefreiheit am 03.05. eine eigene Meinung dazu bilden, was Pressefreiheit eigentlich bedeutet und inwiefern sie in Deutschland und Russland jeweils gegeben ist, oder nicht.

Was bedeutet Pressefreiheit?

Wie meine Zeitlos-Kollegin Bianca bereits 2018 in ihrem Artikel zum Tag der Pressefreiheit gut erklärt hat, ist die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Freiheit bei der Gestaltung medialer Inhalte ermöglicht freie Meinungsbildung der Konsumierenden. Diese sind gleichzeitig auch Wählende, und als solche müssen sie das Vorgehen ihrer Regierung informiert und kritisch betrachten können. Wenn nun aber Medienschaffende drangsaliert werden, weil sie bestimmte Positionen vertreten oder bestimmte Informationen veröffentlichen, ist diese Meinungsbildung durch Journalismus nicht möglich. Natürlich gilt dieses Prinzip nicht nur in Bezug auf Politik, sondern auch auf andere Bereiche, in denen Menschen über die Geschehnisse dieser Welt informiert werden müssen, um sie mitgestalten zu können. Ein klassisches Beispiel wäre das Wissen darüber, wie das Essen, die Kleidung und all die anderen Konsumgüter produziert werden, die wir kaufen. Auch hier kann es zu Repressionen gegenüber Journalistinnen und Journalisten kommen, die kritisch berichten.

Gibt es in Russland keine Pressefreiheit, aber in Deutschland schon?

Schon die Aufnahmen in der Dokumentation des Y-Kollektivs lassen starke Zweifel daran aufkommen, dass „Rossija 1“ eine kritisch-beobachtende Perspektive auf die Regierung einnimmt. Ein Nachrichtensprecher erzählt in sachlichem Ton, dass Putin von früh bis spät für das Land arbeite und deshalb einer der fähigsten, vielleicht der fähigste Präsident des Planeten sei. Vorausgesetzt, die Szene wurde nicht aus dem Kontext gerissen oder falsch übersetzt, ist die Sendung bereits damit als Propaganda-Instrument entlarvt. Aber es wird sogar noch absurder: Später entdecke ich auf Youtube Ausschnitte aus den Abendnachrichten des populärsten russischen Fernsehsenders „ORT“, in dem aus Verschieben der Buchstaben des Wortes „Corona“ die Theorie abgeleitet wird, dass die Verbreitung des Corona-Virus ein von Donald Trump geplanter Angriff auf China und Russland sei.

Weitere Recherche festigt bei mir den Eindruck, dass besonders die TV-Landschaft in Russland nicht nur staatlicher Zensur unterliegt, sondern dass regelrecht Propaganda für die eigene, bzw. gegen andere Ideologien verbreitet wird. Mit dem Sender „Doschd TV“ wurde 2014 der letzte nicht von regierungsnahen Personen kontrollierte Fernsehsender abgeschaltet. Er war aufgrund von kritischer Aufarbeitung des Vorgehens der russischen Armee im zweiten Weltkrieg in Verruf gebracht worden. Anderen TV- und Radiosendern, sowie Zeitungen erging es ähnlich. Es ist ein typisches Vorgehen der russischen Regierung, JournalistInnen Extremismus oder Verbindungen zu Terrorismus vorzuwerfen. Laut der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ sitzen in Russland derzeit drei Journalisten aufgrund entsprechender Gerichtsurteile in Haft. Unter ähnlichen Vorwänden findet auch eine Zensur des Internets statt.

In Russland scheint es die Pflicht öffentlicher Medien zu sein, die Identifikation mit der Ideologie der Regierung und der Nation Russland zu fördern. Diese Rolle des Journalismus trägt nicht dazu bei, zu informieren und zum Mitgestalten zu befähigen. Offensichtlich nimmt man es dort mit der Demokratie nicht so ernst.

Hierzulande schlug dagegen ein Video des Youtubers „Rezo“, in dem die deutsche Regierung als unfähig und verantwortungslos dargestellt wird, große Wellen in allen Medienformaten. Es verhalf dem Urheber zu großer Bekanntheit, regte (hoffentlich) das politische Interesse einer jungen Zielgruppe an und brachte die Regierung in Erklärungsnot. Auch in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden in Deutschland die Regierungs-, aber auch andere Parteien und Persönlichkeiten kritisiert.

Freie Meinungsbildung und das personalisierte Internet

Ich habe mich dazu entschieden, auch an die Freiheit der Presse zu glauben und daran, dass sie in Deutschland und auch in Österreich viel eher gegeben ist als in Russland. In meinem eigenen Umfeld gewinne ich den Eindruck, dass hier ein breites Spektrum unterschiedlichster Medien mit den unterschiedlichsten politischen Ideologien ganz legal florieren kann. Allerdings heißt das bei weitem nicht, dass deshalb auch freie Meinungsbildung passiert. Gerade in Zeiten, in denen das Internet immer mehr personalisiert wird, konsumieren Menschen auch in Deutschland und Österreich einseitig-ideologisierte Inhalte. Auch wir als Lesende/Hörende/Schauende müssen versuchen, die Dinge rational zu betrachten und Meinungen, die uns in den Medien vorgesetzt werden, nicht unreflektiert anzunehmen. Wir sollten uns nicht nur auf gewohnte Feindbilder einschießen, sondern auch mal mit anderen Positionen auseinandersetzen. Denn sonst werden wir womöglich zu „victims of our mentality“!

Bilder:
Mann vor Pinnwand – by Prexels via Pixabay
Interview im Flughafen – by Felix Unverzagt
Donald Trump – by Charles Deluvio via unsplash.com
Militärparade Russland – by zelenskayao via pixabay
Putin zwinkert – by Felix Unverzagt