Darf ich gießen?

Diana Eschbach/ April 12, 2020/ Welt

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Osterhase, Ostereier, Palmlatte und Palmkätzchen. Osterbräuche in Tirol kennst du vielleicht schon. Aber hast du gewusst, dass in Ungarn die Frauen zu Ostern „gegossen“ werden?

Blumen sind schön. Noch schöner sind Frauen. Blumen müssen gegossen werden, damit sie nicht verwelken, so auch die Frauen. Denken die Ungarn zumindest. Das Gießen (ung. locsolkodás) zu Ostern ist eine alte Tradition in Ungarn. Am Ostermontag machen sich die Ungarn mit einer Parfümflasche auf den Weg und sprühen etwas Parfüm auf Frauen im Bekannten- und Familienkreis. Dieses Sprühen steht heute für das Gießen. Früher schüttete man tatsächlich einen Eimer Wasser auf die Frauen. Es gibt mehrere Vermutungen woher dieser Brauch stammt. Eine davon beruht auf eine Legende, die von der Auferstehung Jesus handelt. Soldaten, die das Grab Jesus bewachten, wollten die Frauen, die Jesus Auferstehung verkündeten zum Schweigen bringen, indem sie Wasser auf die Frauen schütteten. Der Brauch, der heute praktiziert wird, soll Frauen keineswegs das Reden verbieten. Der moderne Ungar „gießt“ die Frau damit sie schön und jung bleibt. Bevor er die Frau „gießt“, sagt er ein Gieß-Gedicht auf. Nachdem Gedicht fragt er, ob er gießen darf. Die Frau antwortet für gewöhnlich mit Ja. Er besprüht sie mit ein wenig Parfüm und als  Danke für das Gießen bekommt der Mann von der Frau ein buntes Osterei.

Das bekannteste ungarische Gieß-Gedicht:

Zöld erdőben jártam
Kék ibolyát láttam
El akart hervadni
Szabad e locsolni?

Ich war in einem grünen Wald
Ich sah ein blaues Veilchen
Es wollte verwelken
Darf ich gießen?

Photo1 by Pel on Unsplash
Photo2 by Mike on Unsplash
Text: Diana Eschbach

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