Damensache: Altersarmut als gesellschaftliches Hot Topic

Die Zeitlos/ Februar 10, 2020/ Studieren

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Jung und noch nicht im Berufsleben denken die wenigsten Studierenden darüber nach, ob sie in etwa vierzig Jahren genügend Geld zum Leben haben. Dennoch ist Altersarmut in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Vor allem Frauen sind davon betroffen, da viele von ihnen in der Karenzzeit nicht für die Rente vorsorgen, die Witwenrente niedrig ausfällt oder da sie sich nicht mit der Altersvorsorge auseinandersetzen. Dr. Marietta Babos will etwas daran ändern und hat Damensache im Jahr 2018 gegründet, eine Plattform zur Aufklärung über Finanz- und Altersvorsorge. Bei kostenlosen Vorträgen informiert die Gründerin und Geschäftsführerin Dr. Marietta Babos über Altersarmut und erklärt, wie vor allem Frauen für die Rente vorsorgen können, auch wenn sie Männer nicht von ihrer Tätigkeit ausschließt. Die Zeitlos hat die Gründerin und Geschäftsführerin Dr. Marietta Babos der Damensache interviewt.

Vergleich der Erwerbsbiographie von Frauen und Männern

Die Zeitlos: Ihr Projekt funktioniert über gebührenfreie Universitätsvorträge, Frauennetzwerke und kostenlose Erstberatungen. Worüber wird Damensache finanziert?

Dr. Marietta Babos: Der Unterschied bei Damensache als unabhängiges Projekt ist, dass dazu auch Anbieter- und Produktunabhängigkeit gehören: die Leute trauen konkreten Unternehmen oft nicht. Daher braucht man diese selbstständige Plattform, auf der man ohne Druck Fragen stellen, sich informieren und selbst die Entscheidungen treffen kann, die man für richtig hält.

Oft meinen auch viele, die private Finanzversicherung koste sicherlich ein Vermögen. Und es ist tatsächlich so, dass du bei vielen Instituten ein gewisses Vermögen haben musst, damit du eine persönliche Beratung bekommst. Bei Damensache ist das für alle möglich. Irgendwann wird das Projekt auch profitabler sein, aber davon bin ich vorerst einmal weit davon entfernt. Aber es gibt mir ein gutes Gefühl, und deswegen mache ich das.

Dr. Marietta Babos ist Gründerin und Managing Director der Damensache.

Die Zielgruppe besteht hauptsächlich aus Frauen. Inwieweit ist das Thema für Männer relevant?

Es ist für Männer genauso relevant wie für Frauen, Damensache ist nicht ausgrenzend. Ich lege nur den Fokus auf Frauen, da sie dazu tendieren, das Thema komplett zu vernachlässigen – nicht selten bis zu dem Zeitpunkt, an dem Probleme auftauchen; oft im Job oder in der Beziehung. Aber es sollte eigentlich jeder kommen, Männer sind genauso eingeladen: es gibt einfach gewisse Spezifika, die überwiegend Frauen betreffen.


Inwiefern glaubst Du, dass es etwas bewegen könnte, wenn es mehr solcher Vorträge an Universitäten geben würde?

Weil das Verständnis sofort da ist. Wenn man zuhört, ist das eh logisch. Ich habe bereits über 2000 Frauen in unterschiedlichen Foren, Frauennetzwerken und Kongressen von dem Thema erzählt. Es ist nicht das Problem, das Thema zu begreifen, sondern vielmehr, dass solche Inhalte einfach oft nicht bereitwillig angeboten werden. Solange es in der Finanzindustrie zwischen Staat und Privatpersonen keine Schnittstelle gibt, übernehmen wir das.


Wann hast du selbst begonnen, fürs Alter vorzusorgen?

Ich hatte das Glück, dass Sparen familienbedingt immer schon vorgelebt wurde. Zusätzlich habe ich während meiner ersten Arbeitsjahre gut verdient, weil ich sehr viel gearbeitet habe. Das war im Nachhinein betrachtet eine Glückssache, da ich durch die viele Arbeitszeit nicht dazu gekommen bin, mein Geld auszugeben – auch, wenn das Bewusstsein damals noch nicht da war.

Meine Kinder bekommen sechs Euro Taschengeld pro Woche. Zwei Euro davon dürfen sie nie ausgeben, zwei andere sparen sie für größere Spielzeuge und ähnliches, der Rest bleibt für Gummischlangen und Co. übrig. Ich möchte ihnen im Kleinen beibringen, dass man das Leben genießen kann und für größere Ausgaben ein bisschen zurückstecken soll, wenn man etwas erreichen möchte. Und diese zwei Euro stehen dafür, dass es auch für später unantastbare Summen gibt.


Gemeinsam mit der WU Wien hat die Damensache eine Studie durchgeführt, bei der geforscht wurde, wie das Bewusstsein zum Thema Altersarmut bei Frauen derzeit ist. Was waren in der ersten Studie die relevantesten Fragen?

Die Tatsache, dass man 40 Jahre arbeitet und 30 in der Pension verbringt. Und dass trotzdem vielen Leuten das Pensionssystem nicht bekannt ist, hat mich total überrascht. Oft werden auch gewisse Maßnahmen, wie zum Beispiel Pensionssplitting, nicht genützt, obwohl sie vorhanden wären. Zwar ist ganz klar der Wunsch nach mehr Aufklärung da, jedoch sind alles in allem sehr wenig Information vorhanden.


Wie war Damensache bisher politisch involviert?

Vor Ibiza haben wir gerade im Bundesministerium daran gearbeitet, dass Pensionssplitting – oder treffender Pensionssharing – nicht mehr optional ist, sondern es soll automatisch passieren. Sobald zwei Leute ein gemeinsames Kind haben, werden die Pensionsbeiträge geteilt. Aktuell ist die Hürde, Pensionssplitting zu beantragen oder davon zu wissen. Stattdessen müsste man dann beantragen, wenn man das nicht haben möchte. Die Umsetzung ist etwas kompliziert, da es beispielsweise viele Patchwork-Familien gibt und Eltern Kinder in mehreren Haushalten haben. Aber das werden wir schon meistern.


Glaubst du, dass diese Chance nun nach Ibiza vorbei ist?

Nein. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Ministerium für Integration und Frauen ist schon im Aufbau. Allerdings möchte ich betonen, dass ich grundsätzlich nicht politisch engagiert bin. Aber das Frauenthema ist in allen Parteien vorhanden, denn es ist ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Die Politik ist natürlich unser verlängerter Arm, der Gesetze beschließt. Und es ist mir ein Anliegen, einen Beitrag zu leisten, dass hierbei mitgedacht wird.

Gerne würden wir behaupten, Damensache hätte uns eine andere, neue Perspektive zum Thema Altersvorsorge geliefert, doch das wäre unehrlich. Denn so informativ, wissenswert und aufschlussreich Damensache auch war, ist es recht unmöglich, sich eine Meinung von einem Thema zu bilden, mit dem man sich bisher wenig bis gar nicht auseinandergesetzt hat. Wir hätten zunächst einmal eine alte Sichtweise gebraucht, um eine neue Perspektive zu Altersvorsorge gewinnen zu können. Eines haben wir trotzdem gewonnen: eine erste, bewusste Auseinandersetzung mit einem so grundlegend wichtigen Thema, das anscheinend derart fundamental ist, dass es nur allzu gern von Jung und Alt begraben und schlussendlich übergangen wird – und das gilt es zu ändern.


Marietta Babos hält immer wieder Vorträge, bei denen sie über Damensache informiert. Hier findet ihr die Termine in Innsbruck. Außerdem könnt ihr euch jederzeit kostenlos beraten lassen.


Text: Bianca Brodbeck, Marina Raidl
Titelbild: nattanan23 nach Pixabay Lizenz via pixabay
Bilder im Text: Damensache

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