Nachbericht: Diametrale 2019

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Was haben die Apokalypse, ein Affe mit leuchtenden Augen, drei belgische Musiker und ein Mord gemeinsam? Nichts, es sei denn man war beim Warm-Up der Diametrale 2019 am 29. März 2019 im Cinematograph dabei und kam in den erwartet absurden Genuss der Filme Ultra Pulp und Spit’n’Split.

Organisiert wurde das Festival von der Diametrale – Verein zur Förderung experimenteller und komischer Filmkunst und dem Kulturkollektiv – Verein zur Förderung von Gegenrealitäten, und fand vom 29.3. bis 13.4.2019 im Cinematograph, Leokino, p.m.k. und Brennpunkt Cafe statt.

Mit bewegenden Worten wurde die Veranstaltung von den Organisatorinnen und Organisatoren eröffnet

Der erste Streich: Ultra Pulpe

Eröffnet wurde die Filmreihe mit Ultra Pulpe, ein Film wie er nutzlos schöner nicht sein könnte. Bertrand Mandico, ein französischer Autor und Regisseur, der auf dem Venice Film Festival 2017 mit dem Film „Les garçons sauvages“ für Furore sorgte, spann innerhalb von 37 Minuten die Geschichte von Apokalypse und Joy. Die eine Schauspielerin, die andere Regisseurin und beide Teil einer Erzählung, die über das letzte Aufflackern ihrer zu Ende gehenden Liebesaffäre hinausging. Die Dualität des Kinos an sich führte als thematisch roter Faden durch fünf Erzählungsstränge, und was sich auf den ersten Blick als post-apokalyptischer Sci-Fi Film präsentierte, entpuppte sich als Filmbühne mit ständig wechselndem Spotlicht.

Ein semiotisches Freudenfest

Jeder neue Charakter zeigte eine weitere Facette der Filmkunst, Schauspielerinnen wurden zugleich gefeiert und konsumiert, Erotizismus wurde mit Kannibalismus verknüpft, die unausweichliche eigene Erwartungshaltung als Zuschauer dem Publikum als neonfarbener Spiegel vorgehalten. Zwischenmenschliche Verwundbarkeit wurde der Vulgarität der Filmbranche gegenübergestellt, das Stigma „Alter“ durch eine monströse übergroße Gestalt ohne Gesicht verkörpert und die bittersüße Banalität eines Geburtstagsanrufes vor einem schimmernden Filmset kontrastiert. Übersättigt, verstörend und real in seinen Themen wie er surreal in seiner Darstellung war, brach Ultra Pulpe Normen und regte gelungen zum Nachdenken über die eigene Realität an.

Der zweite Streich: Spit’n‘Split

Der zweite Film beginnt. Brennendes Feuer; plötzlich befinden wir uns mitten im Alltag tourender Musiker, der Experimental Tropic Blues Band. Was als eine Dokumentation über den undurchschnittlichen Alltag einer Punkrock- Bluesband beginnt, wenn man sie denn so bezeichnen kann, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem abstrusen Spiel zwischen Wirklichkeit und Erfundenem. Das kann dann Leute wie mich, die sich im Vorhinein nicht genau bewusst sind, worauf sie sich einlassen, und was eine Mockumentary denn überhaupt ist, stellenweise aus der Bahn werfen. Eine Mockumentary ist die Vermischung von Realität und Fiktion, eine Geschichte wird entlang eines Realitätsfadens gesponnen. Und im Falle von Spit’n’Split: das dokumentarischen Festhalten eines Band-Alltages, der sich aber im Laufe der Zeit immer mehr von diesem Strang löst und es dem Zuschauer oder der Zuschauerin  beinahe unmöglich macht die Realität von der Fiktion des Autors zu unterscheiden. Üblicherweise ist man sich im Kino seiner Rolle bewusst, man kann sich ganz klar vom Leinwandgeschehen distanzieren, weil man weiß, dass man sich gerade zur Unterhaltung das ansieht, was sich ein Regisseur ausgedacht hat. Wenn man aber nicht genau weiß, wie man es einordnen soll, entsteht eine neue Art der Interaktion mit dem auf der Leinwand Geschehenden. Man fragt sich: Bildet es die Realität oder das „Hirngespinst“ des Regisseurs ab?

Regisseur Jérôme Vandewattyne (Mitte) und Vocalist/ Gittarist Jèrèmy Alonzi (Rechts) geben Einblick in den Produktionsprozess von Spit’n’Split

Eine emotionale Achterbahnfahrt ins Surreale

Zwei Jahre hat Regisseur Jérôme Vandewattyne die Band begleitet und im Film zeigt er neben deren spannendem Tour-Leben, dem Kennenlernen fremder Orte und interessanter Menschen sehr deutlich wie zermürbend ein solcher Alltag sein kann, aber auch wie unterschiedlich die Sichtweisen auf „das Normale“ sind. So erläutert auch der Hauptdarsteller, Gitarrist und Vocalist der Band Jérémy Alonzi im Gespräch danach „going on tour is something unbelieveable for you, for me going to the office every day is unbelievable“. Ständig unterwegs sein, in dreckigen Betten schlafen, ein paar Groschen und Snickers als Bezahlung für den Gig bekommen, ständig mit den anderen Bandmitgliedern aufeinanderzusitzen, all das sind Alltagsprobleme einer Band, die für ihre Musik lebt. Generelle Frustration und negative Daueranspannung zwischen den Bandmitgliedern sind ebenfalls nicht ausgeschlossen. Dann kommt auch noch die ständige Frage nach dem Aufgeben oder Nicht-Aufgeben einer Beziehung, eines Lebensstils, eines Jobs oder einer Gewohnheit dazu, ganz wie im Leben eines jeden Menschen. Wenngleich das Leben als Bandmitglied auf Tour auch wahnsinnig viel Raum für Experimente mit sich bringt, an sich selbst ein spannendes Experiment ist und einen Menschen kennenlernen lässt, die einen an ihrer innersten Wirklichkeit teilhaben lassen.

Der Kampf um das eigene Seelenheil

Die Darsteller des Films zeigen sich oft von einer introspektiven Seite und denken über ihr Leben nach – „Is it worth it? To love the romanticised idea of the circus kid with no home?“ ­ Die Kamera begleitet die Bandmitglieder auf dieser Reise durch die Orte und auf der Reise durch sie selbst. Das einzig Permanente in ihrem Leben ist die Veränderung. So versucht sich beispielsweise der Schlagzeuger David d’Inverno mit seiner eigenen Ledermanufaktur eine Insel der Permanenz und einen Ausgleich zu der dauerhaft präsenten Frustration aufzubauen. Der erste Hinweis auf die Umkehr von Realität und Gespieltem findet sich in einem, mit dem momentanen Filmgeschehen unzusammenhängenden, Einschub, den man erst nach dem Betrachten des Filmes und dem Kennenlernen der drei Bandmitglieder zu verstehen vermag.

The Experimental Tropic Blues Band im p.m.k.: Jean-Jacques Thomsin (Links), David d’Inverno (Mitte), Jérémy Alonzi (Rechts)

„[…] Going on tour is something unbelieveable for you, for me going to the office every day is unbelievable.“

Jérémy Alonzi

Der dritte Streich: Von der Leinwand ins p.m.k. 

Im Laufe des Filmes entwickeln sich neue Dynamiken, vor allem zwischen zweien der Bandmitglieder: Jérémy wird immer mehr zum Drogenjunkie, der seine kräftebezogenen Spielereien und Neckereien bevorzugt an einem seiner Bandkollegen auslässt, welcher sich selbst immer mehr in seine eigene Frustration zurückzieht. Dass Neckereien und Stress ablassen an seinen Freunden einen prägenden Einfluss auf Mitmenschen haben kann, den man im Vornhinein nicht abzuwägen wagt, zeigt die Nasenoperation, der sich das vierte Bandmitglied unterzieht, nachdem er permanent für diese heruntergemacht wurde. Ein kleines Wachrütteln an uns alle, welche Wirkung unsere Worte haben können. Der Wahnsinn des Hauptdarstellers Jérémy nimmt immer gefährlichere Ausmaße an und gipfelt in einem brutalen, von Substanzen beeinflussten Mord an seinem Bandkollegen. Bis zu diesen brutalen Szenen, die immer mehr in Richtung Wahnsinn gehen, ist es einfach an die Realität der als Dokumentarfilm aufgezogenen Bilder zu glauben. Ein Unterscheiden zwischen wirklich aus der reinen Dokumentation des Bandlebens Entstandenem und als filmische Erzählung fast frei Erfundenem, wird immer schwerer. Dieses Gesamtkonzept wurde nach dem im Cinematographen stattfindenden Premierenabend der beiden Filme durch ein reales! Konzert der Tropical Blues Band im PMK in Innsbruck komplettiert. Aus der filmischen Verflechtung zwischen dem Abbild der Realität und filmischer Fiktion wurde also auch eine Verbindung des realen und filmischen Lebens. Das zeigt sich etwa darin, dass im p.m.k. dann auch nur die drei „überlebenden“ Bandmitglieder auf der Bühne standen, und das vierte, nur im Film existierende und fiktiv ermordete Mitglied, weit und breit nicht zu sehen war. Genau wie im Dokumentarfilm, Entschuldigung in der „Mockumentary“ gezeigt wurde, hatte Jérémy auch auf der Bühne im p.m.k. das große Bedürfnis seinen Speichel mit dem Boden zu teilen. Das war was recht amüsant zu betrachten, da wir diesen Aspekt von ihm bereits aus Spit’n’Split kannten. Was die Herkunft des Filmtitels angeht, das recherchiert ihr lieber selber.

Ein Tipp: Das Eindringen in diese Grenzwelt realer und fiktiver Begebenheiten spielt hierbei mit Sicherheit eine Rolle. „Take your clothes off and make love – but not in a fucking way, in a love way!“ – mit diesem Zitat von Jérémy auf der Bühne des p.m.k. möchte ich diesen Nachbericht beenden. Obwohl, nicht ganz. Spit’n’Split –  ein gelungenes Gesamtkunstwerk, das die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dieses Abends, mit Absicht nicht nur als Kinobesuchende bezeichnet, vollends in die unklaren Grenzen zwischen Realität und Fiktion gezogen hat.

Auf die Frage, was sie zu den Filmen zu sagen hätte, meinte eine Zuschauerin: „Das muss ich erst einmal verarbeiten.“ Zieht man hier eine Verbindung zu Marco Trenkwalders Eröffnungsrede hat dieses Warm Up der Diametrale 2019 seinen Zweck erfüllt, einige Rädchen zum Rattern gebracht und neue Perspektiven auf alles Mögliche – und Unmögliche – eröffnet.

Ihr seid auf den Geschmack gekommen? Weitere Informationen zur Diametrale 2019 findet ihr unter: http://www.diametrale.at/

Text: Carina Wissinger und Martina Frötscher

Fotos: Carina Wissinger

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