„Das Schöne an der Zukunft ist, dass sie viel Spielraum lässt“

Matthäus Masè/ Mai 19, 2019/ Trends

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Seit Frühling dieses Jahres gibt es das Kollektiv „Zukunftsschmiede“. Wie der Namen schon vermuten lässt, will es die Zukunft aktiv mitgestalten. Vom 20. bis 25. Mai organisiert die Zukunftsschmiede deshalb auch verschiedene Veranstaltungen, um die Menschen bestinformiert in die EU-Wahl zu entlassen, die am 26. Mai stattfinden wird. Ronja, Annika und Alex sind Mitglieder der Zukunftsschmiede. Im Kater Noster erklären sie, was genau geplant ist und was es mit ihrem Kollektiv auf sich hat.

Die Zeitlos: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Zukunftsschmiede ins Leben zu rufen?

Alex: Wir hatten uns in den letzten Jahren immer wieder lose getroffen und hatten das Gefühl, dass es eine Plattform braucht, die inklusiv und für alle offen ist und wo man Ideen diskutieren sowie Events veranstalten kann. Einfach um den halböffentlichen Raum zu bespielen, um gesellschaftspolitisch teilzunehmen, zu gestalten. Im Frühling diesen Jahres haben wir uns dann entschlossen, das ernsthaft anzugehen und daraus ist das Kollektiv Zukunftsschmiede entstanden.

Annika: Ich möchte noch hinzufügen, dass man uns als Kollektiv für transformative Stadtentwicklung bezeichnen kann. Denn es geht darum sich einzubringen, die Stadt mitzugestalten. Wichtig in all dem ist zu verstehen, dass politisch sein auch bedeutet, die Möglichkeit zu haben etwas zu bewirken und eben mitzugestalten. Dies möchten wir mit unserer Plattform schaffen.

Ronja: Kurz noch zum Namen: Wir wollen damit raus aus der Gedankenschmiede, wo wir nur Theorien unter uns besprochen haben. Wir sind auf diesen transformativen Gedanken gekommen und wollten an die Zukunft denken und diese möglich machen.

Alex: Genau. Wir leben gesellschaftlich gerade in einer Zeit, die zukunftspessimistisch ist, wenn überhaupt an die Zukunft gedacht wird. Der Name „Zukunftsschmiede“ kommt daher, dass wir dieser Zukunft eine positive Konnotation anfügen möchten, die man selber schmieden kann.

Also ihr bietet die Plattform an, mitmachen können aber alle?

Alex: Ja genau. Es ist zwar schon auch so, dass wir einen Standpunkt haben und auch probieren progressive Ideen für weitere Entwicklungen voranzutreiben. Aber es kann jeder dabei sein und seine Ideen einbringen.

Annika: Wichtig ist, dass es wie ein Netzwerk ist. Man könnte vielleicht sagen es ist gelebter Aktivismus: Es ist einfacher etwas gemeinsam zu machen, als wie wenn man eine Idee hat, aber nicht weiß wie man diese umsetzen kann.

Ronja: Wir haben uns ja auch als Verein angemeldet, in dem man Mitglied werden kann. Und da ist es für uns am einfachsten, auch Ideen der anderen Mitglieder zu unterstützen, da man als Kollektiv dahintersteht.


„Wir leben in einer Gesellschaft, in der viel Angst verbreitet wird und ich glaube dass es wichtig ist, den Blick auch einfach mal nach vorne zu wagen und zu schauen, wohin die Reise gehen kann.“

Annika

Dieser progressive, zukunftsorientierte Ansatz ist ja Teil eurer Vision. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte einmal, dass wer Vision hat, der solle zum Arzt gehen. Das hat er später zwar etwas relativiert, aber trotzdem: warum seid ihr der Meinung, dass die heutige Zeit Visionen benötigt?

Alex: Ich glaub, weil wir im Moment in einer Welt leben, die den Status Quo als in Stein gemeißelt ansieht. Wenn man aber realisiert, dass wir die Gestalter einer kollektiven Realität sind, weiß man auch, dass man die Zukunft mitgestalten kann. Und da kommt gesamtgesellschaftlich die Frage auf, wie wir eigentlich Leben wollen. Da gibt es verschiedene Meinungen und Haltungen dazu, über die man aber reden kann. Dadurch ergeben sich wieder neue Ideen und das führt dann zum Einen und zum Anderen. So kann man schlussendlich dann auch mitgestalten.

Annika: Ich finde Visionen sind Wegweiser. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viel Angst verbreitet wird und ich glaube, dass es wichtig ist, den Blick auch einfach mal nach vorne zu wagen und zu schauen, wohin die Reise gehen kann. So erkennt man dann auch, dass man etwas machen kann. Das ist ja auch das Schöne an der Zukunft, dass die so offen ist und viel Spielraum lässt.

Mitgestalten können die Menschen in Europa auch am 26. Mai, nämlich bei der EU-Wahl. Ihr plant in diesem Zusammenhang vom 20. bis 25. Mai eine Reihe von Veranstaltungen. Was habt ihr euch dafür überlegt?

Ronja: Wir wollen zunächst die Menschen dazu motivieren überhaupt wählen zu gehen. Wir wollen darüber informieren, was sie überhaupt wählen können, wo sie sich z.B. in der Parteienlandschaft einordnen können. Wir haben uns da aber gedacht, dass diese normalen Veranstaltungen viel zu ernst sind. Deshalb haben wir versucht, das Alles etwas spielerischer und kreativer zu gestalten. Da wir die Veranstaltungen über die ganze Woche verteilt haben, kann auch jeder jene Veranstaltung aussuchen, die zu ihm passt.

„Ganz wichtig ist, dass wir aufzeigen wollen, dass die Leute auch tatsächlich Einfluss haben und worauf sie Einfluss haben.“

Ronja

Es gibt da auch verschiedene Formate, wie die einzelnen Veranstaltungen von euch organisiert sind.

Ronja: Ja genau. Am Montag ist eine Ausstellungseröffnung hier im Kater Noster.

Annika: Und „Thesen am Tresen“.

Ronja: Genau, unser Diskussionsformat „Thesen am Tresen“, um mit uns über die Zukunft zu quatschen.

Annika: Wir haben dazu ein paar Thesen zu Europa aufgestellt und wir laden jeden dazu ein, darüber zu diskutieren oder zu streiten. Denn für uns ist wichtig, dass ein Dialog entsteht.

Ronja: Am Dienstag gibt es dann eine Podiumsdiskussion. Am Mittwoch haben wir einen sehr kritischen Filmabend organisiert. Das ist gerade das Gute, da es auch die einzige Veranstaltung ist, die auf die negativen Aspekte in Europa hinweist. Wir haben dann auch noch einen Infotag am Donnerstag, wo wir, so gut wie möglich, ganz allgemein über die Situation, die Geschichte und die Ziele und Werte der EU informieren wollen.

Annika: Und um das Programm abzurunden haben wir am Freitag noch einen Workshop, wo es wirklich darum geht, wie deine Vision für Europa aussieht. Das glorreiche Ende findet dann am Samstag mit der „Euro_Dance Party“ statt.

Alex: Was wir da erreichen wollen ist, dass die Leute Europa besser verstehen lernen. Ich merke, dass Europa für viele Menschen ein diffuser und abstrakter Begriff ist: Was heißt Europa eigentlich? Welche Verbindungen gibt es zwischen Europa und der EU? Was ist die EU-Wahl? Denn nur weil man zur EU-Wahl geht bedeutet das ja nicht, dass man pro Europa wählt. Denn bei der Wahl geht es nicht nur darum, ob man für oder gegen Europa ist. Man muss auch sehen, was verbesserungswürdig ist, was verändert werden sollte. Bei unserer Podiumsdiskussion wird es deshalb nicht um Tagespolitik gehen, sondern darum, wie die Kandidaten Europa in 20 Jahren sehen.

Ronja: Ganz wichtig ist, dass wir aufzeigen wollen, dass die Leute auch tatsächlich Einfluss haben und worauf sie Einfluss haben.

Alex: Oder worauf sie keinen Einfluss haben.

Ronja: Wo aber die Möglichkeiten sind. Dass das eben klar wird, damit die Leute sich besser entscheiden können, was sie unterstützen wollen.

Sind nach diesen Europa-Veranstaltungen noch weitere Projekte geplant?

Annika: Auf jeden Fall haben wir alle ein paar Ideen und Visionen. Aber wir waren jetzt sehr darauf fokussiert, diese Veranstaltungen einmal auf die Beine zu stellen. Wir werden dieses Jahr aber sicher noch einiges machen.

Ronja: Wir haben schon ein paar Sachen für die nächste Zeit geplant, z.B. Solidaritätsstärkungsprojekte oder zur Mobilität.

Annika: Einer von uns wollte eine Landwirtschaftswoche machen, wo es um Permakultur geht und die Begrünung des öffentlichen Raumes.

Alex: Auch für Vorträge haben wir ein paar Ideen. Es ist aber immer schwierig, das Alles neben dem Studium oder der Arbeit hinzubekommen. Aber im Kollektiv spielen sich die Ideen hin und her und da passiert sicher noch einiges.

Annika: Uns gibt es ja noch nicht so lange und jeder ist bei uns herzlich eingeladen vorbeizukommen und sich einzubringen, denn so wächst das Ganze und wird noch größer.


„Die Stadt ist natürlich eine der wichtigsten Ballungszentren, aber auch außerhalb machen sich die Leute Gedanken, wie man die Zukunft gestalten kann und soll.“

Alex

Ist es angedacht die Veranstaltungen immer nur in Innsbruck zu machen, oder versucht ihr auch die Stadt dafür zu verlassen?

Alex: Weil wir alle jetzt in Innsbruck sitzen, machen wir erstmal hier die Veranstaltungen. Aber wir wollen aber auf jeden Fall auch hinaus. Diese Debatten sind ja überall zu führen. Die Stadt ist natürlich eine der wichtigsten Ballungszentren, aber auch außerhalb machen sich die Leute Gedanken, wie man die Zukunft gestalten kann und soll.

Ronja: Es ist natürlich auch projektabhängig. Wenn man sagt es geht z.B. um den Heimatbegriff oder Solidarität, muss man auch ans Umland von Innsbruck denken. Wenn es aber um städtische Mobilität geht, dann ist es klar, dass man nicht rausgehen muss.

Alex: Es ist auch angedacht sich mit anderen Denkfabriken und Kollektiven zu vernetzen und sich gegenseitig zu unterstützen, um die Ideen weiterzubringen. Das soll dann schon nicht nur auf Innsbruck basiert bleiben.

Um das Vorbeikommen und Einbringen aufzugreifen, das du vorher erwähnt hast Annika: Wie kann man euch kontaktieren, wenn man mitmachen möchte?

Annika: Wir haben eine Facebook-Seite, über die man uns schreiben kann. Wir haben auch eine Website, wo unsere Projekte aufgelistet werden, wenn wir einmal soweit sind.

Ronja: Man kann uns immer anschreiben und wir sagen dann auch immer, wann wir uns das nächste Mal treffen. Jede Person kann da dann einfach dazukommen, egal wie tief wir gerade an einem Projekt sitzen. Es ist immer gut wenn noch eine helfende Hand dazu kommt.


„Demokratie macht nicht an der Wahlurne halt.“

Alex

Geht ihr am 26. Mai wählen und warum bzw. warum nicht?

Alex: Ja, ich gehe wählen, auch wenn ich denke, dass keine Partei wirklich etwas Progressives im Angebot hat. Es wird oftmals nur sehr reformistisch und tagespolitisch gedacht und nicht wirklich in Zukunftsvisionen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass es doch eine sehr große Gefahr durch den Nationalismus gibt, werde ich auf jeden Fall wählen gehen.

Ronja: Genau so. Wir werden alle wählen gehen. Wir versuchen ja auch die Leute dazu aufzurufen wählen zu gehen.

Annika: Deshalb finde ich es auch wichtig zu sagen „hey, geht wählen“. Aber darüber hinaus gibt es noch so viele Möglichkeiten sich politisch einzubringen. Das ist besonders wichtig, denn wählen zu gehen ist nicht die einzige Möglichkeit, um sich einbringen zu können. Es kann Spaß machen und es ist etwas Schönes, Teil von etwas zu sein und etwas mitzugestalten. Der öffentliche Raum ist etwas Schönes und er gehört uns allen, den wir auch gestalten können. Auch fernab von Wahlen.

Alex: Demokratie macht nicht an der Wahlurne halt.

Das ist ein schönes Schlusswort. Danke für das Gespräch.

Von links nach rechts: Alex, Annika und Ronja vom Kollektiv Zukunftsschmiede. (© Matthäus Masè)
Vom 20. bis 25. Mai organisiert die Zukunftsschmiede verschiedene Veranstaltungen zur EU-Wahl. (© Zukunftsschmiede)
Auch für die anstehende EU-Wahl am 26. Mai rührt die Zukunftsschmiede ordentlich die Werbetrommel. (© Zukunftsschmiede)
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