Georgien – Vier Freunde, sieben Länder und kein Flugzeug: Ein Reisebericht

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Was haben saubere Toiletten, Regentage, Langeweile und Straßenverkehrsregeln gemeinsam? Richtig – in Georgien gibt es sie alle nicht. Im September 2017 ging es für mich das erste Mal so richtig weit in den Osten, und zwar mit dem Zug – bis nach Georgien und zurück.

 

2.9.17   „Passport Control!“, brüllt eine erbarmungslos laute Stimme durch unser Zugabteil. Völlig desorientiert schrecke ich aus dem Schlaf. Was? Wo? Warum? Durch meine verquollenen Augen kann ich zunächst nur grelle Neonleuchtröhren erkennen, dann sehe ich die abgewetzten Sitzpolster, auf denen ich liege, und schließlich auch den schlecht gelaunten serbischen Polizeibeamten im Gang, dem ich meine Füße entgegen strecke. Wir befinden uns zwischen Budapest und Belgrad. Es ist dunkel draußen. Das Abteil ist vollgepackt mit Reisenden aller Art – Geschäftsreisende, Großeltern, Jugendliche, Familien, Paare. Nur Unseresgleichen suche ich vergebens. Wir scheinen die einzigen Rucksackreisenden aus Westeuropa zu sein. Während es langsam hell wird, nähern wir uns Belgrad. Wir wissen wenig von dem, was vor uns liegt. Dementsprechend neugierig schnuppern wir in der Luft, als wir vor dem alten Bahnhofsgebäude stehen. Es riecht fremd. Es riecht anders. Es riecht aufregend. Es riecht gut.

4.9.17   Ich wache auf, als ein rhythmisch schnaufender Jogger an unserem Zelt vorbei rennt. Es ist kalt, viel kälter als gedacht. Wir liegen in einem Stadtpark von Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Eine extrem lange Fahrt von Belgrad bis hierher liegt hinter uns. Während einer außerplanmäßigen Pause auf heißen Gleisen mitten in Serbien lernte ich dabei viel über die Gelassenheit und den Humor im Balkan. Beim Gedanken an den Stress, der wohl in einem deutschen ICE ausbrechen würde, wenn dieser ohne jegliche Erklärung mitten auf der Strecke für vier Stunden stehen bliebe, muss ich immer noch schmunzeln – kaum auszudenken, wie viele akkurat gekrempelte Kragen dort geplatzt wären.

5.9.17   „Lass uns einfach so schnell wie möglich durch die Türkei durchreisen, nicht dass wir noch verhaftet werden … Ja echt, im Moment passiert da sowas anscheinend!“ – kaum zu glauben, dass ich das tatsächlich einmal gesagt haben soll. Istanbul begrüßt uns mit strahlend blauem Himmel, wunderbar hilfsbereiten Passanten (ganz im Gegensatz zu dem Bankomaten, der gleich mal unsere Kreditkarte futtert), Möwengeschrei über dem Bosporus und natürlich: Çay! Der Schwarztee wird in kleinen Tassen von jungen Männern unter den Menschen auf der Straße verteilt. Es ist bunt, laut, geschäftig und überall riecht es unglaublich gut nach Essen. Eine der ersten türkischen Köstlichkeiten, die wir tatsächlich probieren, ist Cigköfte, eine Art scharfer, veganer Döner. Die mit Bulgurpaste, Salat und Tomaten gefüllten Weißmehlfladen kosten umgerechnet gerade einmal 60 Cent, weswegen ich mir direkt angewöhne, immer drei davon zu bestellen –  zur großen Freude der jeweiligen Verkäufer. Einige Tage später werde ich in der Kleinstadt Kars sogar lachend mit dem Smartphone beim Essen gefilmt und dazu aufgefordert, „Mmmmmh… This is the best Cigköfte!“ in die Kamera zu sagen. Sehr gern geschehen.

Istanbul

6.9.17   Dass wir in Ankara in einer Art Stundenhotel im Rotlichtviertel gelandet sind, wird uns erst zwei Wochen später auf der Rückfahrt so richtig klar werden. Wir sind erst mal einfach nur überrascht und überwältigt von dieser riesigen Stadt: Der deutsch sprechende Restaurantbesitzer, der uns spät abends noch einen vegetarischen Döner nach unseren Wünschen zaubert, die unzähligen bunten Essensstände in der Innenstadt, die gruseligen Erdoğan-Werbeplakate, die freundlichen Verkäufer in den Bäckereien, die einem das zuckrige Baklava förmlich in den Mund legen, sobald man die Teilchen nur länger als zwei Sekunden ansieht … Wir decken uns mit Essensvorräten ein, denn was vor uns liegt, ist eine Zugfahrt der Superlative: 24 Stunden in einem Sitzabteil, von Ankara bis nach Kars im Osten Anatoliens.

7.9.17   In Kars ist es Ozan, der uns rettet. Er ist der erste türkische Backpacker, den wir treffen und gleichzeitig unser neuer Freund und persönlicher Guide. Spät abends läuft er stundenlang mit uns durch die dunklen Straßen von Kars, auf der Suche nach einem Schlafplatz – und das, obwohl er selbst schon längst einen hat. Ein kleines Hotel, welches leider komplett belegt ist, ist plötzlich doch nicht mehr so komplett belegt, nachdem wir erklären, im Nachbarhotel einchecken zu wollen. Die jungen Rezeptionisten schlafen auf der Couch, um uns die Zimmer freizugeben. Wir sind heilfroh, dass Ozan die morgige Busfahrt nach Georgien für uns in die Wege leitet, nicht zuletzt weil unsere Türkischkenntnisse kaum über „Tessekülar“ (Vielen Dank), „Merhaba“ (Hallo), „Hayir Et“ (kein Fleisch) und natürlich „Tren“ (Zug) hinausgehen.

8.9.17   Tbilissi. Die Hauptstadt Georgiens. Wir können kaum glauben, dass wir es tatsächlich geschafft haben. Übrigens ist der Name der Stadt für die Georgier angeblich genauso schwierig auszusprechen wie für uns – früher hieß es offiziell tatsächlich „Tiflis“, was deutlich bequemer im Mund liegt.

In einer achtstündigen Busfahrt sind wir über die Grenze in unser Zielland gelangt. Wir staunen über alte, an Jugoslawien erinnernde Hochhäuser inmitten der schönsten Berglandschaft („Das sieht ja aus wie im Tessin!“), über all die Farben in Tbilissi und über die alten Männer auf den Gehwegen, die sich durch nichts in ihren Pokerspielen stören lassen. Ich bin fasziniert von den Märkten, auf denen sämtliches Gemüse, Obst, Trockenfrüchte und seltsame, in Wachs verpackte Nüsse verkauft werden. Während unserer ersten kläglichen Versuche, mit Einheimischen auf Georgisch zu kommunizieren, wird viel gelacht. Die Georgier scheinen Geduld und Zeit en masse zu haben. Für das Zubereiten und Genießen von Essen sowieso. Frische Tomaten, Gurken und Petersilie gehören zum Standard-Repertoire, genauso wie lecker duftendes Weißbrot und Mozzarella-artiger Weichkäse, der zwischen den Zähnen quietscht.

Farbenfroher Kunstmarkt in Tbilissi

11.9.17   Das erste Mal seit elf Tagen hat sich der blaue Himmel hinter einigen Wolken versteckt. Wir sind mit einer typischen „Marschrutka“, einem georgischen Sammeltaxi, in den Norden entgegen der russischen Grenze gefahren, um in den Bergen wandern zu gehen. Meine erste Fahrt in der Marschrutka erinnert mich auf ungute Art und Weise an frühere Fahrten in einer „Wilde Maus“-Achterbahn auf dem Jahrmarkt.

Mit etwas wackeligen Beinen steigen wir im Bergdorf Stepantsminda (früher: Kazbeg) aus dem Fahrzeug und werden sogleich mit lauten „Juta! Juta!“-Rufen empfangen. Mehrere Taxifahrer möchten uns in ihre Autos laden und für zu viel Geld in die nahegelegene Juta-Schlucht fahren. Gekonnt laufen wir „Ara, Ara, Ara“-sagend (Ara = Nein) durch ihren Pulk hindurch in Richtung Shawarma-Essensbude.

14.9.17   „Germany! Yes, Yes, haha! Merkel! Football!“, lacht unser Host Gogo. Mit offenen Fenstern, lauter prolliger Musik und den Armen lässig an den Fenstern, rasen wir in einem fremden Auto durch Zugdidi im Westen Georgiens. Was ist passiert? Spät abends laufen wir auf der Suche nach einem Schlafplatz am Zuhause unserer Fahrer vorbei und werden schnurstracks hereingebeten. Es wird aufgetischt, sämtliche Nachbarn kommen vorbei, es wird Duschwasser heiß gemacht, eine Waschmaschine für uns angeworfen und ein Bett für uns bereit gemacht. Wir sind perplex und ich weiß kaum wohin mit all meiner Dankbarkeit.

19.9.17   „Gibt es in Georgien eigentlich Bären?“, fragt Esthers Stimme hinter mir. Ich zwänge mich mit meinem Rucksack unter einem spitzen Ast hindurch. „Hey! Ist das nicht ein Wanderweg, da vorne?“, lenke ich ab und deute mit dem Finger höchstwahrscheinlich auf einen Bärenpfad. Seit etwa einer Stunde laufen wir mehr oder weniger orientierungslos an einem dicht bewachsenen Steilhang im Svaneti-Nationalpark nahe dem Dorf Ushguli entlang. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass unser späterer Taxifahrer auf die Frage, ob es hier tatsächlich Bären gebe, mit einem freundlichen und klaren „Ja“ antworten würde, wäre ich vermutlich nicht so ruhig geblieben. Aber die letzten Tage, in denen wir die kaukasischen Berge durchwandert haben, haben uns von allem Stress befreit. Die Abwesenheit von jeglichem organisierten Tourismus (und damit auch Wanderweg-Beschilderungen) ist spürbar beruhigend. Und die Berge sind unglaublich schön.

Unterwegs im Kaukasus

20.9.17   Ich sehe den schwarzen kleinen Hund noch auf die Straße rennen, bevor es einen kleinen Ruck gibt und wir uns panisch und fassungslos anstarren. Unser Taxifahrer verzieht keine Miene. Selten war ich so froh, endlich aus einem Auto zu steigen wie an diesem schwülen Nachmittag in Batumi am schwarzen Meer. Fünf Stunden sind wir mit dem Taxi von den kühlen Bergen bis in die pulsierende georgische Hafenstadt gefahren.

26.9.17   „Close de door, pliiiis, close, ok? Ok? Close! Looook! Close!“, versucht unser Schaffner mir die Funktionsweise unserer Abteiltür zu erklären. Dass ich es längst verstanden habe, interessiert ihn nicht. Wir schaukeln in einem luxuriösen Schlafabteil durch Bulgarien und Rumänien. Zwei extrem leckere Tage in Istanbul liegen hinter uns, und beinahe sentimental genieße ich das wohl letzte warme Börek, welches uns der Schaffner persönlich zum Frühstück bringt.

30.9.17   Wien Hauptbahnhof. Das Erste, was mir auffällt, ist der saubere Boden. Dass es überhaupt Sitzbänke gibt, scheint mir dermaßen übertrieben, dass ich den Kopf darüber schütteln muss. Ich bin überwältigt von all dem unnötigen Reichtum um mich herum. Aber dann kaufe ich mir ein Vollkornbrot. Aaaaah. Willkommen zurück.

 

Text: Jutta Stackelberg

Fotos: Jutta Stackelberg

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