Radeln durch Afrika(s)

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Als Frauen allein mit dem Rad durch Afrika; ist das nicht gefährlich? Das war die erste Reaktion auf den Plan mit dem Rad durch Afrika zu fahren. Wieso ist es in unserer Gesellschaft eigentlich so tief verankert, dass es in Afrika gefährlich ist? Liegt es an den wilden Tieren, die wir unweigerlich mit Afrika assoziieren? An unserem Unverständnis für afrikanische Kulturen? Oder an der häufig negativen Berichterstattung? Oder ist Afrika einfach gefährlich?

Wir haben es ausprobiert und sind letztes Frühjahr knapp 3000 km von Ruanda über Tansania und Malawi nach Sambia geradelt.

Zugegebenermaßen, als ich mit meinem Fahrrad in Ruanda ankam, hatte ich nach all den Warnungen zu Hause auch ein etwas mulmiges Gefühl. Ich glaube, das Wichtigste ist das Losfahren. Wenn man erst mal auf dem Weg ist, ergibt sich das Meiste von selbst. So wussten wir am Anfang auch nicht viel über den Verlauf unserer Route. Eigentlich nur, dass es von Kigali aus Richtung Süden gehen soll. Burundi schied aufgrund von politischen Unruhen aus, Tansania lag in Richtung Süden direkt auf dem Weg und Malawi und Sambia erschienen uns spannend, weil wir so wenig über diese Länder wussten und so entstand unsere Route.

Herausforderndes Afrika: Besonders am Anfang unserer Reise in Ruanda geht es viel bergauf

Start. Wir starten in Ruanda, der „Schweiz Afrikas“. Dieser Spitzname kommt einerseits durch die gute wirtschaftliche Situation des Landes, andererseits aber auch durch die 1000 grünen Berge, die sich über das kleine Land erstrecken. Obwohl es für InnsbruckerInnen wohl eher Hügel sind; wenn man Wanderwege mit viel Gepäck radeln möchte, bleiben es Berge. Ruanda ist sehr dicht bevölkert. Man kann sich das ungefähr wie in Innsbrucks Innenstadt vorstellen, denn die hat die gleiche Bevölkerungsdichte, mit dem kleinen Unterschied, dass das in Ruanda wirklich auf der gesamten Staatsfläche ist und rund die Hälfte der BewohnerInnen Kinder sind.

Kinder. Diese sind wirklich überall. Das ist natürlich irgendwie süß, aber kann durchaus verstörend sein. Zum Beispiel wenn man verzweifelt seine Blase entleeren möchte und wenn man gerade meint endlich einen stilles Örtchen gefunden zu haben, von ein paar neugierigen Kindern entdeckt und eingehend begutachtet wird. Ganz im Gegenteil zu anderen Situationen in denen die Räder an den Hängen anfangen rückwärts zu rollen und die Kinder, als ob es das normalste der Welt wäre, hinten am Gepäckträger mithelfen beim schieben. Da spürt man eine unglaubliche Dankbarkeit für sie. In diesen Situationen ist es schwierig,denn einerseits wollen wir ihnen als Dank eine Kleinigkeit geben, auf der anderen Seite,  wollen wir nicht das ohnehin schon falsche Bild des „reichen Weißen“ verstärken. Es ist ziemlich eindeutig, dass in Gegenden in denen viele Touristen sind, auch viel gebettelt wird. Deshalb versuchen wir den Kindern nicht einfach etwas zu schenken, denn davon haben beide mehr; die Touristen, die sich wohl fühlen und die Einheimischen, wenn dadurch mehr Touristen kommen.

Turbulentes Afrika: Eine neugierige Gruppe Kinder begrüßt uns bei unserer Ankunft in Ruanda

Neugieriges Afrika: tansanische Kinder wundern sich über die müde „Muzungu“ 

Essen und Trinken. Am Anfang ist es für das ungeübte Auge schwierig in Dörfern ein Restaurant zu finden, weil wir es so sehr gewohnt sind, dass es für alles ein Schild gibt. Doch bald gewöhnt man sich daran, dass es in fast jedem kleinem Dorf ein Restaurant gibt, dass man am einfachsten findet, indem die erstbeste Person fragt. In Ruanda, Sambia und Malawi sprechen die Menschen fast überall Englisch, in Tansania dagegen ist es manchmal schwer, aber mit einigen Wörtern in Kiswahili, kommt man gut durch. Die universelle Sprache des „Finger zum Mund“ führen versteht jeder. Das Essen nun ja, wer Reis, Spinat, Bohnen und eine Mais-artige Polenta mag, wird es lieben, für alle anderen? Viel Erdnussbutter!

Straßen. Die Straßen auf denen wir radeln variieren von ewig staubigen Sandpisten bis zu nagelneuen betonierten Schnellstraßen mit Fahrradstreifen. Manchmal brausen komplett geisteskranke Busse an uns vorbei, an anderen Orten sehen wir gar keine motorischen Fahrzeuge. Während in Ruanda und Malawi fast ein Dorf in das andere über geht, werden die Distanzen in Tansania und Sambia zwischen den Ortschaften größer, so dass wir mehr Wasser mit uns transportieren müssen.

Staubiges Afrika: Die Straßenverhältnisse variieren von endlos langen staubigen Sandpisten zu ganz neuen Asphaltstraßen

Mobiles Afrika: Auch hier werden wir wieder von einheimischen RadlerInnen ein Stück unseres Weges begleitet

Wasser. Es zu finden ist eigentlich nie ein Problem. In den meisten Dörfern gibt es einen Brunnen, an dem meist eh gerade Frauen und Kinder mit ihren gelben Kanistern beim Wasser holen sind und an dem sie uns gerne unseren im Vergleich winzigen Wassersack und Trinkflasche auffüllen. In diesen Momenten fühlt man sich weniger fremd, weil das Bedürfnis nach Wasser uns alle verbindet. Irgendwann stellen wir fest, dass das Wasser an bestimmten Brunnen besonders am Morgen merkwürdig schmeckt. Es dauert einige Zeit, dann lernen wir, dass das abgestandene Wasser aus der Leitung erstmal abgepumpt werden muss, bis frisches Wasser kommt. Eine von vielen Lektionen, die wir auf dieser Reise lernen und für die Einheimischen so selbstverständlich sind, für uns aber nicht.

Nachts. Wir übernachten zunächst auf Campingplätzen, einfachen Hotels, und auch mal bei Familien. An einem Abend in Malawi wird es jedoch knapp und wir schaffen es nicht mehr bis zur nächsten größeren Stadt, und so versuchen wir es bei einer Schule. Wir fragen vorsichtig an, ob wir ganz vielleicht unser Zelt im Garten der Schule aufschlagen dürfen. Wie wir es noch genauso oft wiederholen werden in den darauffolgenden Wochen, werden wir gebeten, auf den„Head Teacher“ zu warten. Als er eintrifft müssen wir erstmal ganz genau erklären wer wird sind. Wie es so oft der Fall sein wird, setzt der Schulleiter erst einen Blick auf, als ob dies ein völlig absurdes anliegen ist. Im nächsten Moment lacht er dann und will alles ganz genau wissen. In der ersten Nacht dürfen wir zelten. In den darauffolgenden Nächten in Schulen und Kirchen, bekommen wir leere Zimmer zur Verfügung gestellt. Von Bibliotheken und Schulleiterzimmern bis zu normalen Klassenzimmern ist alles dabei. Es ist lustig und doch absurd, würde bei uns jemand anfragen, ob man in unseren Schulen spontan schlafen dürfe, würde wahrscheinlich die Polizei gerufen werden und hier nehmen uns die Menschen gerne für eine Nacht auf.

Gastfreundliches Afrika: Übernachtung in einer kleinen Kirchengemeinde im ländlichen Sambia

Schönes Afrika: Unterkunft unter einem großen Baum auf einem Campingplatz am Malawi See

Morgendliches Afrika: Am Morgen nach einer Übernachtung in einer Integrations-Schule in Malawi

Alltag. So wild man es sich vorstellt mit dem Rad durch Afrika zu fahren, so normal doch irgendwie sobald man unterwegs ist. Morgens stehen wir um 6 auf, packen unser Nachtlager zusammen und verstauen es auf der Rädern, füllen unsere Wasserflaschen auf, radeln los.  Wir radeln und radeln, essen und radeln weiter, bevor wir uns ein Nachtquartier suchen und meist erschöpft hinlegen. Wir lernen viele verschiedene Menschen kennen: einen Bauern, der täglich zwei Stunden pro Strecke zu seinem Feld radelt . Ein malawisches Hausmädchen, dass mit 17 nach Tansania zum arbeiten geschickt wurde. Kongolesische Flüchtlinge, die zu Fuß auf dem Weg nach Südafrika sind. Wir verbringen Zeit mit einen malawischen Musiker, mit eigenem kleinen Tonstudio und sambischen Jus Studentinnen, die in WG’s leben und Auslandssemester in Südafrika machen. Es gibt ganz eindeutig viele Probleme, aber es hat in diesen Gebieten sicher nichts mit dem Elend Afrikas zu tun, das wir meist zu sehen bekommen und mit dem wir häufig „Afrika“ assoziieren.

Herzliches Afrika: Zu Besuch bei einer malawischen Familie zum Spagetti Kochen

 

 

 

 

 

 

Stadt vs. Land. Ich habe auf dieser Reise gelernt, dass es nicht nur zwischen den afrikanischen Ländern extreme Unterschiede gibt, sondern vor allem auch innerhalb der Länder selbst. Bei mir ist ein Gefühl hängen geblieben, dass der Lebensstil der „Städtler“ oft mehr mit dem Leben in Europa zu tun hat, als mit dem Leben in ländlichen Gebieten in demselben Land. In den Städten sind Pizzas, Autos, Smartphones, Unis und Shoppingmalls mit westlichen Produkten allgegenwärtig. Auf dem Land ist es ganz generell schwierig an Produkte außerhalb der lokalen Landwirtschaft zu kommen. Doch auch auf dem Land gibt es im Allgemeinen -ganz im Gegenteil zu „unserem“ Bild von Afrika- genug zu Essen, Wasser und Schulen. Dort haben die Menschen haben zwar keine Smartphones, aber sie haben Handys. Sie haben keinen Anschluss an die Stromleitung, aber sie haben Solarpaneele um ihre Handys zu laden. Es gibt auf jeden Fall sehr krisengeschüttelte Regionen in Afrika, aber genauso gibt es andere, wo die Menschen einfach leben.

Mit dem Fahrrad durch Afrika, ist das nicht gefährlich? Ich finde nein, ist es nicht. Zumindest nicht gefährlicher als anderswo. Man muss sich definitiv  informieren und ein Gespür für die Regeln der Kulturen bekommen. Doch wie soll man das lernen? In den Medien hören wir etwas über Krieg, Terrorismus und bittere Armut. In dieser Vereinfachung, findet sich weder die Komplexität des afrikanischen Kontinents noch das Leben der meisten Menschen wieder. Es gibt so viele Perspektiven, z.B. unsere hier als Studenten in Innsbruck mit dem ewigen Thema des „wie wird das Wetter morgen und was machen wir?“. Es ist eine wunderbare, aber eben nur eine Perspektive und es gibt noch viele dort draußen, die es lohnt zu verstehen. Um Menschen aus anderen Kulturkreisen bei uns besser zu verstehen und auch um unsere eigene Lebensweise zu hinterfragen. Und das gilt anders herum selbstverständlich genauso, aber derzeit haben wir deutlich bessere Möglichkeit uns auf den Weg zu machen. Am besten natürlich mit dem Rad.

Afrika für mich: zwischen Tradition und Moderne. Diese beiden Realitäten existieren nebeneinander, häufig jedoch ohne jede Verbindung miteinander

Sauberes Afrika: Frauen spazieren am glasklaren Malawi See entlang

Grünes Afrika: ein Blick aus den Bergen auf den Malawi See

Angepasstes Afrika: ein mobiler Bankomat versorgt ländliche Regionen in Tansania mit Bargeld. Diese technologische Entwicklung wird aber größtenteils übersprungen – Geldüberweisungen per Handy („mobile money“) sind viel gebräuchlicher 

Radeln in Afrika: wir haben sehr viele verschiedene Afrika(s) in Ruanda, Tansania, Malawi und Sambia gesehen. Wie es wohl erst wäre in Äthiopien zu radeln, oder Westafrika…?

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