IMHO #39 – Braucht kein Mensch!

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Wir haben Oktober. Das ist jetzt wichtig. Ich sag’s nochmals: Oktober! Und trotzdem schreckt so mancher Gastronom nicht zurück ein gewisses winterliches Getränk auszugeben. Und die jungen Leute kreischen wie früher bei Konzerten der Backstreet Boys. Ein Getränk, das auch im Winter kein Mensch braucht. Den Glühwein.

Glühwein im Oktober? Braucht kein Mensch!

 

Ich stelle mir mal eine Situation vor, die im Oktober am Ende zum Glühweintrinken in die Altstadt führt: zwei Personen, nennen wir sie Theodor und Roswita, sitzen bei 18 Grad auf der Innpromenade und genießen in trauter Zweisamkeit wie die Sonne langsam im Inn verschwindet. Theodor will schon zusammenpacken, doch Roswita hat plötzlich eine geniale Idee: „Theodor, es ist noch so schön warm und wir sind jung. Lass uns doch einen Glühwein trinken gehen.“ Theodor ist von der Vorstellung das klebrige, ungenießbare und heiße Getränk seinen Rachen hinterschlingen zu müssen so angetan, dass er sofort begeistert aufspringt und Hand in Hand mit Roswita in die Altstadt sprintet. Dort angekommen stehen schon 100 Leute vor diesem magischen Ort, wo sich der Geruch von Döner, Erbrochenem und Glühwein zu einem verführerischen Duft zusammenmischt. Um zwei Euro holen sie sich jeweils eine Tasse Etwas, auf dem das Goldene Dachl, umringt von Weihnachtsbäumen und dem Schriftzug „Christkindlmarkt“, abgebildet ist. Roswita prostet ihrem wackeren Begleiter zu und führt die Tasse an ihre Lippen, um den ersten Schluck zu wagen. Nachdem sie ihre Zunge daran mehrmals verbrüht hat, gelingt es ihr schließlich das heiße Zuckergetränk endlich zu verköstigen. Sie verzerrt ihr Gesicht und ein Blick zu Theodor verrät ihr, dass auch er dagegen ankämpfen muss, damit das Mittagessen dort bleibt wo es hingehört. Als sich ihre Blicke treffen, lächeln sie sich gegenseitig an. „So muss der Himmel schmecken“, schwärmt Theodor, bevor er zögerlich einen erneuten Schluck wagt und inständig hofft, dass alles gut ausgeht. Als die Tassen geleert sind, schaut Roswita unsicher zu Theodor. „Hol ich uns noch Zwei?“. „Unbedingt“, verlangt Theodor. Denn immerhin haben wir ja schon Oktober. Wir sind also mitten in der Glühweinzeit!

Das klingt doch wunderbar, oder? Kann man sich denn etwas Schöneres vorstellen, als bei knapp 20 Grad im Oktober endlich das abscheulichste, ekeligste, aber dennoch beliebteste Wintergetränk zu konsumieren? Unvorstellbar, oder? Und trotzdem muss mir jemand, trotz dieser herzerwärmenden Geschichte, erklären, warum man dieses heiße, von Zucker strotzende, alkoholische Getränk (von heißen Wein kann bei besten Willen nicht die Rede sein, immerhin wird nur ein unbekanntes Pulver mit heißen Wasser vermischt) schon zweieinhalb Monate vor Weihnachten ausschenken muss. Vor allem aber frage ich mich, warum es Leute gibt, die sich dieses Getränk schon im Oktober antun wollen. Und das ganz freiwillig. Ohne Zwang. Einfach so. Sogar in Guantanamo schreckt man vor solchen Praktiken zurück.

Wenn Glühwein, dann selbstgemacht.

 

Besonderes bewahren

Auch ohne gläubig zu sein, hat die Weihnachtszeit einen gewissen Zauber. Zwar sind viele Menschen in dieser Zeit gestresst, da man Plätzchen backen und Geschenke besorgen muss (und zwischendrin den einen oder anderen Glühwein hinunterwürgt), aber trotzdem gibt es Momente des Innehaltens, um in den Nachthimmel zu schauen und sich von herunterfallenden Schneeflocken an der Nase kitzeln zu lassen, während im Hintergrund weihnachtliche Töne und Klänge zu vernehmen sind. Solche Momente sind etwas Besonderes, etwas, das man nicht herbeizwingen kann, nur weil man jungen Leuten mit einem Glühwein zum nächsten Rausch verhelfen will. Dass die ohnehin schon durchkommerzialisierte Weihnachtszeit nun schon im Oktober beginnen muss, ist einfach nur traurig. Etwas Besinnung würde uns allen gut tun, offensichtlich auch schon im Herbst. Und wer unbedingt schon im Oktober einen Glühwein haben will, folgende Idee: warum nicht selber machen?

 

Und was machen unsere beiden Freunde? Theodor und Roswita sind in der Zwischenzeit schon bei ihrem fünften Krüglein angekommen. Es ist inzwischen schon spät geworden und die Temperaturen sind auf ungeheuer kühle 16 Grad gesunken. Inzwischen unterhalten sie sich lallend, wie fein es wäre, wenn schon im Sommer mit dem Glühweinausschank begonnen werden würde. Ach was, wenn die Glühweinzeit das ganze Jahr über gehen würde. Dann könnte man auch bei 40 Grad im Schatten statt Strandcocktail den Strandglühwein genüsslich aus einem (plastikfreien, wir sind ja keine Unmenschen) Strohhalm schlürfen, während man mit den nackten Füßen im Sand spielt. Was für Aussichten!

 

Fotos: Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt von Björn via Flickr unter CC BY-NC-SA 2.0; Glühwein von guydudka via Pixabay unter CC0

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