Kuba: Karibische Zeiten?

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Hinfahren, recherchieren, schreiben. Klingt nach einem Plan. Doch Step 2 scheitert an der Tatsache, dass mein Reiseziel Kuba heißt. Anstatt mit Antworten komme ich mit Fragen im Gepäck zurück. Was also schreiben? Eine kubanische Momentaufnahme.

 

Bunt, laut und retro

Drei Dinge, an die man bei ‚Kuba‘ denkt: Rum, Zigarren – Oldtimer! Und es gibt sie tatsächlich. Die bunten Karren aus dem vergangenen Jahrhundert sind nicht nur Klischee und Touri-Attraktion. Meist schaukeln sie als Taxi oder Máquina die Straßen entlang. Eine Máquina, ein Sammeltaxi, ist dabei die preisgünstigere und für Kubaner üblichere Variante. Man fährt eine festgelegte Route, auf der Fährgäste aus- und zusteigen können. Auf den breiten Polsterbänken reist es sich, selbst  in einem vollen Wagen, äußerst bequem. In allen erdenklichen Farben scheppern sie dahin, eingehüllt in lauten Reggaeton und Motorendröhnen, während einem Benzin- und Abgasdämpfe mit dem Wind durch die offenen Fenster um die Nase streifen.

Rund um den Altstadtkern  werden Oldtimer-Fahrten auch als Touristenattraktion angeboten.

 

Eier sind für heute leider aus

Einmal in den Supermarkt und der Einkauf ist erledigt. Hoch lebe der Kapitalismus! Im sozialistischen Kuba dagegen heißt Supermarkt vor allem leere Regale oder überteuerte Importgüter und Ladenhüter. Der Wocheneinkauf kann schon mal den halben Tag in Anspruch nehmen. Reis, Bohnen, Salz, Öl oder Seife, das Wichtigste vom Wichtigsten sozusagen, gibt es günstig in den Bodegas. Kubaner nutzen hier auch ihre libreta, die staatlich bereitgestellte Lebensmittelkarte. Fleisch, Saisongemüse und -obst kauft man auf den Bauernmärkten, in kleinen Läden oder am Karren eines Straßenverkäufers. Während Letztere versuchen, mit melodischen Rufen auf ihre Produkte aufmerksam zu machen, kündigt sich die nächste Bäckerei über den Duft des watteartigen Weißbrots an. Was hierzulande viele grüngesonnen Herzen höher schlagen ließe, ist in Kuba übrigens unfreiwillige Realität: Verpackungsloses Einkaufen, die Plastiktüte selbst im Gepäck. Wird eine Tüte nicht für den nächsten Einkauf aufgespart, kommt sie als Müllbeutel zum Einsatz.

Einkaufszene in einer Bodega im Zentrum Havannas.

 

Schlangen

An manchen Orten wimmelt es nur so davon: Die gemeine kubanische Warteschlange findet sich häufig vor Banken und Internetkarten-Shops. Zwei besonders lange Exemplare zeigen sich täglich vor Kubas berühmtester Eisdiele Coppelia. In der Regel handelt es sich um eine harmlose Spezies, solange man sich an die Regeln hält. Beim Anstellen fragt man direkt mit „El último?“ nach dem Letzten in der Schlange und merkt sich die Person als seinen Vordermann. Die Warterei selbst verläuft nicht weiter spektakulär und man kann sich derweilen ruhig ein schattiges Plätzchen suchen. Nur eben nicht die Reihenfolge aus den Augen verlieren – oder gar versuchen sich vorzudrängeln, denn sonst wird die Schlange doch noch zum gefährlichen Gegner.

Beim Schlangestehen kann es schon mal passieren, dass dadurch ein Teil der Straße blockiert wird.

 

Smombie-Insel

Welt ohne Internet: Diese Vorstellung scheint im ersten Moment fast absurd, in Kuba war sie bis vor wenigen Jahren allgegenwärtig. Heute gleicht das Land, was das World Wide Web betrifft, einem Ozean mit ein paar winzigen Wlan-Inseln. Diese finden sich auf öffentlichen Plätzen, in Parks und den großen Hotels. Die Menschen starren in ihre Smartphones, texten und telefonieren, selten hat jemand eine Laptop dabei. Zugang zum Netz erhält man über einen ellenlangen Code, den man für einen CUC pro Stunde bei den Wlan-Shops erstehen kann. Sobald man sich zu weit vom Insel-Router entfernt, herrscht wieder absolute Funkstille.

Smombies in einem Internetpark in Havanna.

 

Warten und Hoffen

Die wichtigste Lektion für den kubanischen Alltag lautet: „Esperanza.“ Samstag, am späten Nachmittag warten wir inmitten der westkubanischen Pampa bei trockener Hitze auf den Bus – seit drei Stunden. Eigentlich hätte er schon vor zweieinhalb kommen sollen. In der Hoffnung eine freie Máquina oder eine private Mitfahrgelegenheit zu ergattern, springen wir bei jedem vorbeifahrenden Auto auf und strecken unsere Daumen auf die Straße. Die vier Kubaner, die mit uns an der Haltestelle stehen, lassen sich davon genauso wenig aus der Ruhe bringen, wie von den verstreichenden Stunden. Sie rauchen und plaudern. „Esperanza“, meinen sie schließlich zu uns – das Motto der Stunde! Warten und Hoffen. Kurz darauf kommt der Bus.

Abseits der größeren Städte, zwischen Wiesen und Tabakfeldern  herrscht nicht viel Verkehr.

 

Bonita, Bonita!

Abseits der Touristenzentren geht man als Frau selten eine Straße entlang, ohne von Schmeicheleien und Luftküssen verfolgt zu werden. „Mami!“ „Beautiful!“ „Love you!“ Ob es sich bei der Angebeteten um eine Einheimische oder eine Touristin handelt, macht keinen Unterschied. Willkommen in der Macho-Gesellschaft! Die Flirtereien auf offener Straße gehören genauso zum kubanischen Alltag wie etwa das Domino spielen. Im Bus gewährt man(n) der Frau Vorrang auf einen freien Sitzplatz und steht nicht selten sogar auf, um den eigenen Platz für einen weiblichen Fahrgast frei zu machen. Beim Aussteigen, ob aus dem Bus, der Fähre oder dem Taxi, wird einer außerdem häufig eine helfende Hand entgegen gehalten oder beherzt nach dem Arm gegriffen. Eine Zurückweisung der männlichen Unterstützung gilt als äußerst unhöflich.

Hola chica!“ Ein Peace wie hier, bekommt man selten zu sehen, vor Handküssen und tiefen Blicken kann man sich dagegen kaum retten.

 

Unterwegs in Guagua und Camión

Auch wenn es die alltäglichste Sache der Welt sein mag, Busfahren war vielleicht das aufregendste Erlebnis meiner ganzen Kubareise. Neben herkömmlichen Stadtbussen, den Guaguas, sind auch Camiones, mit Sitzbänken und Haltestangen ausgebaute Kleinlaster, üblich. Beide sind meistens vor allem eines, nämlich voll. Eingezwängt zwischen fremden Körpern tuckern wir dahin, die Frau  auf dem Sitz neben mir greift nach meiner Tasche. Eine der goldenen Busnormen: Wer sitzt, nimmt das Gepäck der Stehenden auf den Schoß. Dankend gebe ich sie ihr. Der Bus hält, obwohl er schon übervoll ist, an der nächsten Haltestelle. „Drei Leute mehr, das klappt nie“, denke ich mir. Tut es doch: Einmal kurz Quetschen, damit auch die Tür noch zugeht und schon geht’s weiter. Einer der Zugestiegenen hat ein lebendiges Huhn auf dem Arm.

Im Nachhinein sind die Fahrten mit den Guaguas und Camiones das Erlebnis, das wohl am meisten mit kubanischem Leben zu tun hat: Unbequem und mit wenig Bewegungsfreiheit tuckert man dahin, wartet darauf, endlich rauszukommen oder versucht zumindest das Beste daraus zu machen. Esperanza, eben.

Pendeln zwischen Land und Stadt: Für viele Kubaner gehören mehrstündige Busfahrten zum Alltag.

 

Kuba kann man nicht verstehen

„Das ist einfach so. Kuba kann man nicht verstehen.“ Immer wieder muss ich mich mit dieser Antwort zufrieden geben. Am Ende meines Besuchs auf der Karibikinsel ist der Satz das einzige, was ich glaube, verstanden zu haben. Kuba kann man einfach nicht verstehen, nicht in drei Wochen und vielleicht nie. Aber mit genügend „Esperanza“ lässt es sich auch so ganz gut leben…

Es eilt ja nicht: Zeit für einen Plausch im Vorbeigehen bleibt immer.

 

Allgemeine Infos über Kuba:

Fläche: 110 860 km2

Bevölkerung: 11,2 Millionen

Währung: Peso Convertible (CUC), Peso Cubano (CUP)

1 CUC = 23 CUP = 0,88 Euro

Staatsform: Sozialistische Republik

 

 

Und natürlich ist Kuba noch viel mehr als Oldtimer, Warteschlangen und Busfahren …

 

Für knapp drei Wochen war unsere Redakteurin (rechts) zu Besuch bei ihrer Freundin Patrizia (links), die in Havanna ein Auslandssemester macht.

 

„Esperanza“ in Kubas Hauptstadt.

 

Gebäuderuinen gibt es Havanna an jeder Ecke, bestenfalls wird versucht, sie zu renovieren.

 

Grundsätzlich gilt: Was nicht passt, wird (wieder) passend gemacht.

 

Obst, Gemüse und Fleisch gibt es auf jedem typischen Bauernmarkt.

 

Obwohl sie auf der Karibikinsel wachsen, sind Früchte für viele Kubaner ein teurer Genuss.

 

Immer wieder erinnern Wandbilder und Parolen an das politische Regime und die Väter der Revolution…
Insel der Gegensätze: An den karibischen Stränden merkt man wenig von Armut, Verfall und Sozialismus.

 

Kubanischer Alltag: Ein Frisörsalon im Herzen von Havanna.

 

Zuckerschock für Zwischendurch: Ein „Eissalat“ bei Coppelia. Typisch kubanisch bestellt man mehrere Portionen, am besten mit Kuchen als Beilage.

 

Was wäre Kuba ohne Tabak? Vor allem im Westen der Insel werden die Pflanzen angebaut, getrocknet …

 

… und zu den weltbesten Zigarren weiterverarbeitet.

Fotos: Lisa Probst

 

 

 

 

 

 

 

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