(IMHO #31) Hört endlich auf mit dem Emoji-Wahnsinn!

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Ich halte ja einiges aus. Aber als ich neulich an einem Werbeplakat vorbeifuhr und dort „EMOJI – DER FILM“ las, ging etwas in mir kaputt und ich begann zu googeln.

Shigetaka Kurita war’s. Der hat damit angefangen. Der japanische IT-ler experimentierte 1999 mit kleinen Bildchen herum und wollte eigentlich nur die digitale Wetter-Anzeige anschaulicher machen. Eine kleine Sonne, ein geöffneter und ein geschlossener Regenschirm. Oh, wäre es nur dabei geblieben.

 

Heutzutage ist das Internet fest in der Hand der 💩 und die Einsatzmöglichkeiten aller Emoticons scheinen endlos. Moment – Emoticons? War nicht die Rede von Emojis? Hä? Es ist wohl Zeit für eine kleine Aufklärung:


Emoji, das; zu deutsch „Bildschriftzeichen“: Ein Ideogramm, das in Chats und SMS längere Begriffe ersetzt. Also zum Beispiel ein lächelnder Kackhaufen – der sagt ja bekanntlich mehr als tausend Worte.

Emoticon, das: einzelne Zeichenfolgen aus ACSII-Zeichen, die helfen, in schriftlicher Kommunikation Gefühlszustände auszudrücken. Also zum Beispiel die Zeichenfolge : – )


Früher war natürlich sowieso alles besser, insbesondere aber die SMS waren übersichtlicher. Es gab den lachenden Smiley (damals von vielen noch „Smeili“ geschrieben), wenn man etwas witzig fand. Den traurigen Smiley verwendete man, wenn einem irgendetwas nicht in den Kram passte, und den Zwinkersmiley benutzte man, um anzuzeigen, dass man etwas todernst meinte ;-). Aber mit den Smartphones fluteten auch sämtliche Emojis das digitale Leben und Schluss Aus Fertig – Vorbei war’s mit der Einfachheit und Übersicht. Auf Facebook werden sämtliche Statements mit den dazu passenden Minibildchen versehen, als wären wir zu dumm, um Sinn aus Worten zu erkennen.

Und als wäre das nicht genug, sehen sie auch noch scheiße aus. Kitschig und quietschbunt reihen sich explodierende Schultüten an klirrende Sektgläser an Mini-Liegestühle an Auberginen, die ihrer eigentlichen Bedeutung schneller beraubt wurden, als irgendjemand „Penis“ sagen kann.

Warum muss man den Satz „Beschissenes Wetter Heute…“ (der ohnehin nicht gerade vor Wichtigkeit strotzt) auch noch mit kleinen blauen Regentropfen, einem blauen, einem grünen und einem roten Regenschirm sowie einem Haus, einem Buch und einem augenverdrehenden Gelbkopf versehen? Ich werde es wahrscheinlich nie verstehen, denn wer nicht mit Worten erklären kann, warum er an einem Regentag nicht aus dem Haus geht obwohl er drei verschiedene Regenschirme besitzt und stattdessen daheim ein Buch liest von dem er genervt ist, der hat wahrscheinlich auch in der Schule Deutschaufsätze aus Literaturhilfen abgeschrieben und sich dabei seiner Kreativität erfreut.

Die irre Beliebtheit von Emojis versuche ich mir dadurch zu erklären, dass viele von ihnen keinen wirklichen Sinn ergeben und einfach nur aus Spaß verwendet werden. Was soll bitteschön ein Smiley ohne Mund?? Das gelbe Gesicht sieht so leer und ausdruckslos aus, dass man damit höchstens bezweckt, dass sich der Chatpartner den Kopf darüber zerbricht, was wohl damit gemeint sein könnte. Denn wer sprachlos ist oder einfach nicht weiß, was er sagen soll, hält am besten den Mund. Und Mund halten heißt Mund halten. Nicht, einen Smiley ohne Mund zu posten.

Das ständige Herumgeposte mit all den schrillen Emojis wirkt ohnehin sehr fake und schreit einfach nur nach Aufmerksamkeit. Es wirkt fast verzweifelt, all seine Posts mit bunten Bildchen zu versehen – so, als würde man seinen Freunden ständig Bilder all seiner Unternehmungen unter die Nase halten, weil man nicht weiß wie man davon erzählen soll.

Emojis sind mittlerweile so fest im digitalen Leben verankert, dass über ihre politische Korrektheit diskutiert wird. Bald soll es einen Hijab-Emoji geben. Den ganzen Rest gibt es zumindest schon in jeweils weiblicher und männlicher Ausführung, auch dunkelhäutige Muskelarme und Fäuste und weißallahnochwasalles. Aber das macht es doch auch nicht einfacher. Jetzt muss sich der (oder die!) Emoji-BenutzerIn auch noch Gedanken darüber machen, ob in diesem oder jenem Kontext der dunkle Muskelarm oder die milchschokoladenfarbene Faust passender oder irgendwie doch rassistisch sind?

Am Besten man lässt den ganzen Quatsch einfach weg und erklärt sich entweder persönlich von Angesicht zu Angesicht, denn hey – es gibt etwas Wunderbares das uns Mutter Natur mitgegeben hat: Mimik. Oder man verlässt sich darauf, dass die Adressaten Inhalte auch ohne dümmliche Symbole verstehen.

Denn als Kind haben wir wohl alle die bekannten Bild-Lückentexte gelesen und geliebt: Andreas packt seinen 🏐 in seinen 🎒 und fährt mit dem 🚲 davon. Aber sollten wir uns seitdem nicht ein Stückchen weiterentwickelt haben? Anscheinend ging das gewaltig nach hinten los, denn ab jetzt scheint man auf den Lesefluss zu scheißen und der Satz steht eher so da: Andreas packt seinen Ball 🏐🏀⚽️ in seinen Rucksack 🎒 🎒 und fährt mit seinem Fahrrad 🚴🏼 🚵🏻davon! 🌎🏔 🏞🏕🌴☀️🍹📸.

Da bleibt mir nur noch eins zu sagen: 🖕🏽.


Bilder: Noto Emoji Oreo auf commons.wikimedia.org unter Apache License 2.0, A small and awesome thing I discovered in a recent software update! von Lisa McLymont via flickr.com unter CC 2.0, apple-emoji-ios-9-1-01 von francisco toquica via flickr.com unter CC 2.0, Miguel On: Identity von K P via Flickr.com unter CC 2.0

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