Eine Hommage an das Rennrad oder: Warum Rennradfahren einfach besser ist als Mountainbiken

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Mountainbike – das Bergfahrrad. Ganz ehrlich, englische Begriffe benützen zu müssen weil die deutschen zu uncool klingen, macht die meisten Begriffe und die dazu passenden Sportarten nicht gerade cooler. Ich weiß, dass diese Hommage an das Rennrad in einer Stadt wie Innsbruck gewagt ist und eine Welle der Wut und Empörung hervorrufen könnte, und trotzdem möchte ich euch aus Liebe zu meinem 80er Jahre Sancineto sagen, wie viel besser Rennradfahren ist.

 

  • Die Ästhetik: Ein Mountainbike ist breit, unförmig, beinahe klobig und (zumindest vor einigen Jahren noch) schwer. Wer darauf fährt, erinnert mich zwangsläufig an einen Harley-Davidson-Fahrer, der sich gerade ein Schweineschnitzel reingezogen hat, daraufhin beim Aufstieg dessen Geruch ausschwitzt und schnaufend im Takt der Voll-Federung seinen Speck hoch und runter schwabbelt. Egal wie teuer dein Bergfahrrad war, wenn du bei der ersten Steigung aus dem Sattel steigst und den Blick auf deine noch teurere Federung und die Wurzeln darunter richtest, sieht es so unzufrieden und aggressiv aus, dass ich dir am liebsten einen Anti-Aggressions-Knautschball in die Hand drücken möchte. Aber deine verkrampften Hände umklammern die Kunststoff-Griffe deines viel zu breiten Lenkers. Das Rennrad dagegen – oh – es ist windschnittig, leicht, schlank, rank und elegant…schlicht: wunderbar ästhetisch. Jeglichen unschönen und überflüssigen Schnickschnack wie Vorder- und Hinter(n)federung hat das Rennrad nicht nötig. Keine künstlichen Plastik- oder Gummigriffe, sondern angenehmes Lenkerband, welches farblich zum restlichen Rad passt, sind pure Erholung für die Hände und Augen. Wer auf dem Rennrad sitzt, sieht die Umgebung in angenehmer Geschwindigkeit an sich vorbeiziehen, und anders als der Bergfahrradfahrer hat der Rennradler Zeit, sich die Umgebung anzusehen. Er bekommt einen Weitblick rundherum und bis in die Ferne, denn er muss nicht ständig auf den Untergrund achten. Er gleitet Berge in sanften Serpentinen herauf und saust sie beinahe geräuschlos wieder herab, gekühlt vom Fahrtwind. Wer meint, noch nie vor Glück lauthals gejubelt zu haben, der ist noch nie mit dem Rennrad talabwärts gefahren.

 

  • Die Geschwindigkeit: Mit dem Bergfahrrad lässt es sich praktischerweise gut bergauf und wahrscheinlich auch bergab fahren und springen. Ja, es mag Spaß machen, über Wurzeln und Steine zu hüpfen. Aber noch viel mehr Spaß macht es, mit 50 km/h durch eine innerörtliche Geschwindigkeitsmessanlage zu fahren, dabei dem traurigen Smiley auf der Anzeige die Zunge entgegenzustrecken und bei jeder Umdrehung die Klickpedale von hinten hochzuziehen und dem Tacho noch ein paar km/h zu schenken. Das intensive Glücksgefühl, das sich im Körper ausbreitet sobald die Umgebung mit schwindelerregender Geschwindigkeit an einem vorbeizieht, kommt nicht von ungefähr. Wer klebte nicht als Kind schon fasziniert am Zugfenster (oder tut es Heute noch) und sah den verblüfften Kühen hinterher? Menschen lieben seit jeher die Freiheit, die die Geschwindigkeit mit sich bringt. Und so tun es Rennradler. Auch können sie an einem Tag weit mehr Kilometer zurücklegen als Bergfahrradfahrer. So sieht man mehr und man kann, wenn man will, in drei verschiedenen Dörfern auf drei verschiedenen Sprachen drei verschiedene Sorten Eis bestellen.

 

  • Die Einfachheit und Vielfalt:Rennrad ist nicht gleich Rennrad. Es gibt so viele verschiedene Kompositionen aus den Fahrradbestandteilen wie Beethovens 9. Sinfonie Notenköpfe hat. Allein qualitativ extrem hochwertige Exemplare des letzten Jahrhunderts gibt es in Italien wie Sand am Meer. Cinelli, Pinarello, Bianchi, Basso oder Colnago sind nur wenige der bekannten Marken, bei dessen Klang Rennradliebhabern das Herz aufgeht. Aber auch aus Österreich, Frankreich, dem restlichen Europa und Amerika kommen teilweise handgefertigte, liebevoll gestaltete Einzelexemplare. Ob aus Stahl, Aluminium, Carbon oder Bambus – sie sind allesamt wunderschön und simpel. So simpel, wie sie nur sein können. In der Einfachheit liegt die Schönheit, das sagte bereits Platon. Wozu also der ganze Schnickschnack – ein Rahmen, zwei Räder, ein Lenker, zwei Bremsen, zwei Pedale und eine Schaltung – fertig ist das Lebensglück.

 

  • Die Tradition: Eigentlich schon immer da gewesene Rennen wie die Tour de France sind nicht ohne Grund weit bekannter und beliebter als sämtliche Bergfahrrad-Events. Doping und Unfälle mögen ihren Teil zur Berühmtheit beigetragen haben, aber das Rennradfahren hat schlichtweg eine so lange Tradition, während der mit so viel Herzblut so viel Liebe aufgebaut wurde, dass es aus dem klassischen Sport nicht mehr wegzudenken ist. Dagegen stinken Events wie das Crankworx (sorry!) leider ab.

 

  • Die Gruppendynamik: Beim Rennradfahren achtet man aufeinander, denn im Straßenverkehr gilt es bei hoher Geschwindigkeit besonders auf andere langsamere Verkehrsteilnehmer zu achten (wie z.B. erschöpfte Bergfahrradfahrer auf dem Heimweg). Kreuzt eine Rennradler-Kolonne eine Straße, hört man so viele laute „Frei!“- oder „Stop!“-Rufe, wie die Gruppe Mitglieder hat. Auf schmalen Radwegen zeigt man den Fahrern hinter sich per Handzeichen an, ob man einige Momente später nach rechts oder links ausweichen muss und man warnt vor Schlaglöchern, Stöcken oder Steinen auf dem Weg. Fährt man lange Strecken geradeaus, wechselt man sich mit dem Windschatten ab: „belgian circle“ nennt man das regelmäßige Hinten-Einreihen des ersten Fahrers. So spart man sich Kraft und die ganze Gruppe profitiert von der geteilten Energie. Auch als einzelner Rennradler wird man aus diesem Grund häufig in fremde Gruppen aufgenommen, sofern man ein ähnliches Tempo fährt. Und solltest du mal ´n Platten und dein Flickzeug vergessen haben, wird dir der nächste Rennradler mit seinem Flickzeug und/oder Schlauch aushelfen.

 

  • Die Flexibiltät: Mit dem Rennrad lässt es sich auch mal auf einem Schotterweg im Wald fahren, und wenn es zu holprig wird, kann man es leichterhand schultern und ein Stück tragen. Außerdem taugt das Rennrad in der Regel auch als Wanddekoration in deiner Altbauwohnung – Millionen Berliner Hipster können nicht irren!

 

  • Der Stil: Wer sich durch die enge Sportkleidung vom Rennradfahren abschrecken lässt, dem sei gesagt: Rennradtrikots sind mit ihren Rückentaschen ungemein praktisch, und die engen gepolsterten Hosen rangieren mit Sicherheit u nter den bequemsten Hosen weltweit – eine weite Überhose löst das unnötige Style-Problem, das erstaunlich viele Menschen mit den Radhosen zu haben scheinen.„Was habt ihr? Die sind TIGHT!“

 

Ergo: Rennradfahren ist einfach schöner, eleganter, schneller, sozialer und entspannter als „Mountainbiken“. Verkauf dein Fully, investiere in ein schönes Cinelli und auf geht`s! Vergiss nur deine Fremdsprachenkenntnisse nicht – du könntest einige Landesgrenzen weiter landen.

 


Bilder:

Pinarello Catena Single Speed von Glory Cycles via Flickr unter CC 2.0giro-dItalia-2012-5553 von Jens Beltofte Sorensen via Flickr unter CC 2.0Tour de France 2017 von Günter Hentschel via Flickr unter CC 2.0; Fotos von Jutta Stackelberg

 

 

 

 

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