Rempeln, stoßen, catchen – Roller Derby

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Im Alpenraum noch so gut wie unbekannt, erfreut sich eine Sportart trotzdem einer großen Popularität: Roller Derby. Ursprünglich in den 1930ern in den USA groß geworden, geriet dieser Vollkontaktsport in der Folge in Vergessenheit. Um die Jahrtausendwende entdeckten Feministinnen den Sport wieder für sich und verbreiteten ihn. Auch in Innsbruck gibt es seit gut einem Jahr ein Team, die Fearless Bruisers. Im Interview erzählen Karo und Kathi u.a. was ihnen am Roller Derby gefällt und wie es zum ersten Scrimmage, einem informellen Vorfürspiel, kam.

 

Die Zeitlos: Wie kam es zur Gründung der Fearless Bruisers?

Karo und Kathi: Die Fearless Bruisers wurden im Jänner 2016 im Rahmen eines open-Projekts der Tiroler Kulturinitiativen (TKI) mit der Ausschreibung „FEMINISMUS reloaded“ gegründet. Durch eine dabei gewonnene Förderung war es möglich, den für uns damals noch weitgehend fremden Sport nach Innsbruck zu holen.

 

Und warum ein Roller Derby-Team?

Im Vordergrund für die Gründung eines Roller Derby Teams stand wohl, dass wir uns in einem queer-feministischen Kollektiv befinden wollten, die Themen aber nicht immer so „kopflastig“ sein sollten. Wir wollten einen Sport in Tirol ins Leben rufen, der ungeheuerlichen Spaß macht und der es aber gleichzeitig marginalisierten Gruppen ermöglicht, Teil eines Teams zu sein und Sport zu machen. Außerdem ist Roller Derby eine Sportart, bei der es – zumindest um anzufangen – keinerlei Vorkenntnisse bedarf. Jede kann mitmachen, sofern sie über 18 ist, und der Rest kann gelernt werden. Allein das war für uns schon ein Gedanke, mit dem wir uns gut identifizieren konnten und somit die Fearless Bruisers ins Leben riefen.

 

Bis zu eurem ersten Scrimmage im April verging fast ein Jahr. Eine lange Zeit.

Roller Derby, stellte sich heraus, ist sehr zeitintensiv – in der ersten Zeit bzw. im ersten Jahr ging es vor allem darum, den Minimum Skills Test zu bestehen. Dieser beruht auf offiziellen Richtlinien der Women’s Flat Track Derby Association (WFTDA) und ist ein absolutes Muss, um Roller Derby offiziell und sicher spielen zu können: Es gibt einen praktischen und einen theoretischen Teil, beide müssen vor dem ersten Spiel bestanden werden. Das heißt am Anfang geht es vor allem um Fahr-, Brems- und Falltechniken, um Kondition und Gleichgewicht, ehe überhaupt Blocking Skills u.Ä. geübt werden können. Das Wichtigste dabei ist aber, dass man sich sicher auf Rollschuhen bewegen kann, vor allem um andere nicht zu verletzen.

Hinzu kommt, dass wir keine externe Trainerin von außen hatten, sondern eine eigene Trainingsgruppe im Team gegründet haben, die sich darum kümmerte. Das war klarerweise mit besonders viel Aufwand verbunden, da keine von uns sowas schon mal gemacht hatte.

 

Wie kam es schließlich zum ersten Scrimmage?

Wir hatten sehr großes Glück: zum Einen halfen uns die TKI-Fördergelder sehr damit, das Scrimmage umzusetzen, das doch mit einem finanziellen Aufwand verbunden war. Zum Anderen ist ein paar Monate nach der Gründung eine Spielerin an uns heran getreten. Sie hatte bereits mehrere Jahre Erfahrung im Roller Derby auf dem Buckel und ist fixes Mitglied des Roller Derby Teams in Porto, lebt aber zurzeit in Innsbruck. Durch ihre Hilfe und ihr fachliches Know-how war es uns überhaupt erst möglich, „richtig“ zu spielen. Mittlerweile ist sie auch fixer Bestandteil unseres Teams und nach wie vor hilft sie uns mit ihrer Erfahrung in jeglicher Hinsicht weiter.

Kurz vor dem Scrimmage wurden die einzelnen Positionen in Verbindung mit Bench- und Lineup-Coach trainiert – Aufgaben, die oftmals nicht zu unterschätzen sind. Jede Spielerin muss ihre Position genau kennen und sich auch sicher in dieser fühlen. Durch die Hilfe vom Bench-Coach wird die Strategie während des Spiels in Angriff genommen, doch die wahre Meisterleistung liegt im Line-Up Management. Diese „schickt“ die Spielerinnen auf den Track, sie weiß ganz genau wer gut zusammenspielt. Dabei darf sie aber nicht aus den Augen verlieren wer vielleicht gerade müde ist und gar auf der Strafbank sitzt. Da die Jams immer nur maximal zwei Minuten dauern, jedoch öfters früher abgebrochen werden, bleibt da nicht viel Zeit zum Überlegen. Ohne diese Positionen, sowie ohne taktischen und gekonnten Einsatz aller unserer Spielerinnen und einer riesigen Portion Glück, hätten wir unser Scrimmage niemals so gut über die Bühne bringen können.

Nicht außer Acht zu lassen sind aber auch die vielen organisatorischen Aufgaben, die den Doubleheader selbst und auch das Rahmenprogramm betrafen. Bei unserem ersten Scrimmage waren sieben Referees und zehn Non Skating Officials (NSOs), welche bspw. die Positionen in der Penalty Box oder die Zeitmessung übernehmen,  dabei. Schon allein all diese Personen zusammen zu bekommen war nicht ganz einfach. Es musste an sehr viel gedacht werden, was uns ursprünglich gar nicht so bewusst war.

 

Was motiviert jemanden überhaupt, Roller Derby zu spielen und was macht diesen Sport so einzigartig?

Karo: Ich glaube, Roller Derby motiviert vor allem, weil es eine sehr spannende Kombination aus Ausdauer, Kraft, Vollkontakt und Teamsport darstellt und etwas ist, das zumindest in unserem Raum ganz neu ist. Zudem braucht es ein bestimmtes Wissen, um Spielzüge zu verstehen – das macht es irgendwie interessant. Auch das Skaten an sich macht bereits Spaß und im Team ist es natürlich noch viel besser. Motiviert hat mich allerdings nicht nur der sportliche Aspekt, sondern vor allem auch die Idee dahinter – ein Frauensport, in dem jede selbstbestimmt sein kann, Unterstützung vom Team bekommt und Sisterhood ganz selbstverständlich ist. Nur auf dem Track gibt es Konkurrenz, ansonsten gibt es riesige Unterstützung von anderen Teams und eine sehr solidarische Atmosphäre in jeder Hinsicht. Es ist wie eine große Familie.

Kathi: Mich hat vor allem motiviert, dass Roller Derby eine Sportart ist, die kaum jemand kennt und somit von wenig Wettbewerb geplagt ist. Obwohl, wie Karo schon gesagt hat, gegeneinander gespielt wird, hilft man sich wo es nur geht. Es wird gemeinsam trainiert, Spielerinnen untereinander getauscht und mit Tipps und Tricks nicht gespart. Das ist ein Aspekt, der meiner Meinung nach, Roller Derby außergewöhnlich und sehr sympathisch macht. Von der sportlichen Fitness mal ganz abgesehen. Man wird viel fitter und stärker und lernt seinen Körper richtig kennen.

 

Wenn jetzt jemand Interesse hat bei euch mitzumachen: wie kann sie oder er Kontakt zu euch aufnehmen?

Am besten uns direkt anschreiben auf fearless.bruisers@gmail.com oder auf Facebook – ab September trainieren wir wieder zwei Mal wöchentlich. Es wird auch Schnuppertrainings geben. Für Infos bitte unsere Facebook-Seite abonnieren.

 

Danke für das Gespräch.

 

Foto: Martin Schöpf


Glossar:

Doubleheader: zwei aufeinander folgende Spiele ohne Pause dazwischen.

Scrimmage: ist ein inoffizielles Vorstellungsspiel. Es lässt sich wohl am besten mit Freundschaftsspiel übersetzen.

Penalty Box: wird eine Spielerin regelwidrig blockiert, erhaltet die Übeltäterin eine Zeitstrafe von 30 Sekunden, die sie auf der Strafbank, der Penalty Box, absitzen muss.

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