Zweitagestour in luftiger Höhe

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Was gibt es Schöneres, als in 3.500 Metern Höhe der Sommerhitze im Tal zu entfliehen? Nun ja, man kann auch Rennradfahren oder Mountainbiken. Aber fünf Menschen, die sich gern haben und einen Geburtstag feiern wollen, folgen dem Ruf des Berges und genießen dabei weite Eislandschaften, noch weitere Panoramablicke und einen unvergesslichen Sonnenaufgang in den Ötztaler Alpen. 

Der Start unsrer zweitägigen Gletschertour ist im Weiler Melag am Ende von Langtaufers im Vinschgau. Von hier aus geht es in vier bis fünf Stunden auf 3.277 Meter hinauf zum Brandenburger Haus, wo wir übernachten werden. Zunächst jedoch geht es an der Weißkugelhütte (ab hier gibt es kein Handyempfang mehr, worauf netterweise auf einem Schild hingewiesen wird) vorbei auf den Richtersteig. Schon von hier erblicken wir den imposanten Gletscher, welchen wir für eine Nacht unser Zuhause nennen dürfen. Der Richtersteig diente bis 1919 zunächst als Versorgungsweg des Brandenburger Hauses, welches 1909 fertig erbaut wurde. Wandert und klettert man diesen Steig entlang, lässt es sich erahnen, wie schwerfällig und gefährlich wohl vor rund 100 Jahren der Transport von Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen für die Versorgung der Hütte gewesen sein muss.

Der Gletschereinstieg

Nachdem der Richtersteig passiert ist, erreichen wir schließlich den Gepatschferner im Ötztal. Dieser ist nach der Pasterze am Fuße des Großglockners der zweitgrößte Gletscher Österreichs. Hier überquert man auch die (unsichtbare) Grenze zwischen Italien und Österreich. Da es für eine Gletscherbegehung schon etwas spät ist und der Schnee aufgeweicht ist, sind keine Steigeisen notwendig. Deshalb seilen wir uns lediglich an und machen uns auf den Weg zur Schutzhütte. Den größeren Gletscherspalten versuchen wir so gut es geht auszuweichen, kleinere hingegen sind ohne Aufwand überquerbar.

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir das Brandenburger Haus, die höchstgelegene Schutzhütte des Deutschen Alpenvereins und dritthöchste Hütte in Österreich. Entgegen des anfänglichen Plans, schon am selben Tag den 3.500 Meter hohen Fluchtkogel zu besteigen, entscheiden wir uns zunächst auf der Hütte auszuruhen. Deshalb stellen wir uns dem Wirt vor und gönnen uns ein kühles Bier in der Sonne.

Kurzer Abstecher auf die Dahmannspitze

Inzwischen ist es schon früher Nachmittag geworden, weshalb wir unsere Unterkunft im siebenbettigen Matratzenlager beziehen und den Aufstieg auf die Dahmannspitze wagen. Diese liegt auf 3.401 Metern genau oberhalb des Brandenburger Hauses und ist in knapp 20 Minuten zu erreichen. Gipfelkreuz gibt es zwar keines, dafür jedoch mehrere Steinmännchen. Schon alleine wegen der Aussicht lohnt es sich hier aufzusteigen. Vom Gipfel aus sieht man im Westen über den Gepatschferner bis zur Weißseespitze an der Grenze von Tirol zu Südtirol sowie etwas südlich davon zur Weißkugel in Südtirol, im Norden lässt man den Blick aufs Kaunertal fallen, im Osten erblicken wir den Kesselwandferner-Gletscher mit dem Fluchtkogel als höchsten Punkt und im Süden die drei Hintereisspitzen.

Das Brandenburger Haus

Nach gut 30 Minuten steigen wir wieder zur Schutzhütte hinab. Diese wird nicht mehr über den Richtersteig von der Weißkugelhütte in Südtirol aus versorgt und auch nicht mehr über das Ötztal mit Mullis und Schlitten, sondern von Hubschraubern aus Tirol. Die Geschichte des Hauses ist sehr interessant, welche man in Büchern in der Stube der Schutzhütte nachlesen kann. Für den Bau des Schutzhauses mitverantwortlich war der Konkurrenzkamp zwischen den Sektionen Mark Brandenburg und Berlin. Während letztere bereits über ein ausgedehntes Schutzhausnetz verfügte, war die Sektion Mark Brandenburg, die sich 1899 von der Sektion Berlin abgespalten hatte, auf der Suche nach einem geeigneten Arbeitsort in den Ostalpen. Dieser wurde 1903 auf dem Gepatschferner gefunden und es wurde mit dem Bau begonnen. Da es dafür nur ein kleines Zeitfenster von einigen Woche im Sommer gibt, dauerte es bis 1909, bis die Schutzhütte fertiggestellt war. Während des 1. Weltkrieges wurde das Brandenburger Haus von den österreichischen k.k. Gebirgstruppen besetzt, um Skikurse für ihre Truppen durchzuführen. Einer der Ausbilder war der Bergsteiger, Filmemacher und Schriftsteller Luis Trenker. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Sektion Mark Brandenburg von den Alliierten aufgelöst und verboten, da diese seit ihrer Gründung stark antisemitisch war und Juden nicht als Mitglieder aufnahm. Darauf weist auch ein Schild hin, welches am Eingang der Hütte angebracht ist.

Die Hütte versorgt sich selbst mit Wasser und Strom. Da diese Ressourcen auf dieser Höhe pure Luxusgüter sind, muss gespart werden. Ab einer gewissen Uhrzeit wird der Strom in den Zimmern abgedreht und in den Bädern wird darauf hingewiesen, dass die Lichter nach Benützung wieder ausgeschaltet werden müssen. Was das Wasser betrifft kann es vorkommen, dass dieses auch rationiert werden muss. Bei unserem Aufenthalt war dies jedoch nicht der Fall.

Der Fluchtkogel

Nach dem mittelprächtigen Abendessen begeben wir uns gegen 21 Uhr endlich in unser Matratzenlager, welches wir mit zwei deutschen Bergsteigern teilen. Denn am nächsten Tag geht es für uns schon um 5 Uhr los, um den Sonnenaufgang auf dem Fluchtkogel zu genießen. Von der Hütte aus gehen wir auf den Gletscher hinunter, wählen jedoch einen anderen Weg als den normalen. So kommt es, dass wir plötzlich über einen Müllberg stapfen müssen, welchen der Gletscher hinterlassen hat. Denn seitdem die Gletscher schmelzen wird immer öfter Müll freigelegt, welcher in diesem Fall noch teilweise aus Zeiten der Skikurse während es 1. Weltkrieges stammt. Deshalb kommt es auch immer wieder zu Müllsammelaktionen.

Auf dem Kesselwandferner selbst sind die Bedingungen ausgezeichnet und der Boden ist noch schön hart und stabil, weshalb wir mit Stirnlampe ausgerüstet rasch vorankommen und schon nach gut einer Stunde das Gipfelkreuz auf 3.500 Metern erreichen. Gerade rechtzeitig, denn rund zehn Minuten später geht genau über der Wildspitze die Sonne auf. Schon alleine um dies zu sehen lohnt sich die gesamte zweitägige Tour. Am liebsten würde man noch länger verweilen, doch das Frühstück ruft und wir steigen wieder auf den Gletscher hinab. Diesmal auch mit Steigeisen ausgerüstet, da der Weg anfangs doch ziemlich steil ist.

Auf die Mittlere Hintereisspitze und der Abstieg

Das Frühstück übertrifft das Abendessen unendlichfach. Es gibt selbst gebackenes Brot, Marmelade, Aufschnitt und vor allem heißen Kaffee. Und das Beste ist, dass wir die Gaststube so gut wie für uns haben, da die meisten Hüttengäste bereits in Aufbruchstimmung sind. Nachdem wir uns gestärkt haben, machen auch wir uns fertig und starten in Richtung Mittlere Hintereisspitze auf 3.451 Meter. Mit Steigeisen ausgerüstet und angeseilt überqueren wir den Gletscher und erreichen nach einem steilen Anstieg den Gipfel. Auch hier überzeugt die Aussicht, welche diesmal mehr oder weniger die gesamte Ötztaler Gletscherwelt miteinschließt und man bis zum Similaun die Augen herumschweifen lassen kann.

Von hier aus machen wir uns an den Abstieg zurück nach Langtaufers auf demselben Weg, den wir aufgestiegen sind. Da die Sonne scheint und es kaum Wolken gibt ist der Schnee aufgeweicht und das Gehen ist mühsamer und kraftaufwendiger als es sein muss, weshalb wir auch diesmal auf die Steigeisen verzichten. Nachdem der Gletscher und der Richtersteig hinter uns ist gönnen wir uns noch ein Bier auf der Weißkugelhütte. Davon gestärkt geht es dann weiter ins Tal hinab, wo wir schließlich müde, aber glücklich und reich an Impressionen ankommen.


Infobox:

  • Kosten für die Übernachtung auf der Hütte: 12€ im Matratzenlager (als Alpenvereinsmitglieder)
  • Sonstige Kosten: da alle Lebensmittel per Hubschrauber zur Hütte gebracht werden, ist alles ziemlich teuer. Abendessen, Feierabendbier und Übernachtung (Frühstück inkl.) bezahlten wir 60€ pro Kopf
  • Drei Gegenstände, die nicht fehlen dürfen: Gletscherausrüstung, Stirnlampe, Seife
  • Alternativer Aufstieg: der „normale“ Weg, den auch die meisten nutzen, führt über Vent im Ötztal. Dieser Weg ist zwar etwas länger (ca. 5:30 Stunden), jedoch erreicht man den Ort gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln
  • Weitere Gipfeltouren von der Hütte aus findest du hier

 

Fotos: Matthäus Masè, Valentin Paulmichl

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