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Brüssel, du geile Sau!

Ja, ganz Recht. Diese unscheinbare, chaotisch wirkende, historisch-nicht-vergleichbar-mit-Städten-wie-Rom Stadt hat es mir angetan. Brüssel ist wie Berlin, nur besser. Wie ich zu diesem Schluss komme? Dies hat mehrere Gründe, jenseits von Waffeln, Fritten und Pralinen.

Brüssel bzw. die Region Brüssel-Hauptstadt, welche in 19 Gemeinden gegliedert ist, ist die Hauptstadt Europas bzw. der Europäischen Union. Alle politischen EU-Institutionen, haben hier einen Sitz. Brüssel ist gut an das europäische Verkehrsnetz angebunden, sei es per Bahn oder Straßen- oder Luftverkehr. Der Gastgeber der Weltausstellung des Jahres 1958 ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Rund ein Drittel der Bevölkerung Brüssels sind keine Belgier, wobei davon wiederum zwei Drittel Bürger aus EU-Staaten sind. Zum Vergleich: nicht-Belgier machen im gesamten Land lediglich 11 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Insgesamt leben in Brüssel Menschen aus 163 Ländern. Zurecht lässt sich also behaupten, dass Brüssel das Zentrum Europas ist, kulturell als auch sprachlich und ethnisch.

Diese Vielfalt sieht man im täglichen Leben. Sei es an den Sprachen die man hört, wenn man öffentlichen Verkehrsmitteln nutzt oder durch die Straßen der Stadt flaniert, an den unzähligen Restaurants mit armenischer, chinesischer, mexikanischer, italienischer oder arabischer Küche, an den diversen Gemeinden, die durch die Einwanderer geprägt sind und vielem mehr. So gibt es etwa in der Brüsseler Gemeinde Ixelles im Viertel Matonge eine große kongolesische Gemeinschaft, die ihr ihren Stempel aufgedrückt hat.

Die Brüsseler sind überhaupt ein interessantes Volk. Es liegt wohl an dieser Vielfalt, dass man z.B. keine ausländerfeindlichen oder islamophoben Sprühereien auf Wänden sieht. Interessant ist dies insofern, dass man meinen könnte, dass durch die Terrorangriffe von vor einem Jahr die Menschen verunsichert sind und sie argwöhnisch alles Fremde meiden. Aber nichts da. Die Brüsseler sind so abgebrüht, dass sie sich auch nicht von Durchsagen in Bussen erschrecken lassen, dass sich an Bord ein Taschendieb befindet. Es blickt höchstens jemand von seinem Buch auf, das er gelesen hat, um keine zwei Sekunden später wieder darin zu versinken. Man stelle sich mal vor, wie das in einem Stadtbus in Innsbruck aussehen würde.

Brüssel zählt sicher nicht zu den stressresistentesten Städten der Welt. Vor allem der tägliche Morgenverkehr kann schon mal ganze Straßenzüge blockieren. Die Reaktion der Brüsseler ist hier etwas temperamentvoller und meist immer dieselbe: Hupen und sich irgendwie einen Weg durch die Blechlawine suchen. Gut und hautnah beobachten lässt sich das übrigens in einem der vielen Stadtbussen, sofern man es nicht eilig hat. Von den Bussen aus lassen sich auch die waghalsigen und mutigen Fahrradfahrer beobachten, die sich einen Weg durch dieses Chaos suchen. Dass es hier nicht (öfter) zu Zwischenfällen kommt ist schon sehr erstaunlich.

Brüssel ist anders

Die Stadt im Zentrum Belgiens ist wohl auch nicht die schönste Stadt, die man im Leben sehen wird. Aber dennoch hat sie einiges zu bieten. Man stelle sich z.B. auf den Grand Place und lässt sich von den Eindrücken dieses Ortes verzaubern. Nachdem man mehr schlecht als recht versucht hat das pompöse Rathaus auf ein Foto zu verewigen, kann man von hier aus die Innenstadt erkunden, die mit seinen Jugendstilbauten verzaubert. Hier finden sich auch viele Sakralbauten, etwa die Kathedrale St. Michael und St. Gudula, die von außen sehr an die Notre-Dame de Paris erinnert. Auch die Börse, die Oper, der Königspalast oder die Königsgalerie befinden sich in der nahen Umgebung. Genauso wie die wohl überbewerteste Sehenswürdigkeit Brüssels, wenn nicht der Welt: der pinkelnde kleine Junge, an dem man glatt vorbei laufen würde, würden nicht Massen an Touristen davor stehen, um dieses Männchen zu fotografieren. Bemerkenswert bei all dem: Brüssel ist wohl eine der wenigen Städte, in deren Zentrum kaum Fast-Food- oder Modeketten anzufinden sind. Diese tauchen erst richtig auf dem Boulevard Anspach auf.

In Brüssel gibt es viele Plätze mit charmanten Brasserien und Cafès, die zum Verweilen einladen. In den wärmeren Monaten kann man hier auch im Freien an seinem Getränk schlürfen und die Stadt auf sich wirken lassen. Lohnenswert ist hier ein Besuch des sog. Fischmarktes auf der Place Saint-Catherine, auch wenn davon heute nicht mehr viel übrig ist. Hier jedoch gibt es ein Fischrestaurant, welches auch im Winter seinen Fisch anbietet, welchen man im Freien genießen kann bzw. muss. Sehr einladend sind auch die Parks, die im ganzen Stadtgebiet anzufinden sind. Der wohl schönste ist der Parc du Cinquantenaire. Ausladende Grünflächen schreien geradezu danach, dass man sich auf ihnen niederlässt. Im Park gibt es auch die älteste Moschee Brüssels zu sehen. Jedoch überragt wird der Park vom 50 Meter hohen Triumphbogen, der 1905 gerade rechtzeitig zum 75-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit Belgiens errichtet wurde. An seinen Rändern gibt es für Museumsliebhaber gleich drei verschiedene Museen zu besichtigen: das Militärmuseum, das „Autoworld Museum“ sowie das „Cinquantenaire Museum“.

Wer sich für die politischen Prozesse in der EU interessiert, der kann entweder das EU-Parlament (Achtung: an Wochenenden ist das Parlament geschlossen) oder das Parlamentarium, in der die Geschichte der Europäischen Integration geschildert wird und welches täglich offen hat, besuchen. Besonders interessant und wärmstens empfohlen ist ein Besuch des Parlaments während den Plenarsitzungen in Brüssel, welche monatlich an einem Mittwoch und Donnerstag stattfinden. Hier lässt sich hautnah erleben, wie Vertreter aus 28 Ländern um eine einheitliche Linie ringen. Es ist auch möglich an Veranstaltungen teilzunehmen, welche im Parlament stattfinden, etwa Vorträge oder Kunstausstellungen, zu denen man sich jedoch vorher anmelden muss.

Zu einer Brüssel-Beschreibung kann auch eines nicht fehlen, das Bier. Die bekanntesten sind wohl die Trappisten-Biere. Nur solche, die auch tatsächlich in Trappisten-Klöster gebraut wurden dürfen diesen (geschützten) Namen tragen. In wohl jedem Lokal in Brüssel bekommt man mindestens ein Bier von einem der sechs Trappisten-Brauereien in Belgien (weltweit gibt es deren elf). Doch für jene, die auf der Suche nach ausgefeilten Biersorten sind, empfiehlt sich das Lambic. Dies ist eine belgische Bierspezialität, die in der Folge weiterverarbeitet wird, etwa zu Geuze, Faro oder dem fruchthaltigen Kriek. Das Besondere am Lambic ist, dass es durch Spontangärung reift. Dies bedeutet, dass das Bier, nachdem die Zutaten mehrere Stunden verkocht und das Bier ausgekühlt wurde, in Fässern gelagert wird und ab da vom Menschen nicht mehr steuerbar ist. Das Bier wird so für bis zu drei Jahre gelagert und das Resultat ist immer ein anderes. Besichtigen lässt sich dies in Brüssel ganzjährlich in der „Brasserie Cantillon“. Gebraut wird allerdings nur im Winter.

Auch wenn Brüssel äußerlich nicht mit Städten wie Rom oder Paris mithalten kann, so versprüht Brüssel einen Charme, den man sonst selten zu Gesicht bekommt. Brüssel hat viel zu bieten und ist wohl einer der vielfältigsten und unterschätztesten Städte überhaupt. Es lohnt sich allemal wenigstens ein Wochenende in Brüssel zu verbringen. Man wird es nicht bereuen.

 

Fotos: Matthäus Masè