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(IMHO #24) Das Phänomen FIFA

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Nein, keine Angst, das wird kein weiteres Klagelied über die Fédération Internationale de Football Association und deren korrupte Köpfe, sondern eher eine Hommage an ein kleines Stück Software, dass so viel weniger, jedoch gleichzeitig auch so viel mehr ist, als es den Anschein erweckt.

Ein typischer Tag einer Männer-WG von heute: Fabian schreibt gerade fleißig an seiner Seminararbeit. Lars betritt das Zimmer:

Bock auf ´ne Runde?

Klar!

Die Fußball Simulation-FIFA wird auf einer beliebigen Konsole eingelegt und gespielt. Fabian wird dabei von seinem (Noch-)Kumpel dermaßen dreckig mit einem 1:0 in der 90. Minute vernichtet, dass jeder Gedanke an und über die Seminararbeit ausgelöscht wird. Aus der einen Runde werden zehn, die Stunden vergehen…

https://www.flickr.com/photos/easportsfifa/5911435873/in/photolist-a1nDWa-amyW2s-amyVSw-a1nDV2-amw66v-9QZhVX-aKuPZZ-aKuH4n-amw6pz-bXTCMS-amyVHA-adR174-o825vQ-adTQt9-aKuDP4-nSzSKk-aKuUHX-bXTCWq-amw5Qt-bbCwkk-obQASX-adTQ1C-amw782-adRqSD-a1qw53-a1nDQp-bXTCuj-a1qw1o-a1nDNK-adTQry-o9YCwJ-adR1ZH-nSyUoL-bXTCDj-adR1Yx-amyWeq-adTQp5-aYDoJe-9VNE4E-bXTCZJ-cC4RQf-aKuKQv-adTPAq-bXTCyN-adR1ng-adR1qF-amyW7u-adR1Bp-adR1xT-oa4trc

Das mag für manche verstörend oder unglaubwürdig klingen, jedoch nicht für viele junge männliche Studenten. Es gibt nicht wenige, die ihre Konsole für nichts anderes als FIFA benutzen. FIFA ist ein Mysterium, welches sich sogar manche Gaming Experten nicht erklären können. Jedes Jahr kommt eine leicht veränderte Version des Spieles für 60€ auf den Markt und trotzdem ist es in den Verkaufslisten immer ganz oben zu sehen. Dabei handelt es sich jedoch nicht immer um eine eindeutige Verbesserung des Vorgängers. Oft werden Einzelheiten einfach nur verändert oder alte Spielelemente, die in früheren Versionen herausgekürzt wurden, wieder eingeführt, was unter anderem den Spieler dazu zwingt, sich jedes Mal auf ein Neues an das Spiel zu gewöhnen. Branchenprimus Electronic Arts hat dabei geradezu Narrenfreiheit, da sich das Spiel sowieso verkaufen wird und sich die Entwickler nicht an die Spieler, sondern die Spieler an die Entwickler anpassen müssen. Klar gab es innerhalb der letzten 10 Jahre auch eindeutige Verbesserungen, jedoch ist und bleibt das Hauptverkaufsargument die offizielle FIFA-Lizenz mitsamt der dazugehörigen Vermarktung. So kann jeder mit seinem Lieblingsverein gegen den anderen bestehen und der Hamburger Sportverein auch mal gegen Bayern München gewinnen.

Fussball ist obendrein für viele der kleinste gemeinsame Nenner. Es beherrscht die Konversationen unter Männern, es beherrscht die mediale Aufmerksamkeit beim realen Sport und es beherrscht natürlich auch die virtuelle Simulation.

FIFA 17 off screen

Womit wir auch zum Titel dieser Kolumne kommen: FIFA ist nicht bloß ein Videospiel, FIFA ist ein Phänomen. Es geht nicht um das Spiel alleine, sondern um den Wettkampf mit anderen Leuten. Es ist ein soziales Event mitsamt ungeschriebenen Regeln und eigener Sprache. Durch Trashtalk wird der Gegner abgeschätzt, durch schlecht getimte Grätschen dem ansetzenden Frust Luft verschafft und durch unnötige virtuelle Tricks wird aufs Äußerste provoziert. All das kann in absoluter Ekstase oder der kompletten Explosion enden. Es wird nahezu unmöglich die ganze Sache mit einem „Ist ja nur ein Spiel“ abzutun, was schlussendlich dem Ganzen seinen Reiz gibt. Ihr denkt ich übertreibe? Dann wisst ihr nicht, wie es ist, das dämliche Grinsen eures Mitbewohners aushalten zu müssen, wenn er euch fünf Mal hintereinander besiegt hat und mit einer breiteren Brust als Tim Wiese den Raum verlässt. Oder wenn man nach einem verkorksten Tag mit diesem einen perfekten Weitschuss in der 119. Minute alles wieder gut machen kann.

Gut, wahrscheinlich übertreibe ich tatsächlich. Es ist ja doch nur ein Spiel. Doch das nächste Mal, wenn ihr vor der Konsole sitzt und euch in eben jenem Spiel messen müsst, achtet mal darauf: Warum wird schon wieder FIFA gespielt? Um was geht es hier eigentlich? Und sollte ich jetzt nicht eigentlich an meiner Seminararbeit sitzen?

 

Fotos: EA Sports, Moritz Jelting

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