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Übersexualisiert?

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Singleparties, Spotted, Tinder, Youporn und was es nicht alles gibt. Nie konnte eine Generation ihre Sexualität so frei ausleben wie die unsrige. Liebe und Erotik sind im öffentlichen Bewusstsein felsenfest verankert und nackte Haut ist zur erfolgreichen Verkaufsstrategie geworden. Jeder und alles muss heute „sexy“ sein. Doch welchen Einfluss hat das auf unsere Wahrnehmung und auf unser Sexualgefühl? Ein kleiner Geschichtsexkurs zur Sexualität in unserer Gesellschaft.

Obwohl Freud bereits 1905 seine Abhandlungen zur Sexualtheorie publizierte, mussten noch mehrere Jahrzehnte und zwei Weltkriege vergehen, bis mit der 68er-Bewegung endlich der Anstoß zu einem offenen Umgang mit Sexualität gegeben wurde. Anti-Babypille, Sexualerziehung, zunehmende Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – im Westen hat sich politisch seither viel getan und nur die Wenigsten bestreiten, dass dies durchwegs positive Entwicklungen sind und waren.

 

1989-2005: Das Internet

Was Sexualität in den letzten zwanzig Jahren aber am meisten bewegt hat, ist eines: Der technologische Fortschritt. Und das in einer Sache, die so ganz und gar nichts mit Technologie zu tun hat. Fernsehen, Internet, Handys, Youtube, Youporn, Facebook, Smartphones. Revolutionen wurden übers Internet losgefeuert, so wie es auch mit einer neuen Revolution der Sexualität geschah. Tabus wurden gebrochen, bevor man sich überhaupt bewusst war, dass es sie gibt – und das vor globalem Publikum. Die Pornografie wurde massentauglich, Fernbeziehungen erreichten beispielsweise durch Skype eine ganz neue Ebene und die LGBT-Szene wäre ohne das Internet heute wohl nie, was sie eben ist. So erschreckend es auch ist, dass schon derart viel Zeit vergangen ist: So manches Kind hätte nicht das Licht der Welt erblickt, hätten sich seine Eltern nicht zufällig damals auf MySpace angeschrieben.

Gerade als Jugendlicher findet man im Internet Antworten auf viele Fra
gen, die einem sonst unbeantwortet blieben. Und dennoch: In einer Befragung (nicht repräsentativ) unter 52 Studenten aus Tirol und anderen Teilen Österreichs gaben mehr als ein Drittel an, dass Medien einen „eher negativen“ oder „negativen“ Einfluss auf Ihre sexuelle Entwicklung hatten. Vielleicht ist es doch nicht so toll, wenn man sich als pickelige 15-Jährige mit der zehn Jahre älteren und bis zur Perfektion bearbeiteten Schauspielerin in der Clearasil-Werbung vergleicht, oder als Junge im Internetforum herausfindet, dass man mit sechzehn schon mindestens fünf Mädels flachgelegt haben muss, um nicht irgendwie anormal zu sein.

 

2015: Neue Medien und Kinder

Aber wir leben ja nicht mehr in den Neunzigerjahren, als es „nur“ freizügige Musikvideos und den einen oder anderen erotischen Film im Fernsehen gab, wenn unsere Eltern im Urlaub waren. Während 2005 das iPhone noch nicht einmal am Markt war, sind es zehn Jahre später laut bitcom.org 85% der zwölf- bis dreizehnjährigen Deutschen, die ein Smartphone besitzen. Damit können sie sich natürlich Zugriff auf die gesamte Pornolandschaft verschaffen, die das Internet zu bieten hat – meist ohne, dass die Eltern je etwas davon ahnen. Geschieht das in sehr jungen Jahren, könnte Abstumpfung und sexuelle Verwahrlosung die Folge sein.

sexualisierung_chevy_classic film via flickr

2025: Zum Mitnehmen, bitte

Wie könnte also die Zukunft aussehen? Und wieviel davon ist schon jetzt Realität, ohne dass wir uns dessen bewusst sind? Lust und Begehren wird heute so viel Platz eingeräumt, wie zu keiner anderen Zeit. Wie toll, wie oft, wie lange? Wie soll ich aussehen und was muss ich dafür kaufen? – kaum ein Detail bleibt unausgesprochen. Bereits 2001 schrieb Jean-Claude Guillebaud: „Sex ist zu einem Hintergrundrauschen unseres Alltags geworden“ (Tyrannei der Lust, 2001).

Erotik wird zu einem Konsumgut rationalisiert, das man sich wie Essen oder Unterhaltung sofort einverleiben will. Die Hemmschwelle sinkt, während das Wissen und die Erwartungen steigen. Welt.de: „Der Alltag funkelt voller Versprechen, grenzenlos zu begehren und begehrt zu sein. Aber das Warten bis zur Bedürfnisbefriedigung wurde so radikal verkürzt, dass Erotik und Verlangen kaum noch eine Chance haben, sich zu entfalten.“ Dauert das Warten auf die altbewährte Art und Weise dennoch zu lange, kann mit Internetpornos und Datingseiten jederzeit Abhilfe geschaffen werden. Ausgelassen wird dabei meist gerade das, was das Spiel um die Lust am aufregendsten macht: „The Chase“.

 

Sexuelle Lustlosigkeit

Denn eins verstehen wir schon ganz jung: Wenn man Mama’s Schokokuchen plötzlich jeden Tag haben kann, ohne brav gewesen zu sein oder eine gute Note geschrieben zu haben, dann findet man den irgendwann garnicht mehr so besonders und freut sich nicht einmal mehr an seinem Geburtstag darüber. Laut Guillebaud passiert ähnliches auch in der Liebe: „40 Jahre nach der sexuellen Revolution dürfen wir zwar der Lust freien Lauf lassen, aber leider hat uns die Lust verlassen […]. Heute geht es nicht darum, gegen die Unterdrückung der Lust anzukämpfen, sondern im Gegenteil ihren Bankrott zu verhindern.“
Als Gegenentwicklung dazu sieht der Franzose jedoch auch eine Tendenz zu einem neuen Puritanismus. Mehr junge Leute sehnen sich wieder nach einer festen Partnerschaft statt nach schnellem Sex. Was wir so leichtsinnig über Bord geworfen haben, kehrt jetzt in Form eines konservativen Gegenwinds zurück. Zu guter Letzt schreibt Guillebaud: „Wirklich frei sind wir erst, wenn wir unser Leben und unsere Sexualität nicht von Zeiterscheinungen diktieren lassen“.

Dieser Artikel stammt aus der Zeitlos Ausgabe #6 – SoSe 2015. Der Text wurde im Rahmen eines Projekts von Studierenden des Management Center Innsbruck verfasst. 

 

Fotos: The Deposit Bottle Collector, Sascha Kohlmann & 1966 Car Ad via Flickr unter CC 2.0, Chevrolet Caprice, Girl in Red Bathing Suit Putting on Lipstick, Classic Film via Flickr unter CC 2.0

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