(IMHO) Kapitel 12: Aus dem Leben eines GEIWI-Liftes

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Ich wusste schon damals, als ich noch ein kleiner, unerfahrener Lastenaufzug war, dass ich für Größeres bestimmt bin. Ich wollte die Welt erobern, ich verspürte Abenteuerlust und im sozialen Bereich tätig zu sein war mein größter Wunsch. Darin sah ich meine Zukunft schon lange bevor ich diesen begehrten Job als Personenaufzug ergatterte. Voller Elan stürzte ich mich in meine neue Arbeit und trug einfach alle meine Gäste in ihr Wunschstockwerk. Doch die anfängliche Begeisterung verwandelte sich bald in Trägheit und Missmut.

Mein ganzes bisheriges Leben lang musste ich auf meine Linie achten. Schließlich wächst mein Liftschacht ja nicht mit mir mit. Aber an Wochentagen so um die Mittagszeit, da fühle ich mich immer so vollgestopft. Ich bekomme kaum noch Luft. Und auch meinen lieben Fahrgästen macht die stickige Atmosphäre in meinem Inneren zu schaffen. Ich bemühe mich wirklich sehr, alle wohlbehalten und ohne klaustrophobische Zustände an ihr Ziel zu bringen. Frischluft atmete ich das letzte Mal noch vor meiner Montage. Doch das ist so lange her, ich weiß gar nicht mehr wie das ist.

Warum die Luft in mir so verbraucht ist? Na hören Sie mal. Es drängen sich so unbeschreiblich viele Menschen in mich hinein, da bleibt sogar mir die Luft weg. Und wenn ich dann schnell meine Türen schließen und endlich abfahren möchte, kommt meist draußen noch jemand angerannt und hämmert so fest gegen die Liftknöpfe, dass die Elektronik in meinem Kopf nur so um Gnade winselt. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich gewähre auch den Zuspätkommenden Einlass. Ich halte dieses elektrische Gekreische nie lange aus.

 

Kurz bevor mir der Kragen platzt, teile ich meinen Gästen mit meiner weiblichen, zaghaften Stimme „Volllast“ mit. Viele ignorieren den dringlichen Wunsch, meine Figur zu halten und quetschen sich, unverschämt wie sie sind, einfach trotzdem rein. An solchen Tagen kann ich meine Wut kaum noch im Schacht halten. Dann würde ich ihnen am liebsten wüsteste Beschimpfungen an ihre Köpfe werfen. Leider versagt mir in Momenten der Rage immer die Stimme. Vielleicht bekommt der letzte aussteigende Fahrgast mein leises „Volllast“ noch zu hören. Das soll ihm eine Lehre sein. Manchen Erdlingen müssen meine Wutausbrüche schon Angst eingejagt haben. Zunehmend mehr StudentInnen bevorzugen die Treppe zu nehmen. Die bekommt meines Erachtens ohnehin viel zu wenig Zuwendung in ihren alten Tagen. Dennoch gibt es auch die supercoolen Rowdies, die einfach in einem Stock den Liftknopf drücken und ich beeile mich wirklich okay? Aber vor einem leeren Stockwerk meine Türen zu öffnen, Leute, das ist deprimierend!

Und es gibt noch eine weitere Spezies, die sich von Zeit zu Zeit in mein Inneres verirrt. Anfangs ahne ich nichts Böses. Doch ihre großen Umhängetaschen verraten die Übeltäter meistens. Diese Taschen haben’s in sich. Die drücken nämlich auf hinterlistige Weise sämtliche Tasten und zwingen mich auf meiner Route in die Knie. Dabei würde ich so gerne richtig in Fahrt kommen.

Manchmal gönne ich mir aber auch eine Ruhepause. Dann täusche ich einen technischen Defekt vor und so ein netter Mann versieht meine Türen mit einem hübschen Schild „Außer Betrieb“. Das Schild und ich sind mittlerweile echt gute Freunde geworden. Leider sind meine KollegInnen dann immer so sauer auf mich, weil sie ein paar Runden öfter fahren müssen. Ein langer Krankenstand oder erholsamer Urlaub, davon können wir Lifte nur träumen.

An einem anstrengenden Tag erinnere ich mich gerne zurück an die wenigen Minuten, in denen ich wirklich intime Momente mit meinen Gästen erleben durfte. Manchen Mädchen helfe ich, die Haare zu richten oder das Make-Up aufzufrischen. Andere nutzen die Einsamkeit um sich an gewissen Stellen zu kratzen oder den BH zurecht zu zupfen. Furzen im Lift verpestet zwar den wenigen Sauerstoff, der sich in mir befindet, aber andererseits freue ich mich, wenn mein/e LiftfahrerIn die Vertrauensbasis zwischen uns schon so hoch ansetzt.

Zwar beschimpfe ich die riesigen Studentenrudel gerne ein bisschen, aber sie sind ja auch nur Menschen. Und im Grunde schätzen sie mich und meine Arbeit ja. Auch wenn sie es nicht immer zeigen.

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