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Der Unbekannte vor der Tür

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Surfen auf Bali, Saufen auf der Kao-San Road in Bangkok, Selfies machen vor dem Eiffelturm. Das sind die Dinge, mit denen viele junge Menschen heute „die Welt entdecken“ wollen. Dabei wird die Welt vor unserer Haustür häufig als eintönig und vollständig vertraut wahrgenommen. Doch auch hier gibt es Begegnungen zu machen, von denen wir lernen können, die unser Weltbild prägen und verändern können.

Asylsuchende, die vor Tiroler Supermärkten die Stadt- und Straßenzeitung 20er verkaufen, gehören fest zum Stadtbild Innsbrucks, doch Beachtung wird ihnen selten geschenkt. Nur wenige sprechen mit ihnen und manche meiden gar jeden Blickkontakt. Dabei sind diese Menschen, die nun hier ein neues Leben suchen, Zeugen anderer Welten oder vielleicht der Kehrseite unserer Welt.

Ich habe mich einen Tag auf den Weg gemacht, um mit ihnen über ihre Geschichten zu sprechen – über die Wege, die sie nach Innsbruck geführt haben und ihre Situation hier. Diese fünf Stunden im Innsbrucker Zentrum fühlten sich wie eine kleine Weltreise an und die Geschichten und Schicksale dieser Menschen haben mehr Beachtung verdient als sie im Alltag meist erhalten.

John* aus Nigeria steht vor einem Hofer* im Zentrum Innsbrucks. In seiner Heimat war er Bankkaufmann bis er durch den Krieg vertrieben wurde. Als ehemaliger Geschäftsmann nimmt er auch seine Arbeit als 20er Verkäufer sehr ernst und bittet mich nach wenigen Minuten ihm meine E-Mail Adresse zu geben, falls ich an seinen Erfahrungen interessiert sei. Er arbeite gerade und habe daher nicht genügend Zeit mir diese zu erzählen. Gerne würde er jedoch seine Erfahrungen teilen.

Auf dem Regenschirm-Ständer am Eingang eines „M-Preis“* sitzt Ray* aus Liberia. Er scheint sehr müde zu sein. Ruhig beginnt er etwas über sich und seine Heimat zu erzählen. Über die Ebola-Epidemie, die ihn endgültig aus seinem Land getrieben hat, sein Leben als Straßenkind in einem Vorort der Hauptstadt Monrovia und die Überfahrt nach Italien. Er ist 19 Jahre alt und nachdem sein Vater 1999 und seine Mutter 2006 gestorben waren, ab dem 10. Lebensjahr elternlos aufgewachsen.

Sein Überleben verdankt er auch einem tunesischen Fischer aus seinem Heimatdorf, der ihn das Fischen lehrte und ihm auf seinem Boot die Möglichkeit gab, für sein Überleben zu arbeiten. Der Mann starb 2011 beim Fischen durch den starken Wellengang, womit Ray zum zweiten Mal eine Vaterfigur verlor, und dieses Mal alt genug, um dies richtig zu begreifen. Nun war er wieder auf sich alleine gestellt und neben seiner Not auf der Straße trieb ihn der Ausbruch der Ebola-Epidemie 2014 zur Flucht aus seinem Land. Über den Landweg nach Libyen und von dort mit einem Boot nach Italien erreichte er das „goldene Europa“. Freundschaften hat er während der langen und beschwerlichen Reise nicht geschlossen. 300 Menschen seien auf dem vollkommen überfüllten Boot gewesen, doch im Kopf sei jeder alleine, auch er. Alleine wie auf den Straßen von Monrovia und wie auch jetzt noch auf der Straße vor dem Supermarkt in Innsbruck, erzählt er. In Österreich werde man gut behandelt, besser als in Italien, doch das Warten auf die Papiere, die einen Eintritt in das normale (Arbeits-) Leben ermöglichen, sei langwierig. Dass er sich sein Zimmer im Flüchtlingsheim mit drei anderen Flüchtlingen teilen muss, stört ihn kaum. Er möchte sich nicht beklagen, da dies nicht sein Land sei und er mit allem zufrieden wäre, was man ihm gebe. Auch die Arbeit als Verkäufer der Straßenzeitung sei gut, auch wenn das stundenlange Stehen oft anstrengend sei und die Mitarbeiter des Supermarktes es ungerne sehen, wenn er sich zwischendurch, wie jetzt, eine Auszeit auf dem Regenschirmständer nimmt. Kontakte hat er aufgrund seiner noch schwachen Deutschkenntnisse bisher fast nur zu anderen Westafrikanern geknüpft. Das Wichtigste für ihn seien aktuell die Dokumente, die ihm ein Leben in Österreich sichern können und auf die er vermutlich, wenn er sie überhaupt erhält, noch lange warten muss. Trotzdem mache er sich keine Sorgen, dies ändere sowieso nichts und als gläubiger Christ sei er ohnehin guter Dinge.

Bei der Geschichte von Johan* aus Benin, der vor einem „Spar“* stetig lächelnd die 20er vertreibt, habe ich an manchen Stellen Schwierigkeiten zu folgen, was aber nur zum Teil an Sprachbarrieren liegt. Vielmehr ist es der Inhalt seiner Lebensgeschichte, der mein kulturelles Vorwissen überfordert. Er ist 37 Jahre alt und kommt aus Port Novo, der Hauptstadt Benins. Dort ist Voodoo neben dem Christentum und dem Islam eine der drei weit verbreiteten Religionen, wobei Menschen dort, wie Johan mir erklärt, manchmal zugleich der uralten Voodoo-Religion und einer der beiden anderen Religionen angehören. Als sein Vater vor zwei Jahren starb, erwartete die Gemeinde von ihm, diesen als Voodoo Priester zu beerben. Johan ist jedoch gläubiger Muslim, weswegen ihm sich die Praxis vieler dieser Rituale verbietet. Auch im Radio und von staatlichen Stellen hatte er Informationen erhalten, die ihn dazu brachten, Abstand von der Tätigkeit seines Vaters und der Gemeinde um ihn zu nehmen. Er stand nun vor der Wahl gegen seinen Glauben den Platz seines Vaters einzunehmen oder aus seiner Gemeinde zu fliehen, da er dort ansonsten in Lebensgefahr wäre. So fuhr er in die Hafenstadt Cotonou, wo ihn Matrosen in einer Kajüte eines Transportschiffes unterbrachten, nachdem er ihnen seine Situation erklärt hatte. Wohin das Schiff fuhr wusste er nicht und von Österreich hatte er vor seiner Ankunft in Wien über Italien noch nie etwas gehört. Über die Frage, ob es denn nun gut für ihn gelaufen sei, dass er hier gelandet ist, erschrickt er beinahe. Mit großen Augen und lauter Stimme wiederholt er meine Frage: „Ob es gut ist?!“. Natürlich sei es gut für ihn gewesen. Seit seiner Ankunft hier faste er jeden Montag und Dienstag als Dank an Gott für sein Glück hier gelandet zu sein. Dass ihn die Matrosen ohne eine Zahlung mitgenommen hatten, führt Johan auf Gott zurück, da dieser ihn mit den Matrosen verbinde und sie ihm auch im Namen Gottes geholfen hatten. Johan steht täglich fünf Stunden vor diesem Supermarkt in Innsbruck. Als ich ihn auf sein hinkendes Bein anspreche, zeigt er mir seinen Fuß, der durch eine Schiene stabilisiert wird. Er wisse nicht woher diese Behinderung komme, die er seit frühester Kindheit habe und ihm auch hier vor dem „Spar“ noch Schmerzen beim stundenlangen Stehen bereitet. Möglicherweise sei sie eine Folge von Voodoo Ritualen, denen er unterzogen wurde. Nach dem 20er Verkauf leistet er jeden Tag weitere vier Stunden Gemeindearbeit in einem Seniorenheim für drei Euro die Stunde. Dies mache er in erster Linie nicht wegen dem kleinen Lohn, sondern wegen der Chance dort sein Deutsch zu verbessern. Er hofft nun seit zwei Jahren auf die Dokumente, die ihm seinen Aufenthalt genehmigen und die Chance auf einen normalen Job bieten würden. Er sei gelernter Motorradmechaniker, doch hier würde er auch gerne bei der Müllabfuhr oder weiter im Seniorenheim arbeiten. Das sei alles gute Arbeit, doch um dies tun zu können fehlen auch ihm „nur“ noch die Papiere, die ein Leben in Europa ermöglichen und von denen er nicht weiß, ob er sie tatsächlich erhalten wird.

Eigentlich sollte in diesem Artikel eine weitere Geschichte erzählt werden, doch mein letzter Gesprächspartner war weniger gewillt über sich zu sprechen. Er sagte, dass ich von ihm für diesen Artikel nur Eines wissen müsste, nämlich den Grund, weswegen er und die anderen diese Arbeit machten: Sie sei ein Mittel, um die Isolation, in der sie als Flüchtlinge hier leben, zu durchbrechen. Das Gefühl zu haben in die Gesellschaft und den Alltag integriert zu sein und damit in Verbindung zu den „normalen“ Einwohnern Innsbrucks zu stehen. Diese Verbindung wäre wohl nicht nur für die Flüchtlinge bereichernd. In den Innsbrucker Flüchtlingsheimen werden laufend Menschen gesucht, die sich ehrenamtlich engagieren, beispielsweise, um den Asylsuchenden beim Deutsch Lernen zu helfen. Es gibt viele Wege Brücken zu bauen. Und manchmal braucht es, um „die Welt zu entdecken“ keinen zwölf Stunden Flug, sondern nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Offenheit im Alltag, um echte Eindrücke aus anderen Welten zu erhalten.

Foto: Die Zeitlos


*Die Namen der Interviewten wurden geändert und die Geschäftsnamen vertauscht, um die
Anonymität der einzelnen Personen zu gewährleisten.

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