(IMHO) Kapitel eins: Von der Tyrannei der Berge und ihren Verehrern

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Die kalte Jahreszeit bricht wieder über uns herein und ein weiteres Mal geht in den Straßen der Stadt ein seltsamer Wandel vor sich. Wörter wie „steezy“, „Pow“ und „Bluebird“ schallen durch Gassen, die Nordkettenbahnen ächzen und ein Redakteur eines bestimmten Studentenmagazins  fühlt sich ein klein wenig ausgeschlossen. Die Wintersportler sind wieder da!

Keine andere Stadt, die ich bisher erlebt habe, macht, im Bezug auf ihre Bevölkerung, eine dermaßen starke und jahreszeitenabhängige Wandlung durch wie Innsbruck. Nicht zuletzt durch den hohen Anteil an Studenten (2013/14 zählt die Statistik Austria alleine an der LFU mehr als 27.000), von denen ein großer Teil im Sommer die Stadt verlässt, könnten Sommer und Winter kaum unterschiedlicher sein.

Über die warme Jahreszeit hinweg schließen Lokale wie Aftershave und Weekender (zumindest teilweise) ihre Pforten, am Innufer herrscht gähnende Leere und in den Supermärkten fühlt man sich angesichts seiner Miteinkaufenden wieder vergleichsweise jung und frisch. Im Winter hingegen blüht Innsbruck förmlich auf. Gefühlt jedes zweite Wochenende findet irgendwo in der Stadt eine Board- oder Freeskifilmpremiere statt, Aftershave, Weekender und insbesondere Blue Chip und Jimmy’s platzen fast aus allen Nähten und auf der Maria Theresienstraße läuft man Gefahr spontanen Augenkrebs zu entwickeln.

Denn sobald sich nämlich in der Alpenmetropole die Blätter verfärben und langsam zu Boden fallen, die Straßenbeleuchtungen wieder früher angehen und die umliegenden Bergspitzen beginnen sich weiß zu färben, kommen sie wieder, die Überallhaubenträger, die PowPow Fanatiker, die nicht unsere (vorsicht Ironie!) geliebte Kaiserin Christine O.P. anerkennen, sondern nur ihren eigenen Göttern Jake Burton Carpenter und Don Kirschner huldigen.

Dies ist die Zeit, in der ich als 26jähriger, heterosexueller, kaukasischer Mann, geboren und mit einem jüngeren Bruder von beiden Eltern in Österreich aufgezogen, von wachem Verstand und gesundem Körper, wieder zum Mitglied einer demographischen Minderheit werde. Denn nicht nur stamme ich aus Niederösterreich, dem, meiner Erfahrung nach, am zweitschwächsten vertretenen Bundesland in Tirol, nein, ich betreibe nunmehr auch schon seit einem Jahrzehnt diesen Wintersport nicht mehr, der all diese Menschen Jahr für Jahr in die umliegenden Skigebiete lockt.

Seitdem ich nun in Innsbruck lebe, stellt sich mir circa alle zwölf Monate immer wieder eine Frage: Hat die Stadt Innsbruck wirklich so wenig zu bieten, so dass sie das halbe Jahr eigentlich nur als Basislager, After-Apres-ski Kneipe und überdimensionaler Catwalk für die neuesten, Sportmode dienen kann? Warum sind drei Minuten des vierminütigen, offiziellen Marketingvideos zur Stadt Bergaufnahmen? Gibt es keine andere Existenzbereichtigung, als deren Nähe?

Meine persönliche Antwort dazu: Nein! Nein! Nein!

Innsbruck hat dem (Winter-) Tourismus zweifelsfrei viel zu verdanken und würde ohne seinen Ruf als „Hauptstadt der Alpen“ vieles von seiner kosmopolitischen und weltoffenen Atmosphäre verlieren. Nur die Board- und Skibegeisterten und deren Spielplätze in den Fokus zu rücken lässt viele andere außen vor und birgt auch ein gewisses Risiko. Denn so wundervoll es auch ist, von CNN auf Platz fünf von Europe’s hottest Destinations gewählt zu werden, die dort angesprochenen Qualitäten erfüllen Orte wie St. Anton oder St. Moritz genauso.

Daher sollte man von Zeit zu Zeit versuchen, die umliegenden Bergketten auszublenden und die Stadt an sich wieder wahrzunehmen. Selbst wenn sich dafür die eine oder andere neonfarbene, bis zu den Knien hängende Jacke in die Netzhaut einbrennt.

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