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Das Phänomen Frei.Wild

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150.000 verkaufte Platten, ausverkaufte Konzerte vor mehr als 10.000 Menschen, Platz 2 der deutschen und österreichischen Albumcharts: die Deutschrock-Band Frei.Wild aus Südtirol hat großen Erfolg. Doch den meisten ist sie als eine „Rechtsrock-Band“ bekannt. Was ist dran an den Anschuldigungen und wer ist diese Band eigentlich?

© Frei.Wild

© Frei.Wild

Jochen „Zegga“ Gargitter am Bass, Christian „Föhre“ Fohrer am Schlagzeug, Jonas „Joy“ Notdurfter an der E-Gitarre und Philipp „Fips“ Burger an Mikro und der E-Gitarre, stehen hinter dem Namen Frei.Wild, welche sich bereits 2001 in Brixen zusammenfanden. In den ersten Jahren noch eher einer kleineren, speziellen Fangemeinde bekannt, wuchs ihr Bekanntheitsgrad. Spätestens ab Auftritten auf dem berühmten Metal-Festival Wacken und der Berliner Fan-Meile bei der Weltmeisterschaft 2010, wurden sie weit über Südtirol und der Szene hinaus, berühmt.

Ihr Name, bestehend aus den Adjektiven „Frei“ und „Wild“, soll laut dem Sänger und Bandgründer Philipp Burger „typisch für jugendliche Einstellungen“ und „passend zum Onkelzsound“ sein. Zusätzlich sollte wegen den ausschließlich deutschen Texten ein deutscher Name benutzt werden. Mit der 2005 aufgelösten Band „Böhse Onkelz“ verbindet die Band einiges: So kommt ihr harter, rockiger Sound mit Burgers rauen und tiefen Stimme nahe an deren Lieder heran. Auch ihr Ruf wird oft mit dem der „Onkelz“ verglichen.

Von Neo-Nazis gehört

Vor allem im letzten Jahr wurde die Band während ihrer großen Stadiontour zumeist in deutschen Medien heftig kritisiert und als „Rechtsrockband“ bezeichnet. Dabei wurden immer dieselben Argumente benutzt.

So hatte der Sänger, Philipp Burger, durchaus eine rechte Vergangenheit. Seine Vorgängerband, „Kaiserjäger“, war zweifelsfrei im rechten Milieu angesiedelt und produzierte Texte wie: „Eine Gruppe Glatzen kämpft dagegen an, gegen Weicheier wie Raver und Hippies und Punks“ oder „Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, Österreich wird ewig stehen“. Nach deren Auflösung bei einer Schlägerei zwischen deutschen und italienischen Neo-Nazis während eines Konzerts, entfernte Burger sich zwar von der Szene, kokettierte jedoch 2008 mit der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheitlichen“ und nahm erst nach heftiger Kritik der Medien und der eigenen Fans Abstand von ihr.

Vielmehr jedoch werden ihre Texte in den vielen Beiträgen, Berichten und Blogs rund um die Band erwähnt. Beispielsweise Texte wie:

Wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen
Selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen
Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen
Wenn ihr euch Ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen

 

aus dem Lied „Wahre Werte“,

 

Südtirol, du bist noch nicht verlorn,
in der Hölle sollen deine Feinde schmorn.

[…]

Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik
an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist,
darum holt tief Luft und schreit es hinaus,
Heimatland wir geben dich niemals auf.

 

aus dem Lied „Südtirol“ oder

Es kehrt zurück
was irgendwann war
Und was verloren schien
Was viele dachten, doch nie sagten
Die Meinungsfreiheit war dahin
Jeder verstellte seine Worte
und Tabus blieben Tabus
Gewisse Themen waren verboten
im Land der Vollidioten

aus dem Lied „Nur die Dummen sagen ja und amen“ wurden, bzw. werden nationalistisch, rechtsradikal und volksverhetzend interpretiert.

Nicht nur von den Medien, sondern auch von bekennenden und praktizierenden Neo-Nazis, werden die Texte so gehört. Auf seiner eigenen rechten Web-TV-Plattform meinte NPD-Funktionär Patrick Schröder zu der Band, dass er eine große Übereinstimmung zur eigenen Ideologie erkenne und dass es klar wäre, dass sie sich nicht 100% dazu bekennen könnten. Zudem zeigen Erfahrungsberichte, dass zum Teil offen bekennende, zum Teil versteckte, nationalsozialistisch und rechtsradikal denkende Menschen auf einigen der größeren Konzerte zu finden sind.

 

Südtiroler sind keine Deutsche

Obwohl die Band einiges gegen Nazis vor der Bühne unternimmt, werden Türsteher und Security darauf hingewiesen, verdächtigen Leuten keinen Einlass zu gewähren oder sie gleich nach Hause zu schicken. „Die strengsten Einlassbedingungen“ schreibt sich die Band auf ihrer Homepage auf die Fahnen.

© Frei.Wild

© Frei.Wild

Auch, dass auf der Bühne keine Rechten vorzufinden wären, versuchen die Musiker immer wieder zu bekräftigen. Durch klare Schritte wie „Zeig Flagge“, einer Aktion gegen Rassismus und Extremismus, mehreren Statements zur unpolitischen Haltung und vor allem einer analysierenden Berichterstattung zu Frei.Wild in den Medien, versuchen sie dem entgegenzuwirken, was ihrer Meinung ein großes Unrecht ist. So werden kritische und vorwurfsvolle Kommentare auf Social Media Plattformen diskussionsfreudig beantwortet. Mit der eigenen Seite, www.die-macht-der-medien.de, wollen sie Fragen über die Band klären, Fehleinschätzungen eingestehen, richtigstellen und vor allem Berichterstattungen über ihre Auftritte und ihre vermeintliche Haltung, aufgreifen und kommentieren.

So ist die Vergangenheit Burgers nun mal Vergangenheit und laut offiziellem Statement „in die Sturm und Drang Zeiten, also während der Pubertät“ einzuordnen. Diese liegt aber „knapp 15 Jahre zurück“ und „seinen Kontakt zur rechten Szene in diesem Zeitraum betrachtet Philipp seither allerdings als Fehler“. Den größten Teil der Fehlinterpretationen ihrer Texte schreibt die Band jedoch der Tatsache zu, dass alle Mitglieder der Band Südtiroler und keine Deutschen wären. Wie es im bereits oben genannten Lied „Wahre Werte“ im Text heißt,

 

Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache
Für uns Minderheiten eine Herzenssache,

 

sei die jeweilige Auffassung von Patriotismus und Heimatliebe in Südtirol eine ganz andere als in Deutschland. Durch die Geschehnisse während des zweiten Weltkrieges würden diese Begriffe in Deutschland völlig anders wahrgenommen und behandelt als in Südtirol. Durch die versuchte Italienisierung im 20. Jahrhundert sah die Südtiroler Bevölkerung ihre Sprache und ihre Bräuche gefährdet. Somit erklärt sich auch die starke Bindung an ihre Heimat. Spricht man in Innsbruck tatsächlich Südtiroler auf Frei.Wild an, so redet niemand von rechtsradikalen oder nationalsozialistisch angehauchten Musikern, bzw. Texten.

 

Das Phänomen, das polarisiert

Das Phänomen Freiwild

Die Musiker von Frei.Wild sind keine Nazis. Vor allem durch die klaren Stellungnahmen und sich wiederholenden Bemühungen gegen die Vorwürfe zeigt sich, dass es ihnen ein großes Anliegen ist, diesem Bild entgegenzuwirken. Auch wenn manche Kritiker das als eine Methode sehen, die großen Massen mit rechten Parolen zu erreichen, kann die Band nicht mehr tun, als immer wieder auf das Gegenteil hinzuweisen.

Dennoch sind die Südtiroler keineswegs so unpolitisch, wie sie behaupten. Hinter den Aussagen verbergen sich klare Meinungen zu politischen Themen, die man aber auch im Kontext mit ihrer Herkunft sehen muss. Dass ihre Texte aber von Rechtsradikalen gerne übernommen und verbreitet werden, zeigt, dass sich ihre Texte definitiv auch auf die vorgeworfenen Themen interpretieren lassen. Ein klares Statement in Form eines Liedes würde hier eindeutig guttun. Doch die Band profitiert natürlich auch von diesem Böse-Buben-Image. Er passt zur ihrer Art der (Deutsch)Rockmusik und bringt ihnen mediale Aufmerksamkeit und somit Erfolg ein. Es ist klar, dass sie diese pikanten Themen nicht hauptsächlich aus Erfolgshunger ansprechen, doch sie spielen mit dem Image und provozieren durchaus gewollt. Ob man das gut oder schlecht findet, ist jedem selbst überlassen. Frei.wild sind jedoch bestimmt nicht die einzigen, die auf diese Weise agieren.

Zu guter Letzt bleibt noch zu sagen, dass sich durch das „Phänomen Frei.Wild“ viel mehr Menschen mit dem Thema Neonazismus und rechter Musik auseinandersetzen. Verfolgt man so manche ernsthafte Diskussion im Internet, merkt man, wie die Gespräche mehr und mehr auf das abschweift, was Rechtsrock ausmacht oder wie stark und wo er denn überhaupt vorhanden ist. Auch wenn die Band eine düstere Vergangenheit hat, ist es nicht schlecht auf solche Themen hinzuweisen.

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