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„Unsere Flüsse sind nicht erneuerbar“

Österreich gehört zu den europäischen Spitzenreitern, was Strom aus erneuerbaren Quellen betrifft. Eine besonders große Rolle spielt dabei – dank der gebirgigen Lage in den Alpen – die Wasserkraft. Doch der ökologische Zustand vieler Flüsse lässt zu wünschen übrig.

Mehr als die Hälfte des in Österreich produzierten Stroms stammt aus Turbinen, die von Flüssen angetrieben werden. Gleichzeitig erfüllt weniger als die Hälfte aller Flüsse die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Diese sieht vor, dass alle Gewässer bis 2027 in einen guten ökologischen Zustand gebracht werden sollen. Wir haben mit Gerhard Egger, dem Leiter der Gewässerschutzabteilung des WWF, über den Zustand der Fließgewässer in Österreich und die Rolle, die der Stromerzeugung dabei zukommt, gesprochen.

Die Zeitlos: Strom aus Wasserkraft ist im österreichischen Energiemix besonders wichtig und hat einen sehr guten Ruf. Ist er so nachhaltig, wie man glaubt?

Gerhard Egger: In unseren Augen nicht, nein. Unsere Flüsse sind im Gegensatz zur Wassermenge nicht erneuerbar. Jeder Eingriff in ein Flusssystem beeinträchtigt die Lebensräume und die Fauna und Flora dort. In Österreich sind nur noch zirka 15 Prozent aller Fließgewässer ökologisch intakt. Das liegt auch daran, dass sie so intensiv zur Stromerzeugung genutzt werden. Im Durchschnitt steht alle 900 Meter ein Querbauwerk, das ist katastrophal für das Ökosystem Fluss.

Der überwiegende Teil aller Wasserkraftwerke in Österreich sind Laufkraftwerke. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Laufkraftwerken, die die Grundlast abdecken, und Speicherkraftwerken, die nur in Betrieb genommen werden, wenn der Stromverbrauch besonders hoch ist?

Bei den Laufkraftwerken ist das Hauptproblem die Durchgängigkeit, also dass Fische den Fluss entlang wandern können und Kies, Schlamm und Sedimente flussabwärts gespült werden. Das Problem bei den Speicherkraftwerken ist der Schwall-Sunk-Betrieb. Das Wasser wird zurückgehalten und wenn der Strompreis hoch ist, wird die Produktion angeworfen. Dann werden plötzlich große Mengen Wasser in die Gewässer entlassen. Die Tiere und Pflanzen sind nicht daran angepasst, dass mehrmals täglich so ein riesiger Schwall daherkommt, der dann aber genauso plötzlich wieder weg ist. Da gehen viele Jungfische aber auch Insekten daran zugrunde. Das ist sicher einer der Gründe, warum viele Flüsse in Österreich, die eigentlich noch frei fließend wären, einen recht schlechten Zustand haben.

In Österreich gibt es sehr viele Kleinwasserkraftwerke. Sind kleine Kraftwerke umweltverträglicher als große?

Nein, Kleinwasserkraftwerke richten durch ihre geringe Leistung überproportional viel Schaden an. Man braucht ziemlich viele Kleinkraftwerke, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen wie mit einem großen Kraftwerk. Das heißt, man braucht einfach viel mehr Querbauwerke, die schlecht für die Durchgängigkeit sind. In Summe wird dadurch eine viel größere Länge an Fließgewässern beeinträchtigt. Wir finden deshalb, dass die Kleinwasserkraft zurückbaut und nicht durch Förderungen weiter ausgebaut werden sollte.

Die Bundesregierung hat vor, die Stromversorgung bis 2030 zu hundert Prozent auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Dafür sollen hauptsächlich Photovoltaik und Windkraft ausgebaut werden, aber auch aus der Wasserkraft sollen fünf Terawattstunden mehr kommen; das entspricht etwa sieben Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in Österreich. Wie soll das bewerkstelligt werden? Gibt es an den österreichischen Gewässern noch Kapazitäten für neue Wasserkraftwerke?

Das Potenzial für neue Wasserkraftwerke ist weitgehend ausgeschöpft. Österreich hat in Bezug auf die Wasserkraft einen Ausbaugrad von zirka 75 Prozent. Man kann nicht hundert Prozent der Fließgewässer nur für einen einzigen Zweck nutzen. Es ist also gut, dass verstärkt in die Technologien, bei denen noch viel Luft nach oben ist, investiert wird. In der Photovoltaik nutzen wir zum Beispiel erst rund zwei Prozent des Potenzials. Der Beitrag, den die Wasserkraft noch leisten kann, ist also sicher gering. Außerdem sind mehr als die Hälfte aller Wasserkraftwerke derzeit nicht auf dem neuesten Stand der Technik. Diese Anlagen sollten modernisiert werden, ohne neuen Schaden anzurichten, bevor man über neue Kraftwerke nachdenkt. Aber ich bin ja offen gesagt sehr skeptisch, dass fünf Terawattstunden mehr aus der Wasserkraft überhaupt erreichbar sind. Das Allerwichtigste, um die Energiewende zu schaffen, wäre auf jeden Fall eine riesige Energiespar-Offensive.

Mehr Informationen zu den Gewässerschutz-Projekten des WWF findest du hier.

Titelbild: Das Laufkraftwerk Langkampfen am Inn. Quelle: commons.wikimedi.org CC-SA-4.0