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Warum St. Martin ein unterschätzter Feiertag ist

Laternenumzug, bunter Festschmuck, Leckereien und glückliche Gesichter. Diese Dinge und noch so viele mehr machen ein Fest im November aus, das vielerorts zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Ich bin in einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen großgeworden, in welcher St. Martin jedes Jahr die ganze Stadt verzaubert. 

St. Martin ist ein Fest des Teilens, des Beisammenseins und des Gebens. Das Fest spielt sich in der ganzen Stadt ab und an jede Ecke findet man Glühwein und traditionelle Krapfen, sogenannte „Püfferkes“. Den Mittelpunkt bildet der Laternenumzug, bei welchem alle Schulen der Umgebung mitgehen und die Kinder, begleitet von Blaskapellen, ihre Laternen zur Schau stellen. Die Kinder basteln oft wochenlang in den Schulen an ihren Laternen und die ganze Stadt kommt zusammen, um diese zu bestaunen. Es werden gemeinsam Lieder gesungen und schöne Momente geteilt. Auch ein großes Feuer, vor welchem die Geschichte des heiligen Martin nachgespielt wird, ist immer gut besucht.

Ein besonderes Highlight ist das große Feuerwerk über der Stadtburg auf welches Groß und Klein den ganzen Abend gespannt warten. Es folgt ein Moment des Innehaltens und Genießens, des Zeit-Vergessens und Staunens. Nachdem der Zug vorbei ist, fängt der Abend für viele Kinder erst richtig an. Gemeinsam wird von Haus zu Haus gezogen, um den Bewohner*innen Martinslieder vorzusingen und im Gegenzug Süßigkeiten und Komplimente für die Laternen abzustauben. Diese Tradition ist auch für mich eine der schönsten Erinnerungen meiner Kindheit. Lange schon ist St. Martin hier jedoch nicht nur mehr ein Kinderfest, sondern ein Fest für jede*n Einzelne*n, weit über die Grenzen des Niederrheins hinaus. 

In seiner Symbolik simpel ist St. Martin ein sehr herzliches und bodenständiges Fest. Die Laternen, welche jährlich die Dunkelheit am 11 November erhellen, repräsentieren die strahlende Botschaft für die St. Martin steht. Sie ehren den Heiligen, welcher an diesem Tag beigesetzt wurde. Martin war im Jahr 334 n.Chr. als römischer Soldat der Reiterei stationiert. Die Überlieferungen besagen, dass er eines Wintertages einem armen, frierenden, unbekleideten Mann begegnete und Mitleid empfand. Er teilte seinen Mantel mit dem Schwert in zwei Stücke und schützte den Mann somit vor der kalten Winternacht und seinem wahrscheinlichen Tod. In der Nacht darauf erschien Martin der Bettler im Traum und gab sich als Jesus Christus zu erkennen. Martins Geste wurde über Jahrhunderte überliefert und steht für Barmherzigkeit und Mitgefühl. Der heilige Martin ist bis heute Schutzheiliger der Reisenden und Armen, der Bettler*innen und der Flüchtigen. 

Genau wie Weihnachten ist St. Martin ein katholisches Fest, welches jedoch von Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen gefeiert werden kann und wird. Das Fest verbindet Menschen, unabhängig ihrer Herkunft oder ihres Glaubens. Es geht um den universellen Wert des Teilens, um Einfühlsamkeit und ein daraus entstehendes Gemeinschaftsgefühl. Besonders zum Anbruch der dunklen Jahreszeit, ist es schön ein Fest zu feiern, das jeden daran erinnert, was durch Zusammenhalt und kleine Gesten erreicht werden kann.

Für mich und für viele andere aus meiner Heimat ist St Martin durch seine Atmosphäre ein perfekter Feiertag und ein Highlight jedes Jahr. Ich glaube, dieser Tag hat viel Potenzial dafür, auch in anderen Städten oder Ländern Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und die kalte Jahreszeit zu überbrücken. St. Martin sollte nicht nur als Fest für Kinder wahrgenommen werden, sondern als das was es ist – ein Brauch, der uns alle an unsere Menschlichkeit erinnert. Besonders in solch schwierigen Zeiten wie diesen ist das eine Bereicherung, die ich vielen weiteren Menschen auf der Welt wünsche. 

Semi-erfolgreiche Studentin der Wirtschaftswissenschaften, die mehr Zeit unterwegs verbringt als vor ihrem Bildschirm. Aufgewachsen in NRW, aktuell im schönen Innsbruck. Meine Freunde würden mich als tollpatschigen Glückspilz beschreiben. Manchmal schreibe ich hier Texte zu (meiner Meinung nach) coolen Themen, also lest meine Artikel!