Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

HABIBI.WORKS – Space for Empowerment

Dem Alltag einen Sinn verleihen, sich verwirklichen, nach etwas streben und Ziele erreichen. Selbst diejenigen, die in wirtschaftlich sicheren und politisch stabilen Verhältnissen aufwachsen, ringen um Zugehörigkeit, Respekt und Ansehen in der Gesellschaft – und nicht zuletzt vor sich selbst. Wie ergeht es jedoch Menschen, denen der Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und dem Arbeitsmarkt über Monate und manchmal Jahre hinweg verwehrt bleibt? Die nicht Teil der Gesellschaft sind, denen psychologische Unterstützung und Struktur fehlen?

 

Flüchtlingscamp Katsikas © Mimi Hapig

In der Region Epirus im Norden Griechenlands, leben etwa 3.800 Geflüchtete und Asylsuchende. Sie befinden sich in einem zeitlosen Zustand der legalen Schwebe, sind angewiesen auf und abhängig von den Entscheidungen anderer. Angekommen und doch heimatlos. Selbstbestimmung und Autonomie wurden mit ihrem Aufbruch, ihrer Flucht zurückgelassen.

Das Flüchtlingscamp Katsikas, einige Kilometer südlich der belebten Stadt Ioànnina, zeigt eindrücklich, wie Menschen zwar erstversorgt, aber dann vergessen werden. Vor einigen Jahren noch ging das Thema Flüchtlingshilfe um die Welt, erregte Aufmerksamkeit und erhielt Zuspruch. Doch mit neuen wirtschaftlichen und politischen Ereignissen – einschließlich der Medien einnehmenden Corona-Krise, geriet die Thematik in den Hintergrund, obwohl die Problematik noch längst nicht gelöst ist. Die Zahl der Ankommenden ist zwar im Vergleich zu den vorherigen Jahren laut der United Nations Organisation (UNO) gesunken, doch noch immer hängen mehr als 100.000 Menschen in Griechenland fest.

 

Nachhaltig denken, Raum geben

Der Alltag im Camp Katsikas ist Warten. Warten auf einen weiteren Schritt, ein Vorankommen, auf ein neues und endgültiges Zuhause. Warten auf das Interview im Asylprozess, auf den positiven oder negativen Bescheid. Teilweise vergehen Jahre zwischen Ankunft und der weiterführenden Entscheidung. Ein mühsamer Prozess, der für die Wartenden so viel mehr bedeutet als reine Formalitäten. Das durch Medien und Politik weit verbreitete Stigma des hilflosen und unerwünschten Geflüchteten blockiert die Entstehung unvoreingenommener Denkweisen und neuer Perspektiven. Ein innovatives Projekt stellt sich den Vorurteilen und der Trägheit der von vielen akzeptierten Aussichtslosigkeit.

 

Habibi.Works © Mimi Hapig

Talent und Potenzial entfalten, Fähigkeiten und Wille unter Beweis stellen, sich auf Augenhöhe austauschen – das ist Habibi.Works. Einen Raum, ein Netzwerk, eine Arbeitsfläche bieten. Das 2016 gegründete Projekt hat genau das erkannt, was bisher vielen Hilfsorganisationen entgangen ist. Statt Lösungen vorzugeben, wird zugehört. Ein Lernen mit- und voneinander, frei sein in Gedanken, Worten und Handeln. Ein interkultureller Austausch an Stelle von Anweisungen und Ignoranz.

Habibi.Works wurde ins Leben gerufen von der gemeinnützigen Organisation Soup and Socks e.V., entstanden in Heidelberg, Dezember 2015. Die Idee des Heidelberger Gründungsteams zum damaligen Zeitpunkt ist praktisch und effizient – mit Kleiderspenden und Suppentöpfen machen sich sechs junge Erwachsene auf den Weg nach Athen, um dort für Hilfsbedürftige und Geflüchtete zu kochen. Zwei Wochen verbringen die freiwilligen Helfer vor Ort, erkennen das Potenzial ihrer Idee und entwickeln das Projekt weiter. Im März des Folgejahres errichten sie innerhalb des Flüchtlingscamps Katsikas eine Gemeinschaftsküche, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu kochen, nachhaltige Hilfe zu leisten und miteinander zu arbeiten.

 

„Während unserer ersten Einsätze in Griechenland haben wir schnell begriffen, dass die Menschen selbst am besten wissen, wie praktische Lösungen für den Alltag aussehen können. Was ihnen fehlt, sind also nicht Ideen, sondern Zugang zu Material, Raum und Werkzeugen, um diese Ideen umzusetzen. Wir sind der festen Überzeugung, dass Menschen die Experten ihres eigenen Lebens sind.“ (Mimi Hapig, Co-Gründerin & Projektleitung)

 

Arbeiten in der Holzwerkstatt © Mimi Hapig  

Aus diesem Denkansatz heraus entsteht im August 2016 direkt gegenüber dem Flüchtlingslager das FabLab Habibi.Works, in dem nicht nur Geflüchtete, sondern auch Locals, sowie Experten aus aller Welt willkommen sind.

 

Unfolding the potential of people“

Mit aktuell elf modern ausgestatteten Arbeitsbereichen, von einer klassischen Schreinerei bis hin zu dem Media Lab, dient eine zu neuem Leben erwachte Fabrikhalle als Raum zur Entfaltung und zur Kreativität. Das Team, dessen Mitglieder ihre Zeit, Erfahrung und Energie meist auf freiwilliger Basis einbringen, betreut und unterstützt bei der Gestaltung neuer Projekte und bei der Bewältigung neuer Aufgaben. Jeder kann sich engagieren, etwas Eigenes erschaffen und die Zeit des Wartens in eine Zeit des Lernens und der persönlichen Weiterentwicklung, des persönlichen Erfolgs verwandeln. Werte, die in unserer Gesellschaft wieder mehr an Bedeutung gewinnen sollten, wie Solidarität, Gleichheit und Respekt werden gelebt. Vor der Pandemie wurde täglich gemeinsam gekocht, Tradition und Kultur bleiben gewahrt und werden geteilt. Derzeit leben ungefähr 1000 Geflüchtete in dem Lager, die meisten kommen aus Afghanistan, danach folgen Syrien und der Irak. In Habibi.Works treffen Menschen aufeinander, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären oder nur wenige Gemeinsamkeiten entdeckt hätten.

 

„In Habibi.Works kommen Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer, unterschiedlicher Sprachen und unterschiedlicher Weltanschauungen zusammen. Durch das gemeinsame Gestalten und die gegenseitige Unterstützung in den Werkbereichen ist die Sprachbarriere oft nebensächlich – und es ergeben sich plötzlich Anknüpfungspunkte. In Habibi.Works entstehen also nicht nur praktische Lösungen oder Zukunftsperspektiven, sondern auch ein Gemeinschaftsgefühl.“ (Mimi Hapig)

 

In Workshops und räumlich getrennten Werkstätten arbeiten Menschen Seite an Seite und lernen voneinander. Fahrräder werden repariert, Vorhänge genäht, Stühle gezimmert. Der Gemeinschaftsgarten und die Bibliothek bieten zudem Raum für Ruhe und Besinnung. Auch neue Technologien wie Laser Cutter und 3D Drucker stehen zur Verfügung. Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Ordnung und Regeln halten den Arbeitsalltag zusammen. Partnerorganisationen wird zudem Raum geboten, um auf dem Gelände von Habibi.Works zum Beispiel Englischunterricht oder Zirkusprojekte durchzuführen. Von Beginn an finanziert sich das Projekt ausschließlich durch private Spenden, Förderungen durch kleinere Stiftungen oder Preisgelder.

 

Vater baut Bett für sein Kind ©Mimi Hapig

Schon viel zu vertraut seien uns die Bilder von Menschen, die in Zelten oder Containern leben; von Menschen, die das Mittelmeer in Schlauchbooten überqueren, berichtet Mimi Hapig in einem Vortrag bei der ZEIT ONLINE. Als Projektleiterin von Habibi.Works lebt sie seit 5 Jahren vor Ort in Griechenland. Es gilt, die Sensibilität und das Bewusstsein gegenüber der Thematik weiterhin zu fördern, europaweit.

Das Konzept von Habibi.Works gibt Menschen wieder das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Weg von Passivität und Warten, hin zu einem aktiven Erschaffen, zu Selbstbestimmung. Um wieder einen  Sinn zu sehen und den eigenen Wert wieder zu erkennen.

Informationen über aktuelle Projekte, den Newsletter und Möglichkeiten, das Projekt mit (Sach-) Spenden oder als freiwillige Helferin/freiwilliger Helfer vor Ort zu unterstützen, findest du unter https://habibi.works.

 

 

 

 

Von den Bergen in die Berge. Aufgewachsen an der Schweizer Grenze, Studienjahre in Hessen und Baden-Württemberg verbracht und nun seit Juni in Innsbruck. Das Herz schlägt dort, wo Berge sind, mein Zuhause ist mein Fahrrad. Feste Konstante: Kaffee.