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Flüchtlingsstrom oder Einzelschicksale?

 

Täglich hört man in den Nachrichten von „Flüchtlingsströmen“. Dieses Wort verschleiert die einzelnen Schicksale der Menschen, die dahinter stehen. In diesem Artikel werden die Geschichten einiger Geflüchteter wiedergegeben.

 

 

Nichts ist so trügerisch wie Worte und Zahlen, die Einzelschicksale hinter harten Fakten verschleiern. Man geht auf der Straße an Hunderten, Tausenden Menschen vorbei, die Geschichten in sich tragen, welche wir uns nicht im Entferntesten ausmalen können und wollen. Die Angst vor Berührungspunkten mit dem Fremden, Anderen, Ungewohnten ist tief im Menschen verankert.

 

Wenige Dinge haben in den vergangenen Jahren die Medien des globalen Nordens so sehr dominiert wie die sogenannte „Flüchtlingskrise“, die den durchschnittlichen europäischen Bürgerinnen und Bürgern hauptsächlich in den abendlichen Nachrichtensendungen begegnet. Dort werden ihnen im Sekundentakt wechselnde Bilder von Menschen aufgetischt, die in Lagern in Zelten hausen müssen, oder Bilder von verwackelten Meerwasseraufnahmen, die in desolate Schlauchboote gepferchte Menschen zeigen, die darauf hoffen, an der Grenze nicht von Frontex-Soldaten abgeschossen zu werden. Nach zwei bis drei Minuten ist der Bericht wieder vorbei – es kann sich getrost anderen Dingen zugewandt und das Gesehene als etwas Abstraktes, Unreales abgetan und folglich vergessen werden.

Darüberhinaus scheinen die auf Booten und in Lagern lebenden Menschen in politischen Kontexten auf. Je nach der jeweiligen Ausrichtung werden sie mitunter von Parteien benutzt, um Feindbilder zu generieren. Oder aber sie werden aus Koalitionstreue verleugnet.

Dabei haben die Flüchtenden keine starke Lobby, die das Wort für sie ergreift.Womöglich ist das Wort, das ergriffen wird, zu leise und schwach gesprochen, um gehört zu werden. Oder aber andere Stimmen sind zu laut. Den Flüchtenden wird kein Raum zum Sprechen gegeben, ihnen wird nicht zugehört.

Es wird ein Bild erzeugt, als sei die „Füchtlingswelle“ eine Naturgewalt, oder etwas Monströses, das in Europa einbricht; ein abstrakter Strom, der Europa überflutet. Doch es ist kein Flüchtlingsstrom, der sich über uns hinwegwälzt. Es sind Menschen, die aus einer Notlage heraus ihr Heimatland verlassen und sich dadurch in große Gefahr begeben. Es sind Einzelschicksale, Menschen mit ihrer eigenen Biografie, Menschen mit einem großen Arsenal an oft traumatischen Erlebnissen. Sie suchen Ruhe, Beständigkeit und Sicherheit.

 

Um das abstrakte Medienbild greifbarer und menschlicher zu machen, soll hier nun die Rede von jungen Menschen sein, die nach einer langen, gefährlichen Flucht in Österreich angekommen sind und sich im Bezirk Reutte ein neues Leben aufbauen wollen. Einige haben eine Mittelschule besucht, andere haben einen Pflichtschulabschluss gemacht. Das alles in einem völlig neuen Umfeld, in welchem sie die deutsche Sprache lernen und mit dem neuen Land vertraut werden möchten.

Viele erzählen von einem vom Krieg geprägten Aufwachsen, von einer Zeit, in der sie nicht „Kind sein durften“, von einer Kindheit, die oft keine Kindheit war. Es gibt Vieles, was die Geflüchteten berichten. Und oft ist es zu viel, was sie verkraften und verarbeiten müssen.

Mena (Name geändert) aus Afghanistan erzählt von der gefährlichen Flucht über die Berge, auf der die Menschen nachts durch Schüsse aufgeschreckt werden. Sie kann ihren Vater nicht mehr finden, und der Schlepper erklärt, es sei keine Zeit mehr zu warten. Die Familie muss ohne den Vater weiterziehen. Erst zwei Jahre später in Österreich erhält Mena einen Anruf – es ist ihr Vater, der nach Jahren der Suche wenigstens telefonisch Kontakt zur Familie herstellen kann.

Sanjar (Name geändert) war mit seiner Familie auf der Flucht. Beim Übergang über die Berge in den Iran hat seine Tante keine Kraft mehr. Sanjar trägt sie einen Teil des Weges. Die beschwerliche Flucht führt sie weiter, bis sie irgendwann in der Türkei ankommen, wo sie in einem Schlauchboot das europäische Festland erreichen wollen. In der Nacht findet die Überfahrt statt. Sanjar erinnert sich an das tiefschwarze Wasser, das furchteinflößende Meer. Er erzählt, das Wasser hätte ständig zu ihm gesprochen: „Komm her, komm her.“ Dicht im Boot zusammengepfercht erreichen sie schließlich das Land. Sanjar muss aus dem Boot gehoben werden, da er seine Beine nicht mehr bewegen kann.

Nun bauen sie an ihrem neuen Leben, das sie im Außerfern beginnen wollen. Und sie alle werden von ihren Lehrerinnen und Lehrern als freundliche, höfliche, zuvorkommende junge Menschen beschrieben; interessiert an allem, was sie lernen können, wertschätzend im Umgang. Sie alle haben Pläne für ihre Zukunft. Und immer wieder, ohne Klage oder Anklage, doch mit großer Sorge, erzählen sie von ihrer großen Angst, kein Asyl zu bekommen, wieder zurück in das Herkunftsland zu müssen, wo sie vor Krieg, Gewalt und völliger Perspektivenlosigkeit stehen würden.

Morteza (Name geändert) träumt davon, in der IT-Branche zu arbeiten. Mit einer guten Ausbildung könnte er es schaffen. Doch sein Asylantrag wurde schon zum zweiten Mal abgewiesen. Er hat zahlreiche Behördengänge hinter sich, Befragungen, in denen er nach seinen Motiven für seinen Antrag zu bleiben gefragt wird. Doch schließlich fällt die Entscheidung. Er hat das Schriftstück in Händen, in welchem der Tag der Abschiebung genannt ist. Die Mitschüler*innen schreiben einen Brief an den Bundespräsidenten, in dem sie darum bitten, dass Morteza bleiben darf. Sie erhalten eine ausführliche und verständnisvolle Antwort aus der Präsidentschaftskanzlei, doch ändern lässt sich nichts. Am letzten Schultag verabschiedet sich Morteza von den Mitschüler*innen. Tränen, eine letzte Umarmung.

Mansour (Name geändert) flüchtete aus Afghanistan und wollte einen technischen Beruf erlernen. Er interessiert sich für Kunst, malt Bilder und schreibt Gedichte. Sein großes Projekt ist eine Erzählung, in der die Ereignisse aus dem Kriegsgebiet in einer komplizierten Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Mansour träumt davon, nach Kriegsende nach Afghanistan zurückzukehren, um beim Aufbau des Landes mitzuhelfen. Er möchte ein Museum errichten, in dem alle durch den Krieg verlorenen Kunstschätze wieder versammelt würden. Mansour ist eine starke Persönlichkeit, der das Gespräch sucht und sich leidenschaftlich mit den Gedanken anderer Menschen auseinandersetzt. Doch in jedem Gespräch ist seine Angst vor dem negativen Asylbescheid, der seine mühsam aufgebaute Existenz in Österreich und die damit einhergehende Sicherheit zunichtemachen würde, spürbar.

Die negativen Bescheide verstärken das Gefühl der ständigen Unsicherheit. Ein Gefühl der Haltlosigkeit, der Perspektivlosigkeit macht sich bei Mansour breit.

Eines Tages ist die Unterkunft, in der er mit seinen Eltern und den Geschwistern gelebt hat, leer. Die Flüchtlingsbetreuer teilen mit, dass die Familie das Land verlassen musste, um der Abschiebung zu entkommen.

An der Schule hinterlässt Mansour eine große Lücke. Mitschüler*innen und Lehrer*innen sind entsetzt, wütend, fühlen sich hilflos. Es hat sich abermals gezeigt, wie unsicher das Leben der Asylwerbenden wirklich ist; wie schnell alles, was sich die Menschen aufgebaut haben, wieder zerbrechen kann.

Mansours Familie hatte in ihrer Unterkunft noch Materialien, die von der Schule leihweise zur Verfügung gestellt worden waren: ein Laptop und ein Erzählband. Selbst in der Ausnahmesituation, auf der neuerlichen Flucht, organisiert er eine Möglichkeit, dass die Dinge zurückgebracht werden. Zwei Tage später wird der Laptop sorgfältig verpackt an die Schule gebracht. Mansour hat das Gerät einer Mitschülerin zukommen lassen – für ihn wäre es zu gefährlich, sich im Staatsgebiet aufzuhalten – mit der Bitte, den Laptop zu retournieren. Gleichzeitig erhält auch der Deutschlehrer das Buch zurück, das Mansour als Klassenlektüre von der Schule leihweise erhalten hatte. Es ist sorgfältig verpackt und adressiert.

 

 

 

Bildquelle: https://unsplash.com/photos/e9VP2830LY4