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Zoos: Ein Konzept für Mensch statt Tier

Tiere aus fernen Teilen dieser Welt hautnah erleben, bedrohte Tierarten kennenlernen und einen schönen Tag mit der Familie verbringen. So stellt man sich einen Zoo vor, so präsentieren sich Zoos nach außen. Dieser Artikel schlüsselt die drei stärksten und am häufigsten genannten Argumente von Befürworter*innen zoologischer Gärten und Aquarien auf. Die Punkte Arterhaltung, Tierwohl und Bildungsauftrag werden kritisch auf ihre Konsistenz hin hinterfragt.

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

Und hinter tausend Stäben keine Welt.“

 – Rainer Maria Rilke –

Das ist die erste Strophe des Gedichts „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Der Dichter schreibt über die möglichen Gefühle eines eingesperrten Panthers. Ihm ist langweilig, weiß nicht wohin mit seiner Energie, läuft nur auf und ab. Das Gedicht zeigt einen Einblick auf die andere Seite der Gitterstäbe. Dadurch kommt die Frage auf, warum die Menschen Tiere überhaupt einsperren. Es könnte also durchaus als eine Kritik verstanden werden. In der Tierhaltung hat sich schon einiges getan: Bärentanz auf dem Marktplatz gibt es schon seit Generationen nicht mehr, berühmte Zirkusse ersetzen ihre Tiere mit Hologrammen, der Besitz fremdländischer Tiere ist zumindest in den Lebensrealitäten der meisten Menschen kein Statussymbol mehr und die Kritik an Delfin- oder Robbenshows wird immer lauter. Doch wenn es um die Daseinsberechtigung von Zoos geht, spalten sich die Meinungen. Natürlich hat sich in den zoologischen Gärten schon vieles zum Positiven hin verändert. Graue Käfige und triste Betonbecken werden immer seltener, Gehege werden vergrößert und die Haltung von großen anspruchsvollen Arten wird überdacht. Doch bei genauerer Betrachtung der Argumente, die angeblich für Zoos sprechen, werden Denkfehler deutlich.

Argument 1: „Es braucht Zoos zur Arterhaltung“

Weltweit sind fast alle Zoos und Aquarien in so genannten Zuchtprogrammen, die länderübergreifend die Fortpflanzung von bedrohten Arten koordinieren. Die bekannteste Organisation ist WAZA (World Association of Zoos and Aquariums). Die Zoos sehen sich selbst als Genreserve und geben pro Besucher*innenkarte zehn Cent für Artenschutz aus. Dieses Argument für die Daseinsberechtigung von zoologischen Gärten klingt erst einmal schlüssig. Doch man darf nicht vergessen, dass von den 150 täglich aussterbenden Arten 130 auf das Konto des Menschen gehen. Außerdem ist der Arterhalt in erster Linie für die Tiere selbst ein unfassbarer Kraftakt. Ist zum Beispiel das Pandaweibchen im gebärfähigen Alter, wird es aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, quer durch die Welt transportiert, in einem ihm unbekannten Zoo künstlich befruchtet, lebt mit neuen Artgenossen bis das Jungtier geboren ist, nur um dann vom Kind getrennt wieder an einen anderen Ort geflogen zu werden. Dieser Umgang ist purer Stress für die Tiere.

Außerdem muss man sich die Frage stellen, welche Tiere denn erhalten werden. Tiere, die nie jagen gelernt haben und daher nie ausgewildert werden könnten. Tiere, die sich an den Menschen gewöhnt haben, und Wilderern in der Natur direkt in die Arme laufen würden. Tiere, die aufgrund von mangelnder Diversität im Genpool unter den Folgen von Inzest leiden. Das Argument des Arterhalts ist auch insofern nicht schlüssig, weil viele Arten, die in Zoos zur Schau gestellt werden, nicht bedroht sind. Ein Beispiel dafür sind Walrosse. Gleichzeitig werden die meisten tatsächlich bedrohten Tierarten nicht in das Zuchtprogramm von Zoos aufgenommen, weil sie zu „uninteressant“ sind. Für den*die durchschnittliche*n Besucher*in ist ein Afrikanischer Waldelefant weitaus spannender als irgendein Nachtfalter.

Argument 2: „Die Tiere werden doch gut behandelt“

Aufgrund von lauter Kritik auf den Seiten der Tierschützer*innen und dem tieferen Bewusstsein für Tierschutz, werben Zoos oft mit ihrer überaus guten Haltung. Diese hat sich bereits verbessert. In modernen Zoos werden Tiere beispielsweise zum Jagen animiert oder mental durch ausgeklügelte Spiele herausgefordert. Ein guter Ansatz, dessen Hintergrund jedoch kritisch hinterfragt werden muss, ist die Angsttherapie, welche viele Tiere nötig haben. Ständig wechselnde Artgenossen, Transporte und jegliche Veränderungen lösen Ängste aus. Ängste, die unter natürlichen Umständen nicht vorkommen würden. Durch das Konzept der Angsttherapie werden Tiere langsamer an das neue Umfeld gewöhnt, eventuell getrennt gehalten und ihr Verhalten ständig beurteilt. Dass viele Pfleger*innen den Zootieren Liebe und Aufmerksamkeit schenken, ist wunderschön und zeigt eine besondere Beziehung zwischen Menschen und Tier. Aber es ist eben nicht die Bärenmutter, die ihrem Kind Liebe schenkt, sondern eine andere Spezies, die den Jungtieren niemals das geben kann, wozu die leibliche Mutter fähig wäre.

Ein weiterer Fakt, der gegen die so stark beworbene gute Haltung spricht, ist das Phänomen der Stereotypie. Dabei wiederholen die betroffenen Tiere ständig und gleichförmig Bewegungsabläufe und Verhaltensmuster. Eisbären mit Stereotypie laufen zum Beispiel immer den gleichen Pfad auf und ab, wippen dabei mit dem Kopf hin und her oder reißen ihren Oberkörper plötzlich herum. Der Grund dafür sind nicht erfüllte Bedürfnisse von den Tieren aufgrund von Langeweile, Isolation und zu geringem Platz. Dieses Krankheitsbild kommt vor allem bei großen Tieren vor, die in freier Natur große Strecken zurücklegen würden. Aber auch wenn Fische nur dieselben Bahnen und Spiralen abschwimmen, sind sie wahrscheinlich von Stereotypie betroffen.

Argument 3: „Wer mehr über die Tiere weiß, ist eher bereit deren Lebensraum zu schützen“

Das dritte Argument von Zoobefürworter*innen ist die Bildung. Wer Tiere mit den eigenen Augen gesehen hat und sie vielleicht sogar gerochen hat, sei eher bereit den Lebensraum dieser Tiere zu schützen. Nach diesem Argument würden beispielsweise die Auswirkungen der Zerstörung des Amazonas und des Anbaus von Palmölplantagen bewusster wahrgenommen. Außerdem würde die emotionale Bindung, die Besucher*innen zu den Tieren aufbauen dafür sorgen, dass sie sich Informationen und Fakten über die Tiere besser merken können.

Doch auch das Argument der Bildung hinkt. Beobachtungen zeigen, dass die meisten Gäst*innen die aufklärenden Infotafeln neben den Gehegen nur kurz querlesen. Bei „uninteressanten“ Tieren bleiben Besucher*innen teilweise nur Sekunden bei den Tafeln hängen. Wie viele Fakten können bei einer so kurzen Zeitspanne mitgenommen werden? Die meisten Zoos bieten Zooschulen an. Das sind Führungen speziell für Schulklassen, in denen detailliert auf die Verhaltensweisen, Ursprünge und auch Bedrohungen der Tiere eingegangen wird. Doch der*die durchschnittliche Zoobesucher*in nimmt nicht an solchen Zooschulen teil und erhält keine lehrreiche Führung, sondern macht den sonntäglichen Familienausflug zum Zoo, um dort einen netten Tag zu verbringen. Was ebenso das Argument der Bildung entkräftigt, ist, dass Zootiere in Gefangenschaft nicht dieselben Verhaltensweisen wie in freier Wildbahn aufzeigen. Viele Verhaltenszüge werden nicht oder können den Gäst*innen auch nicht gezeigt werden. Wie zum Beispiel die komplexen Paarungszeremonien, Befruchtungen oder manche Fütterungen. Das vermittelte Wissen behandelt also Zootiere und nicht dieselbe Spezies in ihrer natürlichen Umgebung, wie beispielsweise den Regenwald.

Zoos sind für den Menschen konzipiert

Der menschengemachte Klimawandel ist verantwortlich für 80 Prozent der täglich aussterbenden Tierarten. Doch, damit die Spezies Mensch überleben kann, braucht es angeblich einen Genpool, der in Zoos aufrecht erhalten wird. Dabei erfüllen die Zootiere nicht nur den Zweck der Arterhaltung und menschlichen Bildung eher mäßig. Sie werden zusätzlich nicht artgerecht behandelt, haben psychische und körperliche Leiden und stehen unter ständigem Stress. Nach dieser Aufschlüsselung von Argumenten von Zoobefürworter*innen erscheinen die Konzepte zoologischer Gärten und Aquarien absurd. Mit jedem Zoobesuch wird dieses System jedoch weiter getragen und kein Anreiz gesetzt Arterhaltung und Wissensvermittlung sinnvoller und leidloser anzugehen.

 

 

 

Beitragsbild: © Waldemar Brandt via unsplash

Bild 1: © Chris Curry via unsplash

Bild 2: © Waldemar Brandt via unsplash

 

Hallöchen, ich heiße Sofie und versuche mich hier bei Die Zeitlos im Schreiben. Ich habe im Bachelor Wirtschaftswissenschaften studiert und mache jetzt mit Politikwissenschaft weiter, um das Studierendenleben voll und ganz auszukosten. Ansonsten genieße ich den Innsbrucker Lifestyle sehr. Wandern, Mountainbiken, Klettern oder Skitour gehen versüßen mir den Alltag. Viel Spaß beim Lesen der vielen spannenden Artikel!