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Mein Sommer auf einer Ostfriesischen Insel

Eine Ostfriesische Nordseeinsel – ohne Autos und mit kilometer langen Sandstränden. Das Leben auf dieser Insel, vom Alltag bis zum Urlaub, ist so einfach und doch so komplex, dass es schon Spaß macht, euch nur davon zu erzählen.

Diesen Sommer habe ich auf einer kleinen Ostfriesischen Nordseeinsel verbracht. Die Insel Juist, unweit von der holländischen Grenze, ist von Innsbruck aus, ein gutes Stück entfernt. Doch spätestens ab dem Kölner Hauptbahnhof fährt ein Direktzug bis zur Station Norddeich Mole. Vom Hafenableger aus ist die 17 Kilometer lange Insel nur als schmaler Streifen am Horizont zu erkennen.

 

Moin moin

Mit der Fähre geht es nur einmal am Tag über das Wattenmeer, welches zwischen dem Festland und den Ostfriesischen Inseln liegt. Denn das Wattenmeer wird von den Tiden bestimmt, was im Großen und Ganzen ‚Wasser und kein Wasser‘  bedeutet. Abhängig von der Umlaufbahn des Mondes läuft das Wasser zwischen den Inseln zu und wieder ab. Ist Niedrigwasser,  so befindet sich quasi kein Wasser zwischen den Landstücken. Bei Hochwasser jedoch füllt sich die Fahrrinne und die Fähre trägt einen in eineinhalb Stunden an der Insel entlang in den Juister Hafen.

Im Sommer finden sich dort eine Masse an Kurgästen – so werden die Gäste dort genannt – , die wie in alten Filmen die Juister Fahnen schwenken, schon braun gebrannt sind und sich freuen, neue Kurgäste begrüßen zu dürfen. Wie schon erwähnt befinden sich keine Autos auf der Insel. Alle Kurgäste, welche mit den Autos nach Norddeich Mole angereist sind, haben diese auf riesigen Langzeitparkplätzen am Festland abgestellt und sind zu Fuß an Bord der Fähre gegangen.

Auf der Insel angekommen steigen alle wieder aus und werden von Kutschen und Fahrrädern begrüßt. Die Kutschen, welche als Taxis fungieren, laden Kurgäste und Koffer ein und bringen beides in langsamem Schritttempo über die ganze Insel zu ihren jeweiligen Hotels und Pensionen. Manche Unterkünfte haben jedoch auch eigene Gepäckträger*innen welche den Kurgästen das Gepäck mit Fahrradanhängern abnehmen und damit vorausfahren.

Wer weder Kutsche noch Fahrrad hat oder verwenden möchte, kann einen der hundert Handwagen nehmen, am besten den mit dem zugehörigen Unterkunftslogo darauf, und zu Fuß sein Gepäck in Richtung Unterkunft ziehen. Das klingt schlimmer als es ist, denn obwohl die Insel 17 km lang ist, ist die maximale Breite der Insel 900 Meter. Zwischen den Wasserkanten liegen der Deich, das Dorf, die Dünen und ein ewiger Strand.

 

Die längste Sandbank der Welt

Der vom Hafen aus hinter dem Dorf gelegene Strand wird über einen hölzerneren Steg, der die Dünen hinunterführt, betreten. Von hier aus sieht man das offene Meer. Der Strand erstreckt sich über die komplette Länge der Insel entlang und lässt einen bei Niedrigwasser mehrere Minuten bis an die Wasserkante laufen. Hinter den Dünen sind Strandkörbe über den Strand verteilt, welche tage- oder wochenweise vermietet werden. Diese Strandkörbe, mit dem Rücken Richtung Wind ausgerichtet, sind das Wichtigste, um an der Nordsee auch an windigen Tagen in der Sonne bräunen zu können.

Wilde Nordsee

Im Meer gebadet wird auf Juist nur vier Stunden am Tag – vier Stunden vor Hochwasser. Dann sind die Rettungsschwimmer*innen auf ihren Türmen, die am Strand entlang stehen, und bewachen das Treiben in der stürmischen Nordsee. Bei zu mutigen Badegästen wird auch mal die Tröte ausgepackt und Schwimmer*innen welche zu weit draußen sind, werden zurückbeordert. Aufgezogene Fahnen zeigen die Badezeit und den Gefährlichkeitsgrad der Wellen und Strömungen an. Eine rot-gelbe Fahne weht immer zur allgemeinen Badezeit, eine gelbe Fahne weht, wenn es gefährlich ist, und eine rote, wenn trotz Badezeit das Schwimmen verboten ist.

Diese Maßnahmen sind immer noch unglaublich wichtig, denn die Nordsee ist und bleibt ein wildes Meer. Noch heute sterben jeden Sommer Badegäste und Segler*innen durch hohe Wellen und starke Strömungen in dem unberechenbaren Gewässer. Familien werden immer darauf hingewiesen, wie die Strömung an jeweiligen Tag ist, und Kinder dürfen nicht immer und oft nur an der Hand eines Elternteils durch die starken Wellen springen.

Trotz den schwierigeren Bedingungen sind viele Wassersportarten vertreten. Das Wellenreiten kommt trotz hauptsächlichen Weißwasserwellen die letzten Jahre immer mehr in Mode, die Kitesurfer*innen treiben sich schon seit Jahren entlang des langen Strandes herum und die Windsurfer*innen haben das Wattenmeer – dank Stehrevier – zu größten Teilen für sich beschlagnahmt.

Während der Surfsessions kommen öfter mal mitten auf dem Meer, große Köpfe aus dem Wasser. Die Seehunde von Juist sind früher gejagt worden und die Insel hat sogar Rundfahrten an Gäste verkauft, um sie zu schießen. Jetzt sind sie jedoch schon seit vielen Jahren geschützt und es gibt mittlerweile wieder wirklich viele. Sie streiten sich schon um die Liegeplätze auf ihren Sandbänken, aber für uns bedeutet das, dass wir sie endlich wieder regelmäßig sehen und sie verfolgen die Surfer interessiert bei ihren Sprüngen.

Der Alltag auf einer Insel

Die Arbeit in einer Frühstückspension besteht darin, den Gästen ein leckeres Frühstück und den schönsten möglichen Aufenthalt möglich auf der Insel zu bieten. Da passiert es schon mal, dass die Chefin der Pension Kap Horn mit ihren Gästen mitleidet, wenn das Wetter nicht passt. Jedoch kann sie durch ihre eigene Leidenschaft zum Kitesurfen, einige Gäste von den Vorzügen des Windes überzeugen.

Nicht nur ihr Sommer wird jedoch vom Wind bestimmt, denn die Kurgäste und alle Menschen auf der Insel beobachten täglich, aus welcher Richtung der Wind kommt. Daraufhin entscheiden sie, welches Ende der Insel, ob Strand oder Dorf, am besten mit Rückenwind oder Gegenwind erreichbar ist oder ob sie den Gegenwind auf sich nehmen.

Neben dem Versorgen ihrer Gäste hat die Chefin der Pension noch zwei Kinder auf der Insel Juist großgezogen. Die Kinder der Insel gehen alle auf die sogenannte Inselschule. Diese bekommt jedes Jahr etwa drei bis zehn Kinder zur Einschulung. Da das jedoch kleine Klassengruppen und viele Lehrer ergäbe, werden mehrere Jahrgänge gemeinsam unterrichtet und absolvieren einfach unterschiedliche Aufgaben während des Unterrichts. Mittlerweile geht die Inselschule bis zum Werkrealschulabschluss. Das bedeutet, dass die Kinder bis in die zehnte Klasse auf der Insel bleiben können. Wenn sie danach weiter zur Schule gehen wollen, müssen sie in ein Internat auf dem Festland. Dies unterscheidet sich für die Familien in den Ferienzeiten, denn das Internat ist an das Festland und an das Land Niedersachsen gebunden, die Ferien der Insel sind jedoch besonders geregelt; Da die meisten Insulaner*innen im Sommer arbeiten müssen, um die Touristen zu versorgen, haben die Inselkinder nur vier Wochen Sommerferien. Dafür haben Sie dann große Ferien im Winter, wenn es auf der Insel still geworden ist.

Außerdem kommen die Jugendlichen vom Internat noch viele Wochenenden nach Hause und dies muss im Gegenzug vom Internat mit eingeplant werden. Denn die Jugendlichen, welche zurück auf die Insel Juist wollen, müssen freitags nach Tide und Fährenplan planen, um das Hochwasser nach Hause noch zu erwischen. Das bedeutet manchmal ein früheres Wochenende als im Stundenplan steht. Einige Eltern haben jedoch auch ein Motorboot, welches nur 20 Minuten für die Überfahrt braucht. Solche Boote werden nicht nur zum Kinder abholen benutzt, sondern auch regelmäßig für große Einkaufstouren am billigeren Festland.

Wichtige Maßnahmen

Auch für viele Notfälle auf der Insel wird ein Motorboot verwendet und zwar das der Seenotretter. Denn natürlich gibt es kein Krankenhaus auf der Insel, was bedeutet, dass der Hubschrauber im Sommer täglich zwei bis dreimal von der Insel zum Festland fliegt. Die Seenotretter müssen jedoch in vielen anderen und vor allem nächtlichen Fällen mit dem Schnellboot fahren.

Für Krankentransporte und Einsätze werden die freiwilligen Insulaner*innen der Seenotretter häufiger nachts aus dem Bett gepiept, denn auch Notrufe von Booten gehen bei ihnen ein. Segelboote, welche auf Grund laufen oder kentern sind nichts Alltägliches aber auch nichts Ungewöhnliches auf der Nordsee.

 

Die ostfriesische Art

Die auf der Insel dauerhaft lebenden Menschen sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die ihren ganz eigenen Rhythmus hat, welchen die normalen Kurgäste kaum sehen. Die alten Insulaner*innen besuchen fast nie den Strand und während die jüngeren Generationen gerne kiten oder bodyboarden gehen, geht keiner von ihnen gerne baden. Sie sind eher verwundert über die vielen Kurgäste, welche bei Wind und Wetter in das 18 Grad kalte Wasser springen und sich an den wilden Wellen erfreuen.

Das ist es aber was die Nordsee für mich ausmacht; Sommer und Sonnentage am ewigen Strand zu verbringen ist ein Traum, aber wenn wilde Wolken, Wind und hohe Wellen zu erleben sind, dann sind das die Tage, welche dich an der Nordsee zum Leben erwecken.

 

Fotos: Privat