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Über (T)räume

In der Anzeige der Wohnung steht, sie hätte vier Räume. Ich habe gerade irgendwie keinen Raum. Obwohl ich in meinem Raum sitze, aber ich habe die Tür zu vielen Menschen aufgemacht und ihnen Raum gegeben, sodass für mich keiner mehr übriggeblieben ist. Oder besser gesagt haben sich die Menschen den Raum einfach genommen. Manchmal ist es dann wichtig entschieden alle Menschen hinauszubitten und die Tür hinter ihnen zu verschließen, für eine gewisse Zeit. Und wenn das Durcheinander zu groß ist, keiner dir zuhören will in deinen eigenen vier Wänden, auch mal zu explodieren. Zu explodieren, anstatt den Raum zum Implodieren zu bringen und dich und alle darin unter der Schwere der Gesteinsbrocken zu begraben.

Manchmal fühlt sich der Raum wie ein Gefängnis an, wenn er keine Fenster hat, durch die die Sonne scheint und der nur solche Türen hat, für die man selbst nicht die Schlüssel besitzt. Dadurch gibt es dir das Gefühl zu welken. Aber manchmal ist es okay, ein Nachtschattengewächs zu sein oder einfach mal eine Zeit lang nicht zu (er)wachsen, nur zu existieren, Winterschlaf zu halten und Kraft zu tanken, um im Frühling wieder zu blühen. Denn der Frühling kommt bestimmt. Der Frühling wird sicher kommen, er wird seine ersten warmen Sonnenstrahlen auf die Mauer richten, die dich umgibt und sie durchlässig, brüchig und schlussendlich durchsichtig werden lassen. Dann wirst du im Glashaus sitzen, wie die wunderschöne kleine Knospe mit der Potenzialität einer Blüte, die du bist. Oder mehr noch, ein riesiger, tief in der Erde verwurzelter Baum. Und manchmal ist das Wachstum deshalb unsichtbar, weil es in die Tiefe und somit immer tiefer reicht. Manchmal ist es okay, einfach in seinem Raum zu sitzen, an die kahlen Wände zu starren, für denen du  gerade nicht die Kraft hast, sie bunt zu gestalten und abzuwarten. Manchmal ist es okay, anderen einmal keinen Raum zu geben, weil man selbst gerade Raum braucht.

Irgendwann hast du dich dann genug gesammelt, und du stehst auf, nimmst das große T und wirfst es auf den Boden. Dann trittst du darauf, bis es in Schutt und Asche liegt. Und plötzlich ist da nicht mehr nur ein Traum, plötzlich stehst du mitten in deinem Raum, nimmst dir Raum, nimmst ihn ein. Füllst ihn wie eine Kerze mit ihrem Schein mit deinem Strahlen aus der Mitte heraus, bis er nicht mehr leer ist, sondern voller Wärme und dir selbst. Und du erkennst, dass dein Raum zwar dein Kokon ist, aber dass du auch einen Garten anlegen kannst. Einen Garten, der ebenso wild und ungezähmt ist wie du. Ein Garten voller Rosen, Dornen, Efeu und Schmetterlingen. Ein Garten voller dunkler, verwucherter Ecken und einem schönen, schachbrettmusterartigen angelegten Rasen. Da kannst du auch dein kleines Häuschen in der Mitte haben, ein kleiner abgesteckter Raum in deinem Raum. Dann wird dieser Raum plötzlich nicht mehr einer im Sinne von Mauern und Grenzen, sondern grenzenlos im Sinne von Raum und Zeit. Du existierst in Raum und Zeit, aber sonst sind dir keine Grenzen mehr gesetzt, wenn du dich aus deinen Mauern hinaus traust. Raus aus deinem Schutzpanzer, raus ins Ungewissen. Und zwar nicht mal nur eben für eine Zigarette ans Dachfenster zum Luftholen oder um Zeit zu verlieren oder diese zu minimieren und dann gehst du aber schnell wieder hinein, um nur nicht zu viel  von dieser Freiheit zu schnuppern, die am Ende so gut und verheißungsvoll riechen würde.

Nein, du schreitest mutig hinaus, erkennend, dass die Welt dein Raum ist, wenn du ihn dir nimmst. Wenn du dir selbst den Raum gibst, wird alles mehr sein, als du dir in deinem kleinen Raum je erträumen hättest können. Du kannst deinen Raum immer wieder unordentlich werden lassen, die Leute kommen und gehen sehen, das Chaos wieder „verräumen“, das andere in deinem Raum machen. Denn dein Raum wird dadurch immer weniger zu deinem Raum, und du immer mehr nur noch Teil eines Raumes, über den du keine Kontrolle mehr hast. Das kann so weit gehen, dass dir wehgetan wird in deinem eigenen Raum, und wohin ziehst du dich dann zurück? Noch weiter in dich hinein. Und dann wirst du dem Kreislauf nicht entkommen, nie wissen, was du versäumst, wenn du nicht weiter träumst als die Mauern deines geräumigen Raumes, der Welt innerhalb deines eigens immer weggeträumten, weggewünschten und letztendlich selbst erschaffenen Zaunes. Da draußen wartet eine Welt auf dich, und selbst die liegt in ihrem Raum mit all ihren Milliarden und aber Milliarden Galaxien und Sternen, und der muss kein Ende haben, nirgendwo und wegen niemandem, warum muss es dein Raum dann?

Foto: Claudia Ploner

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, spiel mit meinen Katzen und gehe in Bars.