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Opium des Volkes: Wie Technikgläubigkeit die Klimakrise befeuert

Die einen sagen, dass technologischer Fortschritt für die meisten west- und mitteleuropäischen Länder die einzig reelle Chance ist, unsere Ressourcen-, Müll- und Klimaprobleme in den Griff zu bekommen. Die anderen insistieren, dass es unsinnig bis brandgefährlich ist, die Probleme von heute mit den Technologien von morgen lösen zu wollen. Die Fronten scheinen verhärtet, die Lage zu ernst, aber Einigkeit besteht nur darüber, dass wir uns keine falschen Entscheidungen mehr leisten können. 

Technophilie/Technologie/Technik(-gläubigkeit)

Zunächst benötigen wir einige Begriffsbestimmungen: Technophilie beschreibt das undifferenzierte Glorifizieren von Technik, man könnte auch von Technikliebe sprechen. Technologie hingegen meint die Wissenschaft und Lehre von der Technik und kommt von den griechischen Wörtern téchnē ‚Kunst, Handwerk‘ und logos ‘die Wissenschaft von‘. Der zugrundeliegende Begriff Technik hat verschiedene Facetten, zum Beispiel, die der „praktischen Künste“. So wurde im Mittelalter eine Gruppe von Berufen genannt, welche unter anderem die Baukunst, Jagd und Metallurgie umfasst. Heute wird meist unterschieden zwischen Technik als Form des Handelns (zum Beispiel die Technik des Weitsprungs) und Technik als menschengemachte Gegenstände (Bauwerke, Maschinen, Geräte, usw.). Und schließlich die Technikgläubigkeit, diese ist allgemein gesprochen der Glaube dass Technik und technische Lösungen für (fast) alle Arten von gesellschaftlichen Problemen existieren.

Technik und ihre Tücken  

An dieser Stelle ist zumeist von der Historischen Bedeutung der Technik, manchmal auch von Technik als evolutionärem Vorteil zu lesen. Das der Gebrauch von Werkzeugen in der Menschheitsgeschichte eine entscheidende Rolle gespielt und unter anderem zu einer Reihe beeindruckender Erfindungen geführt hat, ist bekannt. Wie sehr Technik unser aller Leben und insbesondere unseren Alltag gestaltet, mag uns im jeweiligen Moment wenig kümmern, ist es doch eine sprichwörtliche Selbstverständlichkeit. Egal ob wir an die Häuser, in denen wir wohnen, denken oder die Energiegewinnungsanlagen, welche unsere diversen Gerätschaften vom Kühlschrank zuhause, über den Arbeitscomputer und neuerdings sogar unsere Autos, betreiben. Die Rolle die Technik in unser Aller Leben führt ist gewaltig.

Technik hat aber noch eine abstraktere Bedeutung, sie ist Teil einer Ideologie. Diese Gedankenströmung baut auf dem Konzept des Fortschritts auf. Einer meiner Universitätsprofessoren hat das überaus prägnant definiert: „irgendetwas wird irgendwie besser“. Die Idee, dass es quasi der Lauf der Welt ist, dass alles immer besser beziehungsweise fortschrittlicher wird, ist keine Erfindung der Moderne, aber in ihr wurde sie überaus wirkmächtig. Die Frage für wen was genau besser wird, wird meist nicht gestellt (und noch viel weniger welche unerwünschten Konsequenzen wann wo auftreten können). Das hinter einigen technischen Erfindungen riesige Industrien, mit beachtlichen Profitinteressen stehen ist kein Geheimnis, ein Beispiel als Hürde für die Bekämpfung der Klimakrise ist die Autoindustrie. Dazu später mehr.

‚Ein Wunderwerk der Technik‘, oder ‚eine technische Meisterleistung‘ sind sprachliche Bilder, welche verdeutlichen, wie Technik in den meisten Fällen positive Assoziationen weckt und daher verwundert es auch nicht, dass für viele der Gedanke naheliegt, unsere Probleme rein technisch zu lösen. Die Realität sieht aber anders aus: In den letzten Jahrzehnten wurden riesige Mengen von Müll ins Meer gekippt und jetzt werden Roboter gebaut, um den Müll wieder herauszufischen. Autos und Flugzeuge emittieren Co2 in die Atmosphäre und jetzt werden Maschinen gebaut, welche das Co2 einfangen und lagern sollen.

Am 29.7.2021 war der Welterschöpfungstag, das bedeutet, dass an diesem Datum alle Ressourcen verbraucht waren, welche die Erde in diesem Jahr natürlich wiederherstellen kann. Dieser Tag ist jedes Jahr früher! Es werden so viele Ressourcen verbraucht wie noch nie, deswegen müssen immer größere und neue Maschinen gebaut werden, welche dann vermeintlich effizienter Energie produzieren, oder andere Probleme lösen, welche durch die politisch-ökonomische Ordnung unserer Gesellschaft entstehen und natürlich trägt unser aller Lebensstil dazu bei. Beispiele gibt es im Überfluss: Atomenergie, Braunkohleabbau, Wasserstoff, Fracking, Elektromobilität oder auch Co2 Speicher. Aber geht es wirklich nur darum die Verantwortung für unsere Probleme auf andere – oder hier: die Technik –abzuschieben? Wollen wir wirklich keine Verantwortung übernehmen für unser Handeln und Sein auf dieser Erde? Flüchten wir deshalb in Scharen zu einer Neuen Form des Glaubens?

Das Opium des Volkes

Das vielleicht bekannteste Zitat eines der wichtigsten Denker des 19. Jahrhunderts ist eines über die Religionskritik und bezeichnet Religion allgemein als „Opium des Volkes“. Oft wird das Zitat von Karl Marx (1818-1883) auch fälschlicherweise als Religion ist „Opium für das Volk“ dargestellt, wodurch die ursprüngliche Intention des Autors verfälscht wird, indem die Menschen als abhängig von außen dargestellt werden. Der vollständige Absatz ist ebenso aufschlussreich:

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ (Karl Marx: Einleitung zu Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844)

Marx macht die Religion nicht für alle Übel dieser Welt verantwortlich, aber er stellt deren Doppelfunktion fest, zum einen ist sie Ausdruck von Leid und zum anderen gebrauchen wir sie als (scheinbare) Lösung gegen Leid. Hier werden die Parallelen zur Gläubigkeit im Sinne von Glaube an die Technik sichtbar. Wir sind bedrängte Kreaturen, Leben in einer Zeit voller Möglichkeiten und Sträuben uns aber unsere kollektive Verantwortung für uns und unseren Lebensraum anzuerkennen und dementsprechend wenden wir uns dem Opium unserer Zeit zu: der Technik. Oder um genauer zu sein, dem Versprechen, dass all unsere Probleme sich technisch lösen lassen. Niemand und nichts muss sich selbst verändern, während der technische Fortschritt quasi von selbst alles besser machen wird.

Ein prominentes Beispiel: Elektromobilität wird (zumindest in Europa) als die Zukunft der individuellen Mobilität gesehen. Und ja, es ist richtig, dass die Elektrifizierung von Autos einen ökologischen Mehrwert hat, wer aber glaubt, dass es gut für das Klima ist, 100% aller derzeit fossil betriebenen Autos einfach durch E-Autos zu ersetzen, ist einem Irrtum erlegen. Die Energie, die dafür benötigt wird, kann (noch) nicht nachhaltig erzeugt werden und die Ressourcen, die verbraucht werden, um Elektroautos zu bauen sind enorm. Das heißt der motorisierte Individualverkehr muss sich grundlegend ändern, zwar auch auf technischer Ebene aber vor allem müssen wir ein neues Verständnis von Mobilität entwickeln. Hier (wie auch in vielen anderen Bereichen unseres Lebens) brauchen wir dringend eine intensive Diskussion und schlussendlich auch gesellschaftliches Umdenken, in Bezug auf Fragen wie: Wie mobil müssen und dürfen Menschen überhaupt sein? Welcher Energie- und Ressourcenverbrauch pro Kopf ist verantwortbar? Was sind unsere Bedürfnisse und wie können wir diese möglichst umweltverträglich befriedigen? (Stichwort: Inlandsflüge).

Ist Technikgläubigkeit alternativlos?

Diese Frage kann mit einem Klaren nein beantwortet werden. Gesellschaftliche Herausforderungen – wie die Klimakrise zweifelsohne eine ist – sind vielschichtig, komplex und wirken auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft. Dementsprechend müssen die Antworten darauf ähnlich komplex und vielschichtig sein. Das heißt konkret, dass Lösungen verschiedene Ebenen wie die Sach-, kommunikations- und strategische Ebene berücksichtigen müssen. Ebenso müssen sie aber in den jeweiligen Problemkontext integrieren werden können, also etwa das Politische, Ökonomische und Soziale mitdenken. Anders formuliert, um eine adäquate Lösung zu finden, müssen sowohl die Ursachen als auch die herrschenden Verhältnisse klar adressiert werden. Was bedeutet das nun für jede*n einzelne*n von uns? Vielleicht bedeutet es, dass wir uns ernsthaft die Frage stellen müssen: Kann uns Opium dabei helfen die Klimakrise zu bekämpfen?

 

Bild: „White robot human features“ Alex Knight, unsplash.com