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“Ich bin fast da…”- Pünktlichkeit und wie die Uhr rund um die Welt läuft

„Ich bin fast da, muss nur noch schnell einparken“ oder „Schminken muss ich mich noch schnell“ – entweder, man kennt es von sich selbst, oder man weiß genau, welche Freund*innen solche Sätze öfters liefern. Statt on time oder leicht verspätet schlendern sie nach einer halben Stunde völlig unbeeindruckt daher, manchmal sogar mit einem gewissen Selbststolz, dass sie es so schnell geschafft haben. Hat man ein Rendez-Vous mit solchen Freund*innen, plant man gleich eine extra halbe Stunde mit ein. Ich habe sogar angefangen, mich mit diesen Personen einfach eine halbe Stunde früher zu verabreden, in vollem Wissen, dass ich dann eine halbe Stunde zu spät kommen kann und immer noch zehn Minuten früher als sie dort sein werde. Aber was ist Pünktlichkeit überhaupt?

 

Was bedeutet Pünktlichkeit?

Laut Wörterbuch ist Pünktlichkeit die „genaue Einhaltung eines festgesetzten Termins“. Diese Definition bezieht sich auf die traditionelle „Pünktlichkeit“. Defizite weist sie aber insofern auf, als dass Pünktlichkeit bzw. die oben genannte “Genauigkeit” nicht in allen Ländern und Kulturen einheitlich definiert wird. Was bei uns eine Viertelstunde zu spät ist, wird woanders als überpünktlich angesehen. Begibt man sich ins Ausland, ist ein Neuerlernen der Pünktlichkeit quasi Basisvoraussetzung.

 

Ein soziales und kulturelles Konstrukt

Man denkt sich vielleicht, dass Pünktlichkeit selbstverständlich ist. In Wahrheit ist es das genaue Gegenteil. Kein Naturgesetz schreibt vor, dass Pünktlichkeit eine Voraussetzung unseres Alltags sein sollte. Um einen gut funktionierenden Tagesablauf im 21. Jahrhundert zu gewährleisten – ein Meeting hier, ein Rendez-Vous da – haben wir uns das Konzept der Pünktlichkeit zum Busenfreund gemacht. Karlheinz Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München, hat sich ausführlich mit moderner Zeitwahrnehmung beschäftigt. Die Pünktlichkeit sei „gegen die menschliche Zeitnatur“: weder werden wir pünktlich geboren, noch sterben wir pünktlich. Stattdessen werden wir durch unser soziales Umfeld und unsere Kultur pünktlich gemacht. Erst im Laufe der Industrialisierung habe sich dieses Konstrukt in unseren Alltag hineingeschlängelt, so Geißler, vorangetrieben durch die Erfindung und Massenproduktion von mechanischen Uhrwerken. Präzise Zeiten festzulegen und sich daran zu halten, wurde im Laufe der Jahre umso wichtiger, je mehr wir eine gewisse Alltagsroutine entwickelten.  

 

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

Viele von uns sind mit dieser und ähnlichen gängigen Redewendungen aufgewachsen. Leider sind Termine in unserem Alltag zeitgebunden und nicht zeitlos. Die Zeitgebundenheit ist eine Notwendigkeit für einen effizienten und strukturierten Tagesablauf. Es wird oft als ein Zeichen von Respektlosigkeit seinem Gesprächspartner gegenüber gesehen, wenn man erst eine halbe Stunde nach vereinbarter Zeit daher taumelt. Schließlich könnte der oder die Andere danach wichtige einzuhaltende Termine im Kalender haben. Mit einer fünfminütigen Toleranzmarge zu rechnen, ist bei uns üblicherweise akzeptiert. Anders ist das beispielsweise in Japan, wo ein Zug mit einer Minute Verspätung schon als unpünktlich gilt.

 

Mitteleuropa: allen voran die Deutschen

Wer kennt das Vorurteil nicht: Die Deutschen sind pünktlich. Wie den meisten Vorurteilen liegt diesem auch ein wahrer Kern zugrunde. Zehn Minuten zu früh und man ist gerade noch pünktlich. Aber in Mitteleuropa weicht man zum Teil auch von Pünktlichkeit ab: siehe beispielsweise „on demand“ Fernsehen. Geißler sieht dies als eine gewisse „Entprogrammierung“ unserer Gesellschaft, weg von einem Konstrukt der Pünktlichkeit, zumindest was Unterhaltung betrifft. Einer gesamten Gesellschaft das Konzept der Pünktlichkeit zu „entprogrammieren“, würde jedoch früher oder später zu komplettem Chaos führen. Deshalb muss sich diese Umstrukturierung wohl gezwungenermaßen in Grenzen halten. In manchen europäischen Ländern, wie etwa in Griechenland, ist das Zuspätkommen jedoch normal.

 

„English Time“

Weg von Europa und ab nach Südamerika: In Brasilien läuft das Leben legerer. Das Strandleben wirkt sich auch auf die Pünktlichkeit aus. Pünktlich oder gar überpünktlich aufzutauchen, ist ein sozialer Fauxpas. Ernst zu nehmen ist eine festgesetzte Uhrzeit aber, wenn man „English time“ (oder „hora inglesa“) ausmacht. Das bedeutet: bitte zur festgesetzten Zeit erscheinen. Auch „Ich bin fast da“ heißt eher „Ich komme noch“, als „Ich bin wirklich fast da“.

Auch in Mexiko ist es nicht untypisch, wenn Personen eine halbe Stunde zu spät bei einem Meeting auftauchen. In Mexiko gibt es viele verschiedene Begriffe, um eine Uhrzeit zu beschreiben: von „ahora“ (jetzt, obwohl das nicht zwingend das deutsche Jetzt ist, sondern eher die nächste halbe Stunde), „ahorita“ (ein kleines Jetzt), bis „al rato“ (in einem Moment) und „al ratito“ (in einem kleinen Moment). 

Aber ob die Gerüchte über die mexikanische Unpünktlichkeit oder die deutsche Pünktlichkeit wirklich stimmen, dessen kann man sich nur mit einem Lokalaugenschein vergewissern. Bei uns mag Pünktlichkeit als „Höflichkeit der Könige“ angesehen werden, und das wird sich wohl nicht so bald ändern. Doch grundsätzlich gilt auch hier das berühmte Sprichwort: „Andere Länder, andere Sitten“. Wenn man also mal gerne zu spät kommt, würde ich raten: umziehen.

 

Fotos: Pixabay