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Ein Luftschloss im Ikea bauen

Du fragst nicht: „Willst du mit mir gehen?“, sondern: „Willst du mit mir in den Ikea gehen?“, aber trotzdem bin ich fast ebenso aufgeregt und voller Freude, als hättest du ersteres gefragt. Ich schenke dir ein strahlendes Lächeln und sage: „Liebend gerne!“ Aber warum gehen wir eigentlich so liebend gerne in den Ikea? 

Wir leben in einer Welt voller Ungerechtigkeit und Unsicherheit, Unfreundlichkeit und Unverständlichkeit. Die Welt ist so wirr und wir so jung, und wir stehen vor ihr, wie vor einem Knäuel aus Stricken und Seilen und suchen nach dem losen Ende, um irgendwo anzufangen, um das Chaos zu entwirren. Und manchmal ist das leicht, aber meistens kompliziert. Wir kämpfen mal laut, mal leise, aber andauernd und für alles und gegen alles. Wir sind in eine für uns von Anfang an irreparable Welt geboren. Wir wollen immer höher, schneller, weiter, uns nicht binden. Wir wollen frei sein, unabhängig, und nichts ist uns gut genug, wir selbst am allerwenigsten. Unser Zeitgeist sitzt auf unseren Billy-Regalen, Hand in Hand mit dem Weltschmerz, der ihm und uns nicht mehr von der Seite weichen will.

Und dann stehen wir im Ikea in dieser unechten, 23 m2 großen Zwei-Zimmer-Wohnung, zwischen all den anderen Menschen, Hand in Hand und bauen uns ein Luftschloss: „Hier würde ich meine Bücher einräumen und du könntest dort deine Gitarre hinstellen. Wir würden jeden Sonntag im Bett frühstücken und ich hätte genauso gerne eine Badewanne, weil ich dann, während dem Baden, trotzdem noch mit dir reden könnte. Und die Kissen gefallen mir, aber vielleicht in grün. Oder in dunkelrot?“ Wir stellen uns eine Parallelrealität für eine imaginäre Zukunft zusammen, wie ein PAX-Schranksystem, das wir bestellen, im Wissen es nie abzuholen. Denn die Luftschlösser, die wir hier getrost bauen, bauen wir nicht in dem Glauben, sie je zu unserem Zuhause machen zu können. Wir machen Urlaub vor der Realität in diesen Luftschlössern, weil das keine Konsequenzen für uns hat und nichts so wirklich verändern wird.

Es fühlt sich an, wie die erwachsene, reale Version davon damals ‚Mutter-Vater-Kind‘ zu spielen. Oder ‚Mutter-Mutter-Kind‘. Oder ‚Vater-Vater-Kind‘. Oder jegliche andere Kombination. Aber am ehesten doch einfach ‚Kind-Kind‘. Wir sind zwei Kinder, die Erwachsene spielen, die meiste Zeit. Und hier, jetzt gerade, sind wir wieder einfach nur zwei Kinder, die noch keine Enttäuschungen erlebt haben, denen noch nicht die Welt mit all ihren Grausamkeiten auf den Schultern lastet. Ohne Angst malen wir hier ein Bild einer Zukunft, die in der Realität das ist, von dem wir gelernt haben, dass es nicht funktionieren wird. Wir sind die Generation beziehungsunfähig. Wir sind die Scheidungskinder und die medial-emotional Verdammten, aber hier in diesem Moment, in diesem Szenario ,dürfen wir so tun, als ob uns noch niemand gelernt hätte, dass alles hoffnungslos ist.

Und so sitze ich hier in der Fake-Küche am perfekt gedeckten Küchentisch aus dunklem Holz und lasse mich von dir mit meinem Lieblingsessen aus Luft und ganz viel Liebe bekochen, obwohl du in echt nicht kochen kannst. Und wir trinken aus glänzenden Rotweingläsern, obwohl keiner von uns Rotwein mag, aber wir sind ja auch noch Kinder. Und wir gehen weiter und lassen uns auf Matratzen fallen, schauen uns an und keiner kann wirklich erklären, warum es sich so anfühlt im Ikea auf einer Matratze zu liegen und sich anzusehen. Wir überlegen Ewigkeiten, welche Matratze wir nicht nehmen werden, aber würden. Auf welcher Matratze wir uns nie wieder in den Schlaf weinen würden, weil es das im Luftschloss nicht gibt. Auf welcher Matratze wird jeden Tag nebeneinander aufwachen würden, für eine sehr, sehr lange Zeit, oder nennen wir es ‚für immer‘. Ohne Zweifel, ohne Ängste, weil es die im Luftschloss nicht gibt.

Denn wenn wir uns unsere Surrealität ausmalen, sieht jeder weitere Tag unseres Lebens so aus und es scheint so einfach zu sein, glücklich zu sein. Es scheint so simpel sich ein Leben zu bauen, in dem jeden Tag die Sonne zum Fenster hereinscheint, wenn wir küssend am Frühstückstisch sitzen und das genügt dann, um glücklich zu sein und irgendwo anzukommen, aufzuhören immer zu rennen und zu rennen und zu rennen.

Wir folgen den Pfeilen auf dem Boden, die uns den Weg in die Realität anzeigen und dann steigen wir die Treppen ins Erdgeschoss hinab und sind plötzlich in der großen Selbstbedienungshalle. Sie ist kalt und unfreundlich und reißt uns in die Realität zurück. Ich schaue in unseren Wagen und sehe grüne Servietten, eine neue Salatschüssel und eine Klobürste, weil wir die neue Küche und das Himmelbett für das Luftschloss oben gelassen haben, hinter uns zurückgelassen haben und das Geld von Anfang an für mehr als das nie gereicht hat. Und wir von Anfang an auch nicht erwartet haben, hier anders raus zu gehen, als wir hereingekommen sind. Und mit dem Wechselgeld kaufe ich uns noch zwei vegane Hotdogs und wir sitzen da und sehen zu, wie Duftkerzen, Kakteen und Kissen über den Scanner gezogen werden und in großen blauen Taschen verschwinden. Wie ein Billy-Regal nach dem anderen den Besitzer wechselt.

Und vielleicht ist Ikea für viele nur das, wo man sich eine neue Klobürste kauft, weil die dort nur 1€ kostet, aber vielleicht ist es für manche eben auch mehr. Für all die Luftschloss-Architekten und hartnäckigen Tagträumer, für die Alltagsmelancholiker und die verlorenen, hoffnungslos hoffnungsvollen Romantiker unserer Zeit.

Foto: Claudia Ploner

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, spiel mit meinen Katzen und gehe in Bars.