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Auch wenn ich ihn nicht sehe, erdrückt er mich

© Gregg Segal

Müll wird über den ganzen Globus getragen, gefahren, geschifft und geflogen. Wir kaufen im Supermarkt unser Joghurt fürs Frühstück, schmeißen den Becher in die gelbe Tonne und dann ist er weg. Aber ist er weg? Wohl eher fort.

Den meisten fällt es schwer sich vorzustellen, was die laufend veröffentlichten Zahlen über den von uns produzierten Müll überhaupt bedeuten. Wir Österreicher*innen produzieren jährlich rund 60 Millionen Tonnen Müll, laut Bundes-Abfallwirtschaftsplan fallen dabei 4,3 Millionen Tonnen auf Haushalte. Das macht rund 40 Millionen Kubikmeter Müll. Wie kann man sich das nun, am besten plakativ, vorstellen? Dem entsprechen etwa 180 Millionen Badewannen. Immer noch nicht klarer? Dann anders: Jede*r Österreicher*in füllt pro Jahr einen Müllsack mit einem Durchmesser von einem Meter und einer Höhe von 5,7 Metern. Blicke ich hier jetzt so an den Plafond meines Zimmers, bin ich etwas sprachlos – mein Zimmer misst eine Höhe von knapp 3 Metern und das kommt mir oft schon unglaublich hoch vor. Vor allem dann, wenn ich die Glühbirne mal wieder wechseln muss.

Von den 60 Millionen Tonnen Müll werden ungefähr zwei Drittel verbrannt, der Rest recycelt. In der EU müssen nämlich alle Länder Recyclingquoten erfüllen. Wo eigene Werke fehlen, wird der Plastikmüll zur Verwertung ins Ausland transportiert. Das koste scheinbar weniger als die Strafzahlungen an die EU. Beim Recycling von Kunststoffverpackungen müssen sich die EU-Staaten nach Ansicht des Europäischen Rechnungshofs jedoch mehr anstrengen, um ihre Ziele zu erreichen. Die EU-Kommission wünschte sich 2018, dass 50% der Verpackungen bis 2025 und sogar 55% bis 2030 recycelt werden sollen. Das wäre doch grandios, oder? Laut Eurostat-Angaben von 2017 lag die Recyclingquote für Kunststoffverpackungen wie Joghurtbecher oder Wasserflaschen im EU-Durchschnitt zuletzt bei 41,9%, was im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten einem erfreulichen Anstieg gleicht. Leider, leider ist dies jedoch nur eine irreführende Aufbereitung der Daten, Grund für den Anstieg sei lediglich das detailliertere Meldeverfahren und strengere Vorschriften für die Ausfuhr von Kunststoffabfällen. Während der Corona-Krise hat sich die Menge an Müll der gelben Tonne noch erhöht: In Privathaushalten sei seit März der Plastikmüll um zehn Prozent gestiegen.

Kunststoff. Unser geliebtes Plastik. Ein Stoff, der einst als Symbol für den Fortschritt galt, ist zum Albtraum für Mensch und Natur geworden. Etwa 40% aller Produkte, die aus Plastik bestehen oder mit Plastik versehen sind, werden nach weniger als einem Monat wieder Abfall. Bislang geht laut Rechnungshof nahezu ein Drittel der als recycelt gemeldeten Kunststoffverpackungen für den Wiederverwertungsprozess in Drittländer. Denn was für die Bürger*innen Österreichs nicht mehr zu gebrauchen ist, kann woanders auf der Welt womöglich noch nützlich sein.

Österreich als Geber und Nehmer

Österreich ist Teil eines globalen Müll-Netzwerkes. Zielländer für den Export sind meist die Nachbarländer, also Deutschland, die Slowakei und Tschechien, aber auch Italien und Slowenien. Der Markt geht jedoch weit über Europa hinaus. Ist doch schön: die Globalisierung hilft, wo sie nur kann. In Europa fallen jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle allein in Haushalten an; die Industrie und den Handel einmal völlig außen vorgelassen. Ein beinahe beängstigend großer Teil davon gelangt in Länder außerhalb Europas. Hauptimporteur war bisher China. Weil der Plastikmüll nach Regierungsangaben zu Umweltproblemen führt und China selbst immer mehr Plastikmüll im eigenen Land produzierte, verhängte das Land bereits Importstopps.

Somewhere over the Rainbow

© Gregg Segal

© Gregg Segal

Meist agieren die Länder nach der Devise: aus den Augen, aus dem Sinn. Müll bahnt sich seine Wege. Anstatt nach China könnten Kunststoffe aus Österreich, Deutschland oder Italien nun vermehrt nach Indonesien, Vietnam oder Malaysia gelangen. Gewisse Vorteile bringe dieser Müllhandel für die Importeure dennoch mit sich. Sie profitieren vom Müll der anderen, indem sie Granulate herstellen, die weiterverkauft werden oder als neue Baustoffe für die Industrie dienen können. Neben jedem positiven Aspekt, den ich bei der Recherche finden konnte, kam auch ein negativer mit sich. Durch den Müllhandel können sich auch gravierende gesundheitliche und ökologische Probleme ergeben. In den Ländern, die dem Westen so tatkräftig unter die Arme greifen, kommt es oft dazu, dass Löhne und Umweltauflagen geringgehalten werden – von den unmoralischen Arbeitsbedingungen, fehlender Schutzkleidung und dem oft unreflektierten Hantieren mit den entstehenden gefährlichen Substanzen erst gar nicht angefangen.

Rechtliche Grundlage für die Kontrolle über den Transport gefährlicher Abfälle bildet das Basler Übereinkommen aus dem Jahr 1989, dem mittlerweile 186 Staaten beigetreten sind. Eine zentrale Frage darin: Ab wann ist Müll eigentlich Müll? Wie jetzt?

Müll ist, was weggeschafft wird. So ließe sich die Sache ganz griffig definieren. Demnach alles, was wir sammeln: in Tüten, Tonnen, Säcken und sonstigen Gefäßen. Haben wir keinen besonderen emotionalen Bezugspunkt dazu, wird es uns nicht schwerfallen, unsere hart erarbeitete Sammlung an die Männer* und Frauen* in Orange zu übergeben. Doch wo kommt der ganze Müll eigentlich her? Bedenklich, wie viel Müll pro Kopf anfällt. Sehr, sehr viel Müll. Blicke ich mich so um, wird mir bewusst, dass wir uns eigentlich in einer Welt aus Müll bewegen. Fast alles, was im Supermarkt ums Eck in den Regalen steht, ist Müll. Fast alle Produkte, die dort verkauft und dann verbraucht werden, sind verpackt, und die Verpackungen sind Müll. Das Magazin, das ihr gerade in der Hand haltet, um diesen Artikel hier zu lesen, wird früher oder später seinen Weg in die Mülltonne finden.

Planet Erde = Planet Müll?

Immer tiefer grub ich mich in den Müllberg an Informationen und verfiel dabei in tiefe Verzweiflung. Alles, was mich umgab, war plötzlich Müll für mich. Das Holz meines Schreibtisches, mein Lieblingsbuch, das Alugehäuse meines Laptops, alles Müll. Alles Ware – alles Müll, der bloß noch nicht so heißt. Der Philosoph Boris Groys hat in seinem Essay Über das Neue ziemlich deutlich geschildert, dass die Herabsetzung des Alten und Wertvollmachung des Neuen vielleicht die zentralste ökonomische Operation überhaupt ist. Das ist Kapitalismus: nicht das Verkaufen und Besitzen per se, sondern das Verkaufen, das Zu-Müll-Werden und das Neue wieder an den Mann* oder die Frau* bringen.

Na gut, auch wenn mit dem Phänomen des Kapitalismus beziehungsweise mit der Industrialisierung wieder neue Arten des Mülls aufgekommen sind, wollen wir das jetzt nicht weiter breittreten. Zurück zu unserem geliebten, kommerziell super erfolgreichen Kunststoff. Ausgelaugt vom Schreiben und der Mir-wieder-Verdeutlichung-des-Weltschmerzes geschuldet, brauche ich eine kleine Stärkung. Beim Anblick des Kühlschrankes bekomme ich jedoch ein ungutes Gefühl in der Magengrube. So viel Verpackung, so viel Müll. Gutmenschtussi wie ich bin, ernähre ich mich zur Freude von Flora und Fauna vegan und schnappe mir daher mein Haferjoghurt und setze mich wieder an den Schreibtisch. Fertig ausgelöffelt trenne ich brav den schön illustrierten Papiereinband vom Plastikbecher und werfe beides in das dafür vorgesehene Müllbehältnis.

Beim nächsten Anflug von Tatendrang während eines unireichen Arbeitstages (heutzutage nennt man dies auch Procrastination) bringe ich den Müll auch schließlich runter in den Innenhof. Der Müll wird irgendwann die Woche abgeholt und dann ist er weg. Und dafür sind wir doch alle dankbar. Andererseits ist das natürlich eine riesige, fatale Illusion. Der Müll ist nur fort. Die Reise des Joghurtbechers konnte ich nicht wie erhofft nachzeichnen, da sich die exakt nachvollziehbare Spur ziemlich schnell verliert – oder ich mich in meiner Recherche verloren habe.

 

Müll ist ein Problem. Müll ist ein Emblem. Er ist ein Kern, ein Motor unserer Kultur.

– Alard von Kittlitz

 

Unsere Meere sind voller Plastik. Im Pazifik findet sich eine Insel aus Plastik, so groß wie Texas. Plastik wurde auch schon auf dem Grund eines am schwersten zugänglichen Ort der Welt gefunden: im Marianengraben. Müll fand sich in der Antarktis und auf dem Mount Everest – würde es Atlantis geben, würde die versunkene Stadt auch unter Wasser noch unter einem Haufen Plastik versinken. Wir wissen noch nicht viel darüber, wie lange die verschiedenen Kunststoffe exakt brauchen, um sich gänzlich aufzulösen; genauso wenig wie wir wissen, welche genauen Konsequenzen sie mit sich tragen. Was kann man selbst aber tun? Heroisch meinen sie alle: Der beste Abfall ist der Müll, der gar nicht erst entsteht. An jeder Ecke, im finstersten Winkel auf Social Media, ob links, mittig oder rechts – überall findet man Tipps zur Müllvermeidung. Live Zero Waste!

Die Last des Individuums

Eine lokale Lösung: Unverpacktläden wie greenroot in Innsbruck. Geschäfte wie diese weisen den Weg in eine Welt, in der reflektiert über die Nutzung unserer Ressourcen, unseren Konsum und alles was dazu gehört nachgedacht wird. Beim Durchstöbern der Tiefen des Datenjournalismus und beim Jonglieren mit den Zahlen, die die Entstehung des Mülls betreffen, fällt jedoch auf, dass alle Menschen, die Müll vermeiden, zwar lobenswert zu nennen sind, ihr Aufwand am Ende aber kaum einen Unterschied macht. Diese vergebene Liebesmüh jedes*r Einzelnen stimmt mich traurig. Warum liegt es in unserer Hand, eine bessere Welt zu schaffen? Liebe Politik, wie hast du’s mit dem Müll?

 

Fotos: © Gregg Segal

Hi, ich bin Nicole und die Chefredakteurin von unserem Magazin Die Zeitlos. An der Universität Innsbruck studiere ich im Master Medien sowie im Master Gender, Kultur und sozialer Wandel. In meiner Freizeit bin ich mal mehr sportlich, mal weniger sportlich. Schreiben und journalistisches Arbeiten zählen definitiv zu meiner größten Leidenschaft. For more Information: folge einfach den Verlinkungen!