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Wenn nicht jetzt, dann gar nicht

@pexels.com

Unser Leben ist eine Anreihung von Chancen. Das traumhafte Jobangebot, das wir eigentlich nicht ablehnen sollten, wäre es nicht in einer weit entfernten Stadt. Das nette Lächeln, das uns im Zug zwei Reihen weiter geschenkt wird, kurz bevor wir aussteigen. Die schöne Wohnung, die leider schon weg ist, weil wir zu lange überlegt haben und ein*e andere*r seine oder ihre Chance ergriffen hat.

Das Wort „Chancen“ begegnet uns überall im Alltag. Die günstige Gelegenheit, die wir ergreifen, eine Wahrscheinlichkeit in der Statistik oder auch beim Wunsch nach Chancengleichheit für alle. Doch sie auch zu nutzen, ist nicht immer leicht.

Die Gelegenheit am Schopf packen

In der griechischen Mythologie bezeichnet Kairos den flüchtigen Moment einer günstigen Entscheidung, die sich uns bietet und die wir „am Schopf packen müssen“. Eine bildliche Redewendung, die in der Darstellung der alten Griechen begründet liegt. Der Gott Kairos, der jüngste Sohn des Zeus, trägt eine Glatze mit einer Locke vorne am Kopf. Wer die Locke nicht schnell genug ergreift, gleitet an der Glatze ab und hat seine Chance verpasst. Auch die Redensart „auf Messers Schneide“ bei einem ungewissen Ausgang ist auf Kairo zurückzuführen, der auf der griechischen Abbildung auf einer Klinge eine Waage balanciert. Für einen Augenblick steht die Entscheidung noch nicht fest.  Im Augenmerk liegt der aktuelle Moment, eine günstige Gelegenheit, die sich uns für einen kurzen Augenblick einmalig bietet.

Denken wir an unser Leben, fallen uns einige Momente ein, die in diese Vorstellung passen – positive, wie negative. Vertane Chance schwirren gerne noch lange Zeiten in unseren Köpfen und erschaffen „Was-wäre-wenn“-Szenarien. Was wäre, wenn ich nur schneller ja gesagt hätte? Was wäre, wenn ich ein bisschen mutiger gewesen wäre? Was wäre, wenn ich einfach hingegangen wäre und hallo gesagt hätte? Doch oft im Leben ist in diesen Momenten der Job bereits anders vergeben und der oder die Fremde in der U-Bahn wird uns wohl nie wieder begegnen. Chancen sind wie ein Sonnenaufgang, bei dem wir rechtzeitig aufstehen müssen, um ihn zu sehen. Kommen wir zu spät, verpassen wir ihn. Nicht jede Gelegenheit wartet ewig auf uns.

Einen Hauch mutiger

Vertun wir unsere Chancen, müssen wir mit den Konsequenzen leben – sei es im Beruf oder in der Liebe. Entscheidende Momente erfordern oft eine Menge Mut, die uns in diesem Moment fehlen kann. Bietet sich uns die Möglichkeit eine neue Partnerschaft einzugehen, kennen die meisten von uns das Gefühl nur allzu gut eine gute Gelegenheit verpasst zu haben. Die Wahl unserer Partnerin oder unseres Partners hinterlässt Spuren bei uns und hat einen Einfluss darauf wer wir sind. Gerade deswegen handelt es sich meist um eine gut überlegte Entscheidung. Dennoch schleicht sich Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre später doch mal der Gedanke ein: „War das vielleicht ein Fehler?“ Wird uns bewusst, dass wir vielleicht doch bereit gewesen wären und uns nur schlichtweg die Angst davor bestimmt hat ins Ungewisse zu springen, erscheint uns so manche Entscheidung aus einem ganz anderen Licht. Versuchen wir dann noch den Schopf zu packen, ist dieser oftmals schon eine ganze Weile aus unserer Reichweite. Was uns bleibt ist die Vorstellung darüber, wie glücklich wir mit diesem einen Menschen hätten sein können, wenn wir nur diesen kleinen Hauch mutiger gewesen wären. Wenn wir geblieben wären, anstatt einfach zu gehen. Wenn wir ihm oder ihr eine faire Chance gegeben hätten. Manchmal bleibt uns nichts als die Erinnerung an die starke Schultern, an die wir uns nicht mehr anlehnen können, eine Reihe unbeantworteter Nachrichten und eine ganze Reihe von „was-wäre-wenn“-Szenarien. Doch auch darin liegt eine Chance. Die Chance, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Die Chance, das nächste Mal einfach in das Meer voller Möglichkeiten zu springen, anstatt vor der Welle davon zu laufen.

Nicht genutzte Chance als Chance

Auch eine vertane, vermeintlich günstige Gelegenheit kann sich als gut herausstellen. Der Mitbegründer der SAP-AG Hasso Plattner strebte ursprünglich an, bei dem bekannten Professor Steinbuch zu promovieren. Aufgrund einer Meinungsverschiedenheit wurde aus Hasso Plattner kein Doktorand, sondern er entschied sich für ein Stellenangebot bei der IBM und gründete später SAP.

 

Zwar blicken wir alle mal etwas wehmütig auf vertane Chancen zurück, die sich uns nie wieder bieten werden, doch auch in diesen liegt die Chance auf etwas Neues. Permanent begegnet uns in unserem Leben die nächste Gelegenheit. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen, aber wir können versuchen nicht die gleichen Fehler wieder zu machen. So schön die Vorstellung einer zweiten Chance in unseren Köpfen gerne mal wirkt, ist das nicht immer der richtige Weg für uns. Auch wenn wir das vielleicht in dem Moment selbst glauben. Falsche Entscheidungen gehören zu unserem Leben dazu und werden auch nicht die Letzten sein. Manche Fehler müssen wir mehrmals machen, um wirklich aus ihnen zu lernen. Oder um zu erkennen, was wirklich gut für uns ist. Und wer weiß, vielleicht müssen wir ja auch genau diese Fehler machen, um auf den Weg zu kommen, der genau richtig für uns ist?