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Liebeserklärung an ein Festival, den Sommer und das Leben

Das Leben läuft so dahin. Einfach so dahin, stetig, wie ein beinahe stehendes Gewässer die meiste Zeit. Und du scheinst irgendwo da so dahinzutümpeln, und dir ganz bewusst zu sein, dass die Zeit zwar nicht schnell vergeht, aber doch andauernd. Ohne Pause. Und irgendwie stresst dich das dann auch die meiste Zeit.

Und dann sitze ich da mit meiner besten Freundin in ihrem alten Daccia, die Fenster unten und wir hören Cro, wie damals mit dreizehn, als Sommer sich noch wirklich nach Sommer, Sonne, Eis und Freibad angefühlt hat. Ich kann endlich mal wieder atmen, und ich bin endlich mal wieder am Leben, wahrhaftig lebendig. Wir fahren stundenlang über die Autobahn, und dann stehen wir stundenlang im hitzigen Auto an, um auf das Festival fahren zu können. Und ich denk nicht mal dran, ob die Zeit vergeht, weil sie stillsteht. Hier steht sie still, oder besser: Hier existiert sie nicht, weil sie nicht zählt. Denn, sobald wir mit unseren neuen Freunden, die in der Autoschlange vor uns gestanden hatten und bald unsere Festivalfamily wurden, durch die Eingangstore gefahren sind, war alles selbstverständlich einfach, und alles einfach selbstverständlich schön irgendwie. Der Tag gestaltet sich durch das Schaffen von Schatten, das Heranschaffen von Wasser und das Beschaffen von Essen. Und alles dazwischen ist frei. Man selbst ist frei. Denn auf einem Festival trifft man jeden Menschen außerhalb seines*ihres Kontextes, in dem er oder sie normalerweise steht. Wohnort, Freunde, Wohnung, Arbeit, … Alles egal dort. Denn der sonstige Kontext zählt hier nicht, hier schafft sich ein neuer Kontext, eine neue Matrix oder Galaxie oder Sphäre. Oder irgendeines dieser Wörter, die so unendlich und schön klingen, für dieses Gefühl, das so unendlich und schön ist. Denn, wenn dann alle da so stehen und tanzen, zu diesem stetigen Beat, aber jede*r auf seine Weise, fühlt sich das ganz schön unendlich und ganz schön unendlich frei an. Und keine*r sieht dich schief an, wenn man nicht tanzen kann, weil hier jede*r tanzen kann. Weil tanzen hier die simple Definition trägt, dass man sich zu der Musik bewegt, wie man sie fühlt. Egal ob du hüpfst oder schreist, oder nur deinen Kopf bewegst, das bist eben du, und das ist okay. Ich sehe endlich wieder Menschen lachen, sich freuen, ausgelassen sein. Und das ist genau wie die Deltavariante: sehr ansteckend. Man lächelt, dann grinst man, und dann lacht man einfach mit, weil alles sehr schön ist gerade.

 

 

Mein Handy hatte nach dem ersten Tag keinen Akku mehr und irgendwie war ich wahnsinnig froh darum. Ich konnte nur im Jetzt leben, im Moment, den Alltag pausieren und all die Probleme von Zuhause für ein paar Tage prokrastinieren. Krass, dass man eine Ausrede dafür braucht, nicht erreichbar zu sein. Hab ich mir dann auch gedacht und anstatt wieder irgendwelchen Leuten zu schreiben „Hey wie geht’s?“ hab ich mich einfach selbst mal gefragt. Und ich habe mich einfach mal so nett um mich selbst gekümmert, wie ich das sonst mit anderen so mache. Wenn ich Durst hatte, bin ich mit mir selbst Wasser holen gegangen. Wenn ich hungrig war, habe ich mir zu Essen gekauft, worauf ich gerade Lust hatte. Wenn ich müde war, habe ich mich ins Bett gebracht. Wenn ich tanzen wollte, habe ich mit mir selbst getanzt. Und einmal, als ich da so getanzt habe, habe ich dich getroffen. Da habe ich dich tanzen gesehen, wie der Typ sein Girl in „Cordula Grün“. Und keine Ahnung, ob wir uns je wiedersehen werden, aber die Zeit mit dir hat sich angefühlt, als wären wir durch den Kaninchenbau in einen Indiefilm gefallen. So, dass ich wahrscheinlich noch lange ein Gefühl der Nostalgie empfinden werde, wenn ich daran zurückdenke. Und dazu passen die Analogfotos, die du gemacht hast, denn genau so werde ich die Erinnerungen in meinen Gedanken abspeichern. Nostalgisch analog.

Und irgendwann kommt man dann wieder aus dieser Welt hinaus, in die echte Welt, und fühlt sich wie ein Alien. Es kommt einem surreal vor, dass Menschen in gekühlten Räumen sitzen, mit Autos von A nach B fahren, der Uhrzeit so wahnsinnig viel Bedeutung zumessen. Alles kommt einem so surreal vor, und man vermisst die Bubble, die grade um einen zerplatzt ist und einen mit der harten Realität zurücklässt. Alle Menschen sind wahnsinnig hektisch und folgen einem Rhythmus, den ich nicht zu verstehen scheine. Ich hab ein Gefühl wie damals, als man aus dem Ferienlager zurückgekommen ist, und es gar nicht mehr gewohnt war allein in seinem Zimmer zu sitzen. Es fühlt sich leer an, und ernüchternd. Mein Zimmer und mein Leben fühlt sich ganz ein bisschen anders an, als ich zurückkehre. Als hätte ich eine schmutzige Brille abgenommen, sie sauber gewischt und wieder aufgesetzt. Ich hoffe der Staub lässt sich Zeit mit dem Sich-auf-meine-Sicht-legen, denn grade sehe ich alles lieber bunt als grau.

 

 

Bilder: Louis Berthet (Instagram: @loub_ard)

Mein Name ist Claudia und ich studiere Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck. In meiner Freizeit lese ich, schreibe ich, spiel mit meinen Katzen und gehe in Bars.