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Holodomor

Vor kurzem habe ich mit meinem Bruder einen True-Crime-Podcast über einen Serienmörder aus der Ukraine angehört. Die Morde waren schockierend, aber noch viel schockierender waren in diesem Fall für uns die Zeit und die Zustände, in die der Mörder hineingeboren wurde: die 1930er Jahre in der Ukraine. 1932 bis 1933 fand dort ein schrecklicher Genozid an der ukrainischen Nation statt, über den wir bisher kaum Bescheid wussten. Dieser Artikel soll einen Einblick geben und diese systematische Tötung der Bevölkerung der Ukraine in Erinnerung rufen.


Genozid = Völkermord; eine Handlung, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören


Zeit.

Der kommunistische Diktator Joseph Stalin (1878-1953) wollte mit seiner totalitären Regierung eine Kollektivierung der Landwirtschaft in der Ukraine erreichen, um damit ein starkes industrielles Imperium aufzubauen und die Wirtschaft der Sowjetunion anzukurbeln. Ein Merkmal der Planwirtschaft des Kommunismus war das kollektive Eigentum von Produktionsmitteln. Darunter fielen auch die Bauernschaften in der Ukraine. So kam es dort zur Zwangskollektivierung von Bauernhöfen. Millionen von Menschen, die in der Landwirtschaft tätig waren, wurden in sogenannte Kolchosen (größere landwirtschaftliche Betriebe) gezwungen.

Dadurch wurden die Bauern mit einem sehr hohen, kaum erfüllbaren Ablieferungssoll für Getreide belastet und wenn dieses nicht erfüllt wurde, sammelten die Truppen der Miliz alle Lebensmittel der Bauernfamilien ein und ließen sie mittellos zurück. Im damaligen bolschewistischen Gedankengut waren die Bauern und Bäuerinnen nämlich für die Ernährung der sich industrialisierenden Bevölkerung zuständig und wenn sie dies nicht schafften, mussten sie – so die damalige Logik – bestraft und durch Ausbeutung zur Erntesteigerung gezwungen werden.

Die Einwohner*innen der ukrainischen Dörfer wehrten sich nun Anfang der 1930er Jahre gegen die Kollektivierung und im Zuge dessen fanden mehr als 4.000 Massenproteste statt. Stalin bekam nun Angst, dass die Ukraine als wichtige Ressource für die Sowjetunion verloren gehen könnte. So erarbeitete das Regime einen Plan, wie sie dies verhindern könnten und wie die Bevölkerung für ihre Unfolgsamkeit bestraft werden könnte.

Vernichtung.

Der Plan des Regimes beinhaltete die Vernichtung eines Teils der ukrainischen Nation und äußerte sich in der Einziehung aller Lebensmittelvorräte der Bevölkerung. Das hieß, Anhänger*innen des Regimes fuhren in ukrainische Dörfer, um dort alle Lebensmittel in Beschlag zu nehmen. Sie suchten Bauernhöfe ab, gruben die Erde um, kamen wochenlang immer wieder zu Familien nach Hause, um sicherzustellen, dass keine Lebensmittel versteckt worden waren. Dann wurden die hungernden Menschen von der Außenwelt abgeschnitten, die Ausreise wurde verboten, um sogenannte „Hamsterfahrten“ in andere Länder zur Beschaffung von Lebensmitteln zu verhindern. Ebenso wurde jeglicher Handel verboten.

Natürlich brachen nun Massenhungersnöte aus und den mehr als 20 Millionen, von den Truppen der Miliz eingekesselten Menschen ging es unvorstellbar schlecht. Es trat ein, was das ukrainische Wort ‚Holodomor‘ beschreibt: moryty (Leid, Tötung, Vernichtung) durch holod (Hunger). Der „Tod durch Hunger“ beherrschte von April 1932 bis November 1933 die Menschen. Besonders betroffen waren die Männer, Frauen und Kinder, die am Land lebten, in Dörfern, in denen Getreide produziert wurde, das die sowjetischen Truppen eingesammelt hatten. So starben ganze Dörfer aus.

Folgen.

Wie viele Menschen genau der Massenvernichtung, die im Endeffekt ein Genozid war, zum Opfer fielen, weiß man nicht genau. Das liegt einerseits daran, dass vieles vertuscht wurde. Beispielsweise wurde die Anordnung erteilt, Todesfälle von Kindern, die weniger als ein Jahr alt waren, gar nicht zu registrieren. Andererseits wurde bei den registrierten Todesfällen oftmals die Todesursache verfälscht. Durch Populationsvergleiche vor und nach dem Holodomor geht man jedoch heute davon aus, dass in der Ukraine selbst etwa 3,5 Millionen Menschen durch Hunger ihr Leben verloren – das waren zur damaligen Zeit etwa 10 % der gesamten Bevölkerung. In den Regionen, die außerhalb der Ukraine auch vom Genozid betroffen waren, (der Nordkaukasus und die Region um den Kuban-Fluss sowie um die Mittlere und Untere Wolga) starben noch einmal etwa 2 Millionen Menschen.

Der Holodomor stellt nicht nur ein nationales Trauma dar, er hat auch die traditionelle Lebensweise der ukrainischen Bevölkerung von Grund auf verändert. Bräuche und Traditionen wurden aufgebrochen und ausgelöscht. Der Genozid brach die Menschen natürlich physisch, aber auch psychisch. Überall starben Menschen, der Hunger war ständig präsent. Einige Überlebende berichten davon, dass in diesem Zustand, krank vor Hunger, tote Menschen notgedrungen als letzte Nahrungsquelle und lebenserhaltende Maßnahme dienten. Aus dem Kontext gerissen wirkt dieser Kannibalismus vielleicht unmenschlich und grausam. Menschen, die den Holodomor erlebt haben, dürfen dafür aber nicht verurteil werden und sollten sich auch nicht selbst verurteilen. Auch in anderen Hungersnöten haben Menschen zu diesem letzten Mittel gegriffen, um zu überleben.

Vertuschung.

Jegliche Informationen über den schrecklichen Hunger und den Genozid wurden von öffentlichen Stellen gezielt blockiert. Im Winter 1933, also noch mitten in der systematischen Verhinderung der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung, wurde von der sowjetischen Regierung sogar eine Erklärung veröffentlicht, dass es im Land immer weniger Hunger gäbe. So wurde die Hungersnot verleugnet und alle Hilfsmaßnahmen unterbunden. Pro-russische Historiker*innen behaupteten bis vor kurze Zeit sogar, dass die Hungersnot natürlicher Herkunft, ausgelöst von Missernten durch Naturkatastrophen sei.

Das Sowjetregime und die nachfolgenden Machthabenden weigerten sich noch lange anzuerkennen, dass die Hungersnot und der Genozid stattgefunden hatten. Erst 2006, lange nach dem Ende von Stalins Herrschaft, erklärte das ukrainische Parlament den Holodomor zum Völkermord.

 

Wusstest du über den Genozid in der Ukraine Bescheid? Wenn nicht, konnte dir dieser kurze Artikel vielleicht zumindest bewusst machen, dass es ihn gab. Er kann jedoch niemals die gesamte Grausamkeit vermitteln, die damals passiert ist. Wenn du mehr über den Holodomor erfahren willst, gibt es eine siebenminütige Dokumentation mit Zeitzeugenberichten und Bildern aus der Zeit sowie einen Netflix-Film mit dem Titel „Holodomor“.

 

 

 

 

 

Bild von Narcis Ciocan auf Pixabay