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Freiheit auf vier Rollen

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt einfach einzusteigen und loszufahren? Für viele von uns war das bis jetzt eher ein Wunschdenken statt einer wirklichen Option – alles viel zu ungewiss und sowieso viel zu teuer. Wer in Corona Zeiten dennoch verreisen will, muss flexibel sein. Spontane Planänderungen sind wahrscheinlich, Geduld und Improvisationstalent erforderlich. Nachdem die Wanderlust in den letzten Jahren fleißig von Travelbloggern befeuert wurde, verlassen besonders seit Beginn der Pandemie, viele Menschen ihre Komfortzone, um nicht auf Urlaub zu verzichten. Roadtrips, inklusive Übernachtung im Auto entwickeln sich zu einem Ventil, um dem Alltagsstress zu entfliehen.

© Alina Müller

Auf den ersten Blick wirken die Ausgangs- und Einreisebeschränkungen wie Todesurteile für Reiselustige. Informiert man sich jedoch über diese – beispielsweise auf der Webseite des Auswärtigen Amtes – und ist geimpft, genesen oder getestet, sind viele Reiseziele in Europa wie Frankreich, Spanien oder Italien trotz Corona weiterhin gut erreichbar. Reisende können von oftmals unbedachten positiven Aspekten profitieren – fast menschenleere Sehenswürdigkeiten und Strände  sowie günstigere Preise.

Während das Fliegen aufgrund hoher C02 Emissionen immer unbeliebter wird, werden auch traditionelle Hotelurlaube von neuen Alternativen abgelöst. Übernachtungen in Airbnbs oder auf Campingplätzen sowie Vanreisen erfüllen das Bedürfnis vieler Menschen nach Individualität,  Flexibilität und Authentizität. Urlaub mit Auto und Matratze im Kofferraum war schon bei vielen vorherigen Generationen beliebt, durch Influencer findet jetzt ein Imagewechsel statt – vom verlotterten Hippimobil zum komfortablen, familienfreundlichen Gefährt für Jedermann. Eine vielversprechende Entwicklung, welche die schönen Seiten des Lebens wieder in den Fokus rückt. Bei Roadtrips kann man einfach mal die Seele baumeln lassen oder Abenteuer erleben.

© Sebastian Schieren

Damit ist jedoch nicht gemeint, dass diese Art zu Reisen unser aller Leben revolutioniert und jeder der noch Hotelurlaub macht, verstoßen gehört. Es ist wichtig auch in diesem Bereich die rosarote Brille abzunehmen und sich zu fragen, ob eine dreiwöchige Reise in einem Kastenwagen tatsächlich das ist, wofür man brennt. Besonders auf Instagram und Youtube werden Roadtrips häufig fälschlich dargestellt  – alle sind jung, wild und frei, das Leben ist schön und irgendwo im Hintergrund reitet ein Surfer eine Welle am Horizont. Von nassen oder dreckigen Sachen, mit denen man sich nachts eine Matratze teilt oder Lebensmitteln, die in irgendwelchen Tupper-Boxen fröhlich vor sich hin gammeln, bekommt man selten etwas zu sehen. Bevor man also in seinem größten Albtraum aufwacht, sollte man seine Vorstellungen mit den Fakten abgleichen.

© Yvonne Pferrer

Damit es losgehen kann, muss das Gefährt der Wahl für die Reise vorbereitet werden. Dies scheint erstmals sehr aufwendig und wirkt abschreckend. Die wenigsten von uns haben wochenlang frei, mehrere tausend Euro auf der hohen Kante oder auch nur annähernd eine Ahnung davon, wie man einen Van ausbaut. Travel Influencer wie Yvonne Pferrer aus Köln oder Sebastian Schieren aus Innsbruck teilen ihre  Erfahrungen und Erlebnisse auf ihren Kanälen. Sie werden von ihren Followern als Inspirationsquellen angesehen – wie baut man einen Bus aus, welche Reiseziele sind zu empfehlen, was brauche ich damit der Trip ein Erfolg wird? Und damit wird natürlich Geld verdient; Bücher, Videos, Merchandise, mit welchem die Follower einen kleinen Teil des Freiheitsgefühl erkaufen und Teil der Community werden können. Den Erfolg haben sich die Creator definitv verdient, und die Erfahrungen und Tipps sind teilweise sehr hilfreich, jedoch ist es keinesfalls erforderlich Geld für Ratgeber auszugeben oder jedes Viedeo anzusehen.

Auch das detaillierteste oder aufwendigste Video zum Thema Van-Ausbau hilft vielen Followern und Interessierten nicht weiter, da diese schlichtweg eine andere Ausgangslage haben. Bei Reisen ist es wie bei der Erziehung von Kindern, man kann sich 20 Ratgeber kaufen, bestens vorbereitet sein und doch kommt alles anders als geplant. Das ist das abenteuerliche daran – jeder Schlafplatz, jede Route ist individuell, aufregend und voller prägender Momente. An Inspirationsquellen für Reiserouten, Ausbau und Lifestyle mangelt es demnach nicht, sondern eher an der Nachvollziehbarkeit und der Vergleichbarkeit.

Während man all diesen Menschen bei ihren Reisen und Abenteuern zuschaut, überkommt einen schnell das Gefühl der Unerreichbarkeit. Dies wird besonders davon beeinflusst, dass das Vanlife häufig glorifiziert und perfektioniert dargestellt wird. Voll ausgestattete Vans, teure Bambus Bestecksets, überall Blumen und Lichterketten und ein Mini-Beamer immer mit dabei – das erweckt den Eindruck als wären auch Roadtrips mittlerweile nur noch etwas für Großverdiener. Der eigentliche Grundgedanke gerät dabei oft in Vergessenheit.

© Yvonne Pferrer

Um mit einem Auto in den Urlaub zu fahren, sind grundsätzlich nur wenige Dinge wirklich wichtig: Es sollte fahren, verkehrstauglich sein und Stauraum bieten. Es muss nicht perfekt aussehen und alle erdenklichen Features beinhalten, um funktionsfähig zu sein. Um das Gefährt meines Vertrauens –ein Kombi von 1996, welcher an einigen Stellen rostet und mehr Öl schluckt als er sollte – reisetauglich zu machen, reichen einige Kochutensilien inklusive Gaskocher, Campingstühle und eine aus Brettern und Nägeln zusammengeschusterte Konstruktion für eine Matratze. Stoffreste eines alten Bettlakens machen sich blendend als Vorhänge und jede kleine Nische wird als Stauraum genutzt. Immer mit dabei sind Werkzeug und Insektenschutz sowie genügend Wasser, Nudeln und Pesto. Vorkenntnisse braucht man für den „Ausbau“ keine, gekostet hat die Vorbereitung fast nichts. Zur Vorbereitung brauche ich zwei Tage und die Materialen findet man in jedem Baumarkt oder auf Innsbruck verschenkt. Es ist sicherlich sehr komfortabel und angenehm in einen wunderbar ausgebauten, geräumigen Van zu verreisen, aber es ist keine Voraussetzung, um einen schönen Urlaub zu haben.

Durch die Repräsentation von Vanreisen auf vielen Social Media Kanälen, wird die Auffassung der Follower stark beeinflusst. Beim Thema Reisen haben viele deshalb direkt sehr hohe Kosten im Kopf, um ihren Vorbildern zu entsprechen. In der Realität fallen die meisten Kosten für Sprit, Maut und Freizeitangebote an – Übernachtungskosten fallen meist vollständig weg und Verpflegungskosten können individuell angepasst werden. Plant man für längere Zeit zu verreisen, lohnt es sich häufig sein Zimmer unterzuvermieten. Im Endeffekt unterscheiden sich die anfallenden Kosten somit häufig nicht sehr stark von den generellen Ausgaben  oder verringern sich sogar.

Durch Social Media Plattformen erlangen insbesondere die positiven Aspekte dieses Reisestils viel Aufmerksamkeit. Freiheit, Flexibilität und sehr viel frische Luft.

© Alina Müller

In Kontrast zu Flügen und Hotels, welche immer frühzeitig gebucht werden müssen, bietet sich die Möglichkeit auch sehr spontane Trips zu machen. Es muss wenig im Voraus festgelegt werden, da man Fahrzeug, Schlafplatz, Küche und Kleiderschrank immer dabei hat. Reiseziele, welche schon länger auf der Wunschliste sind oder nur ein paar Autostunden entfernt liegen, können ohne langes Überlegen besucht werden. Zu beachten ist jedoch, dass das Wildcampen in den meisten Ländern weiterhin verboten ist und nur saisonanhängig möglich ist. Zieht man die freie Natur dennoch Campingplätzen vor, sind Apps wie Park 4 Night für die Planung vor Ort sehr hilfreich. Damit findet man weltweit tausende traumhafte Orte, an welchen man direkt aufs Meer schaut, an Wasserfällen, Hochebenen oder Gletscher schläft und morgens aufsteht und mitten in der Natur ist. Es spricht nichts dagegen, auf eigene Faust auf Erkundungstour zu gehen und unentdeckte Orte zu suchen, dabei muss einem jedoch klar sein, dass dort keine heiße Dusche auf einen wartet.

Die Einschränkungen und Herausforderungen, welche dieser Reisestil mit sich zieht, werden durch viele Beiträge auf Instagram nicht ausreichend genau dargestellt. Obwohl sich mittlerweile viele Influencer bemühen auch die Schattenseiten aufzuzeigen, entspricht ihre Ausstattung meist nicht der Norm.

© Sebastian Schieren

Auf vielen Stellplätzen fehlt ein direkter Zugang zu Wasser, Sanitäranlagen, Kochstellen oder Elektrizität. Alltägliche Situationen wie Geschirrspülen, Waschen, Kochen oder der Blasendruck am Morgen nötigen einen oftmals zu improvisieren. Die wenigsten haben die Möglichkeit ihre frischen Lebensmittel zu kühlen, weshalb diese schnell schlecht werden und tägliche Einkäufe und Vorräte an Unverderblichem unvermeidbar sind. Besonders an verregneten Tagen tritt zudem häufig Lagerkoller auf. Verreist man mit dem Auto oder Van, ist man sehr wetterabhängig. Eingepfercht in einem Kombi zu liegen, hört sich nicht verlockend an – ist es auch nicht; Man hat wenig Platz, alles ist nass und klamm und anstatt wie geplant frisch zu Kochen muss mit halb aufgeweichtem Müsli vorliebgenommen werden. Wenn man dann den begrenzten Raum noch mit einer Person teilen muss, kann die Laune schonmal in den Keller gehen. Aus diesem Grund sollte man seine Reisebegleitung sorgfältig auswählen. Ironischerweise entstehen die tiefsten Verbindungen mit Mitreisenden jedoch oftmals an genau solchen Tagen. Die Erfahrung gemeinsam Probleme zu lösen und füreinander da zu sein kann aus Fremden Freunde machen.

Es kann und wird mit großer Wahrscheinlichkeit einiges schiefgehen. Retter in der Not sind nicht selten hilfsbereite Menschen, die man auf seinem Weg trifft. Sie helfen, wenn man sich aus dem Auto aussperrt, die Gaskartusche überraschend leer ist oder man zum zweiten Mal Starthilfe braucht – vermutlich, da man das Handy doch wieder zu lange geladen hat. Es kann auch passieren, dass Dinge kaputt gehen oder gestohlen werden. Lässt man brandneue Wetsuits zu lange draußen trocknen, verschwinden diese manchmal auf unerklärliche Weise. In diesen Situationen Ruhe zu bewahren ist nicht immer einfach, aber mir kam es so vor, als wären alle Probleme ein kleines bisschen weniger schlimm, wenn die Haut sonnengebräunt ist und die Luft nach Meersalz riecht.

Man sieht die schönsten Sonnenuntergänge, übernachtet in dichten Wäldern oder am Strand, findet Freunde fürs Leben und fährt stundenlang an der Küste entlang, während man seine Lieblingslieder in Dauerschleife hört. Es braucht nicht den teuersten oder schönsten Van, um auf vier Rollen unterwegs zu sein und abends mit Gleichgesinnten bei billigem Wein und Nudeln Geschichten auszutauschen. Wenn man zusätzlich alle auftretenden Strapazen übersteht, erlangt man etwas sehr Wertvolles, nämlich Freiheit.

 

Titelbild: Alina Müller

Semi-erfolgreiche Studentin der Wirtchaftswissenschaften, die mehr Zeit unterwegs verbringt als vor ihrem Bildschirm. Aufgewachsen in NRW, aktuell im schönen Innsbruck. Meine Freunde würden mich als tollpatschigen Glückspilz beschreiben. Manchmal schreibe ich hier Texte zu (meiner Meinung nach) coolen Themen, also lest meine Artikel!