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Konflikt der Generationen – Millennials gegen Gen Z?

Als ich 16 war, dachte ich, ich sei ein Millennial, weil ich ja zum Jahrgang 1999 gehöre und die Generation Y im Zeitraum zwischen den frühen 80ern und den späten 90ern geboren wurde. Jetzt bin ich 21, bezeichne mich als Generation Z (kurz Gen Z, die zwischen den späten 90ern und circa 2010 geboren sind), habe TikTok und weiß nicht, ob ich zu den Buzzfeedliebhaber*innen mit Girlbossmentalität gehören sollte, nur, weil ich eventuell in eine bestimmte Zeit hineingeboren wurde.

Ich verbringe zu viel Zeit auf TikTok und ich stehe dazu. Meistens nutze ich die App als Zeitvertreib oder um nicht an meiner Seminararbeit weiterschreiben zu müssen. Manchmal jedoch regt es mich auch zum Nachdenken an. In den letzten Monaten hat sich auf TikTok ein Diskurs über die Generationen und deren Aneinandergeraten entwickelt – nicht wie früher „einfach alle Jüngeren“ gegen Boomer, sondern Gen Z gegen Millennials. Was mit ein paar Videos über Harry-Potter-Häuser, Seitenscheitel, Skinny Jeans und Obsessionen mit Wein begann, hat sich zu einer Debatte entwickelt, die mittlerweile auch zahlreiche Onlinemagazine beschäftigt. Aber stehen wir wirklich in einem Generationenkonflikt oder werden nur Differenzen durch soziale Medien hochgepusht, die eigentlich gar nicht da sind?

Die Kritik von der Generation Z an Millennials ist zunächst relativ einfach auf einige wesentliche Faktoren herunterzubrechen: Millennials halten viel zu sehr an vergangenen Konzepten fest und identifizieren sich nur dadurch. Millennials „labeln“ sich anhand von Interessen und Nostalgie. Ist es wirklich nötig, ständig an der Meinung festzuhalten, dass es viel besser gewesen wäre, in den 90ern aufzuwachsen? Muss die eigene Persönlichkeit daran festgemacht werden, was ein Buzzfeed-Persönlichkeitstest über die Kaffeevorlieben und über den eigenen Charakter aussagt? Es geht nicht darum, dass niemand gern an die eigene Kindheit zurückdenken darf oder Persönlichkeitstests zur Unterhaltung vermieden werden sollten. Sich jedoch nur durch eigenen Interessen und der eigenen Identität zu definieren, anstatt sich in das große Ganze einordnen zu können, sollte egal in welcher Generation überdacht werden. Zudem sollte die Besessenheit mit der eigenen Person ein wenig zurückgestellt werden oder zumindest überdacht werden. Es ist keineswegs so, dass die Generation Z ihre Individualität nicht wertschätzt, sie schätzt es umso mehr, sich so ausleben zu können, wie sie selbst es für richtig hält. Der Unterschied liegt darin, dass die Generation Z sich zumindest online viel mehr in den gesellschaftlichen Kontext einordnet. Während Millennials auf sozialen Netzwerken Ergebnisse ihrer Persönlichkeitstests oder emotionale Memes teilen, findet man auf den Profilen der Gen Z Petitionen gegen soziale Ungerechtigkeit, Posts über mentale Gesundheit oder Informationen, wie man den Klimawandel bekämpfen kann. Eine Identifikation, die nicht durch/aufgrund von Nostalgie oder eigene Interessen stattfindet, sondern durch gemeinsame Bewegungen und Idealvorstellungen. Natürlich kann das nicht auf jedes Mitglied der Generation angewendet werden und es ist notwendig, hier im Hinterkopf zu behalten, dass das Beschriebene sicher auch auf manche Mitglieder der Generation Z zutreffen kann. Außerdem ist es immer wichtiger, was man tatsächlich tut und nicht so viel, was man alles online teilt. Es bringt auch einem Mitglied von Gen Z nichts, nur online Petitionen gegen den Klimawandel zu teilen und dann aber trotzdem in den Urlaub zu fliegen und nicht darauf zu achten, dass das Gemüse regional gekauft wird. Die Onlineinszenierung und die Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext kann leicht zum politischen Hobbyismus werden. Dann doch lieber im echten Leben aktiv sein und nicht alles auf sozialen Medien teilen.

Es gibt also scheinbar einen Unterschied zwischen den Generationen, wenn man über die Selbstinszenierung spricht. Die Gen Z hat sich damit abgefunden, dass sie nicht unbedingt als Einzelperson eine grandiose Zukunft haben wird. Viel mehr hat Gen Z als Kollektiv erkannt, dass man zusammen etwas erreichen kann und muss, um überhaupt noch eine Zukunft zu haben. Wenn Millennials zum zehnten Mal an einem Tag etwas posten, dass sie z.B. das „Adulting“ als schwierig sehen, ist vermutlich der Gedanke dahinter, dass sie in einer Zeit aufgewachsen sind, in der ihnen bewusst geworden ist, dass Träume schwer umsetzbar sind. Millennials hatten Hoffnung auf neue, vielversprechende Start-Up-Jobs und einer idealistischen Zukunft, die aufgrund von Politik und Katastrophen nicht von ihnen umgesetzt werden konnte. Wir leben alle in der gleichen Welt. Die Welt der Generation Z ist genauso hoffnungslos wie die der Millennials. Der Umgang mit der Problematik macht wieder einmal den Unterschied. Die Gen Z ist ohne diese Träume aufgewachsen und geht vielleicht gerade deshalb ganz anders damit um. Es wirkt so, als ob viele Millennials sich darüber beschweren, dass ihre Visionen nicht funktionieren und machen die ganze Welt oder irgendwen dafür verantwortlich. Die Generation Z sucht weniger nach einem Schuldigen, sondern ist dafür bereit, etwas dagegen zu unternehmen – sei es aktiv durch Proteste, um das System zu stürzen oder im Hintergrund agierend, indem Petitionen und Infocards verteilt werden. Auf der anderen Seite probiert die Gen Z aber auch gar nicht mehr, die beschriebenen Hoffnungen und Visionen umzusetzen. Ist eine Gleichgültigkeit dem gegenüber wirklich besser? Man darf hier nicht vergessen, dass der Grundstein für vielen Aktivismus oft von älteren Generationen gelegt wurde. Man darf in dieser Debatte nicht übersehen, dass viele wichtige aktivistische Arbeit wie Prideveranstaltungen oder Donnerstagsdemos von Millennials initiiert und auch besucht werden. Gerade das ist ein wichtiger Punkt, der auch von der Generation Z beachtet werden muss. Anstatt eine Differenzierung vorzunehmen, kann und soll man Hand in Hand aktiv werden und sein, egal, ob man es auf sozialen Medien teilt oder nicht.

Neben all dem Aktivismus ist es natürlich auch gut und wichtig, humorvoll mit der Thematik/Problematik umzugehen. Ständig nur das harte Erwachsenenleben für alles zu verantworten, dafür was nicht funktioniert oder schiefläuft und an vergangenen Idealen der 90er festzuhalten, ist auf die Dauer auch einfach anstrengend. Man muss ständig einem vergangenen Jahrzehnt hinterherweinen, nur weil die Welt und die Gesellschaft vielleicht gerade den Bach runtergeht. Deshalb macht die Gen Z lieber Witze bezogen auf ihre Zukunftsvorstellung, nämlich dass laut ihnen sie keine Träume, keine Hoffnungen und keine Zukunft mehr haben werden. It is what it is eben.

Sollte ich Millennials jetzt also mit anderen Augen sehen? Nein, aber es ist wichtig, darüber nachzudenken, warum solche Diskurse entstehen und noch wichtiger ist es, zu verstehen, warum diese Debatten weitergeführt werden und was dem eigentlich zugrunde liegt. Es zeigt für alle Generationen, dass es wichtig ist, sich nicht nur über individuelle Charaktereigenschaften und Interessen zu identifizieren, sondern sich auch in das größere Ganze einzuordnen. Nicht ständig alles nur rein zu bemängeln, sondern auch aktiv einen Beitrag leisten zu wollen, Kritik auch zu äußern und auf die Umstände aufmerksam zu machen, ganz egal, wie alt man ist. Letztlich versuch Gen Z mit ihren TikToks vielleicht genau all das anzusprechen. Man könnte auch sagen, dass eine weitreichendere Kritik an Mentalität und Umgangsmethoden mit der aktuellen Situation und der Gesellschaft hinter harmlosen Videos versteckt wird, die nicht einmal direkt auf Millennials bezogen ist. Vielleicht wird der Spaß dabei nicht verstanden. Vielleicht wird nicht erkannt, was eigentlich gemeint ist. Was jedenfalls mit Videos über die Verwendung des Begriffs Doggo (= Hund) und falsch verwendeten Emojis begonnen hat, zeigt außerdem, dass jede Generation in der Lage sein sollte, Kritik zu akzeptieren und vielleicht auch Witze über sich ergehen zu lassen, ohne gleich Disstracks über die kritisierende Generation zu schreiben. Es zeigt aber auch, dass TikToks nicht gleich ein aktiver Beitrag sind, sondern eher ein Aufgreifen der aktuellen Situation, das vielleicht eine Reflektion darüber auslösen kann.

Stecken wir nun in einem Generationskonflikt? Nicht unbedingt. Es ist aber wichtig, darüber zu sprechen, wie soziale Medien mit einfachen Videos aufweisen, dass Denkweisen innerhalb Generationen unterschiedlich sein können. Am Ende sollte darauf hingewiesen werden, dass es komplett egal ist, ob ich Skinny Jeans oder weite Hosen trage. Solange ich fähig bin, mich in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen und wichtige Themen sehe, darüber reflektiere und sie verbreiten kann, ist es egal, zu welcher Generation ich gehöre. Es ist nur wichtig, zusammen etwas zu erreichen. Wenn man für die wichtigen Themen einsteht und sich aktiv daran betätigt, etwas zu verändern, steht die Generationszugehörigkeit im Hintergrund.

Trotz Verständnisproblemen und unterschiedlichen Seitenscheitel ist eine intergenerationale Kommunikation möglich. Ich habe Freunde, die Millennials sind und mit denen ich gerne Kaffee trinken gehe, weil ich weiß, dass ihre Einstellung zur Welt stimmt und dass sie aktiv sind und dass sie ihre Meinung ausdrücken können. Genauso finde ich Mitglieder der Gen Z manchmal nervig, wenn ich mich durch die tausendste Instagramstory klicke, in der die Person ein aktivistisches Bild teilt und sonst aber nichts verändert. Vor allem aber weiß ich, dass es wichtig ist, kritisch zu denken, zu reflektieren und darüber konstruktiv zu diskutieren. Dabei ist es dann letztlich egal, welche Identifikation über was dahintersteht und was man auf sozialen Medien teilt. Solange die Grundeinstellung stimmt.