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BIS VOR EINEM JAHR WAR NOCH ALLES WIE DAVOR – Rückblick auf ein Jahr Pandemie

Meine Katzen sind elf Monate alt. Für sie ist der Mensch ein Wesen, das sein Eigenheim nur sehr selten verlässt. Die meiste Zeit sitzt der Mensch in seinem Zimmer an seinem Computer und starrt hinein. Die Katzen verstehen zwar nicht wozu, aber passt ihnen ganz gut, denke ich mal. Sie kennen es ja nicht anders. Wir schon. Denn bis vor einem Jahr war alles noch wie davor.

Phase: Ruhe im Stillstand
Zum ersten Mal in meinem Leben steht das Rad still. Das Rad, das nie anhalten darf, nie langsamer werden darf, weil man den Rückstand den anderen gegenüber nie wieder aufholen kann. Das Rad, das sich bei allen immer ein wenig schneller zu drehen scheint als bei einem selbst. Die ganze Welt scheint still zu stehen. Zum ersten Mal seit ich denken kann. Es ist ein viel zu heißer Frühling, aber in unserer Altbauwohnung bleibt es immer angenehm kühl. In mein Zimmer scheint nur am späten Nachmittag die Sonne durch das Fenster, und ich schaue den Staubkörnern zu wie sie durchs Zimmer wirbeln. Wenn alle schlafen gegangen sind, beginnt meine Lieblingszeit des Tages. Es ist dann so still, kein einziger Mensch auf den Straßen, kein einziges Geräusch zu hören. Nicht wie sonst, mit den Autos, den Flugzeugen, den Menschengruppen, die sich unterhaltend an den Fenstern vorbeiziehen. Ich fühle mich wie auf dem Mond. Ganz allein und ganz weit weg von allem und jedem, obwohl ich eigentlich in meinem Zimmer am Boden liege und dem Nichts lausche. Ich bin oft wach, bis ich die ersten Vögel höre, und gehe dann erst schlafen. Oft mache ich eine kleine Schlafpause, also eine Pause vom Schlafen, gegen zehn am Vormittag, und schlafe nochmal bis halb drei. Dann lasse ich mir Zeit mit allem. Ich bleib so lange liegen, wie ich will, dann frühstücke ich eine Stunde lang. Dann sitze ich auf dem Balkon, bis die Sonne wieder untergeht. Die Außenwelt sehe ich an den meisten Tage nur durch das Taubennetz, dass vor unserem Balkon gespannt ist. Sie wirkt dadurch mehr wie die Projektion auf einer Kinoleinwand, surreal und fern, als tatsächlich real. Die Zeit steht still, für eine ganze Weile und ich habe das Gefühl zumindest einige Teile von mir wieder zusammensammeln zu können, die mir in der Vergangenheit nach und nach verloren gegangen waren. Eine weltweite Pandemie bringt die Menschen nach Hause, von überall her. Und auch ich bekam mein Zuhause zurück, von dem ich lange nicht gewusst hatte, dass es das war. Wir lagen oft gemeinsam den ganzen Tag im Bett, weil wir keinen Grund hatten aufzustehen. Die Zeit schien für uns stehen geblieben zu sein, um uns die ganze verlorene wieder zu schenken. Ich habe zum ersten Mal Bananen-Blaubeer-Pancakesfür dich gemacht und du hast irgendwann aus dem Nichts die drei Worte zum ersten Mal zu mir gesagt. Eines Morgens in meinem 1,40m breiten Ikea-Bett mit der beschissenen Matratze.

Phase: Für das was es war, war es verdammt gut
Eine ganze Weile ging das wohl alles so ganz gut, und den Rest habe ich mittlerweile verdrängt. Das liegt vermutlich daran, dass wir alle, wenn es schwierig, oder öde und einengend wurde, noch glaubten nur noch ganz kurz die Zähne zusammenbeißen zu müssen, weil der Spuk bald wieder vorbei sein würde. Und alles bald wieder normal sein würde. Der ganze erste Pandemie-Frühling fühlt sich im Nachhinein an wie eine sehr, sehr lange Woche, in der man anfangs noch hochmotiviert ist, und irgendwann ab der Hälfte nur mehr auf Durchzug geschaltet, alles passieren lassend auf das erlösende Wochenende wartet. Und dieses Wochenende kam auch tatsächlich. Alles war so schön, als ich zum ersten Mal wieder mit meinen Freunden dienstags in der Bar saß, wir Trinkspiele spielten, und wir jede zuvor so selbstverständlich gewesene Kleinigkeit betont genossen. Und der darauffolgende Sommer war gut. Im Nachhinein betrachtet sogar ziemlich wundervoll. Natürlich sieht man das auch im Nachhinein immer verklärt, und währenddessen waren wir wohl oft genervt von irgendwas. Aber im Winter, seit zwei Wochen allein in seinem Zimmer sitzend an die Decke starrend, ist es schwer, sich nicht melancholisch in den Erinnerungen des Sommers zu baden. Ein Sommer voller Erdnusseis, Lagerfeuer, süßen Waldblaubeeren, sauren Nachbarn, flachen Witzen über Corona, tiefen Gesprächen über das Leben und die Welt, Küsse mit den falschen Menschen, Küsse mit den richtigen Menschen, Tränen, Lachen, Sonne, Gewittern, wunderbaren Büchern, sehr schlechten Filmen, neuen Anfängen und neue Enden, betrunkene Nächte, verkaterte und nicht verkaterte Tage, an kühlen Gewässern, viel frischer Luft, viel Berliner Luft. Und dann kam der erste Tag, an dem es einfach nicht mehr so warm wurde. Aber da wollte man es noch nicht ganz wahrhaben, und man trug noch immer ein Sommerkleid. Aber an den darauffolgenden Tagen wurde es einem immer mehr bewusst: Es wird Herbst. Und die ersten Wochen des Herbstes fühlten sich an wie die Afterparty des Sommers, mit den noch warmen Tagen und den bunten Blättern, die einen neuen Lebensabschnitt einleiten. Bis es sich uns allen immer unmissverständlicher aufdrängte, dass mehr als nur der Sommer endete. Wir griffen noch panisch nach jeglichen letzten sozialen Interaktionen und Gelegenheiten, Erinnerungen zu schaffen, wie Ertrinkende nach dem rettenden Schwimmreifen, weil wir wussten, dass wir diese (wo es nur ging) in unserem Herzen hamstern müssten für die kommende Zeit. Und dann kam der Winter.

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Phase: Persönliche Stagnation
Mein Horizont ist auf 19 m2 zusammengeschrumpft und meine Lebenslinie reicht von hier bis zum Supermarkt. Gestern hat zum letzten Mal für dieses Jahr die Sonne in mein Zimmer gescheint, weil sie ab jetzt zu tief steht, um mittags über die gegenüberliegenden Häuser zu steigen. Ich fühle mich, als wäre ich abgetaucht und würde jetzt im Dunkeln schweben, bis zu den ersten Strahlen im Frühling, die mir zeigen werden, dass es wieder Zeit ist aufzutauchen. Es fühlt sich an wie eine Winterschlafparalyse, ich bin zwar wach, aber kann mich nicht wirklich bewegen, nur starren und starren, während abgestandene Gedanken durch die Luft wabern. Ich atme sie wieder und wieder ein, durchdenke, und überdenke sie zum hundertsten Mal, und atme sie wieder in den Raum hinaus. Oft mit einem Seufzen, auf das niemand fragt: “Was ist denn los?“, weil da niemand ist. Nur mein Spiegelbild, das mir jeden Morgen mit noch tieferen Augenringen entgegenstarrt. Was Vitamin D ist, weiß mein Körper auch nur noch vom Hören-Sagen. Und von den kleinen Runden im Park vielleicht, zu denen ich mich zwinge, die aber auch von Tag zu Tag kleiner, und von Woche zu Woche weniger werden. Ich bleibe sehr lange wach jeden Tag, und frag mich jeden Tag wozu. Die Wochen vergehen, ohne dass sie sich voneinander in mehr unterscheiden als der Uhrzeit, zu der die Sonne weg ist, und dem zeitlichen Abstand bis, und dann von Weihnachten. Alles läuft einfach gleichförmig so dahin, und man funktioniert einfach, oder auch nicht. Man weiß es nicht so genau. Man weiß eigentlich gar nichts so genau und will auch eigentlich gar nichts so genau wissen. Die Nachrichten über Infektionszahlen, Intensivbetten, (…) will man einfach an seiner verhärteten Hülle abprallen lassen. Man schreibt seltener mit seinen Freunden, weil es nichts, und absolut nichts Neues zu erzählen gibt. Wenn man dann doch mal redet, dann immer im Konjunktiv über eine Zeit, die man haben könnte oder ganz sicher haben würde, oder in der Vergangenheit darüber, wie schön dies und jenes doch gewesen ist. Dann erlebt der Körper kurz eine Abfolge an Emotionen von diesen vorgestellten Imaginationen. Und wenn man das Telefon auflegt, ist man wieder leer.

Phase: Wut und Weltschmerz
Natürlich ist niemand schuld an dem Ganzen, und natürlich sind die gesetzten Maßnahmen absolut gerechtfertigt und gehören ohne jeden Zweifel eingehalten! JA! ICH WEISS DAS! WIR ALLE WISSEN DAS! Aber darf ich nicht einen Moment einfach einmal abgefuckt von der Gesamtsituation sein, anstatt immer stark, verständnisvoll, niemandem auf die Füße tretend, und stets gut gelaunt und wohlerzogen schweigend? Darf ich nicht einfach einmal sagen „es kotzt mich alles gerade an!“? Ich will nicht, dass wir alle sterben, aber ja ich vermisse es zu tanzen. Und ja, ich vermisse es Bier zu trinken in schummrige Bars, obwohl ich kein Bier mag. Und ich vermisse es auf Konzerten zwischen schwitzigen, stinkenden Menschen schon drei Stunden vor Beginn gequetscht zu stehen und ganz knapp nicht zu dehydrieren. Irgendein Arschloch steht mit laufendem Motor vor meinem Fenster in der Straße, und ich stehe extra auf, um zu sehen, wer es ist. Ich Wutbürgerin. Ich würde am liebsten aus dem Fenster schreien: „Mach den Motor aus, du Arschloch!“, aber ich verkneif es mir, weil ich weiß, dass meine Wut vielleicht nur zu 13 Prozent tatsächlich dem Arschloch zusteht, und die restlichen 87 Prozent einfach die Gesamtsituation betreffen. Heute habe ich zum ersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Leben einen Brief von der Kirche bekommen. In dem Brief stand, sie würden mein Jahreseinkommen auf 17.700 Euro schätzen und mir deshalb für ihren Service 137 Euro in Rechnung stellen. Ich war innerhalb einer Sekunde von null auf 180. (Das Auto des Arschlochs vor dem Fenster wahrscheinlich auch) Meine Antwort: „Ich verdiene keine 17.700 Euro, aber wenn, wäre das letzte was ich tun würde Ihrem Verein 137 Euro davon zu überweisen!“ In der automatisch generierten Antwortmail, die ich kurz nach dem Abschicken erhielt, stand: „Grüß Gott! Momentan machen wir ALLE eine schwere Zeit durch. Doch auch in dieser möchten wir für Sie da sein!“ Tja, schade, dass ich erst nach 20 Jahren, wenn es zum ersten Mal um meine Kirchensteuer geht, durch eine automatisch generierte Antwort erfahre, dass da jemand für mich in schweren Zeiten da sein möchte. Stopp. Ich muss mich beruhigen. Aber wie, wenn einem so viel im täglichen Leben begegnet, was einen einfach nur unglaublich wütend macht? Wenn man an manchen Tagen das Gefühl hat explodieren zu müssen, wenn sich die Wände seines Zimmers noch ein paar Zentimeter mehr auf einen zubewegen zu scheinen? Wenn jede neue Schlagzeile aus den Nachrichten wie Benzin in Feuer wirkt. Trump, Corona-LeugnerInnen, ImpfgegnerInnen, VerschwörungstheoretikerInnen, CoronaverleugnerInnen, RassistInnen, die sich nicht als solche erkennen, SexistInnen, die sich nicht als solche sehen, … Man ist oft wütend, aber meistens einfach nur ungläubig. Ungläubig über die Welt und die Menschheit und sich selbst, und eigentlich alles. Ungläubig und unglaublich resigniert. Denn wenn die Wut verpufft, bleibt nichts als Leere und Verletzbarkeit. Und dann fühlt sich die Welt so irreparabel und unbewohnbar an, da draußen, außerhalb des eigenen Zimmers, dass man nicht weiß, wie man „wenn das alles hier vorbei ist“, wieder ganz normal in ihr leben soll. Und man starrt wieder wie davor aus dem Fenster, an die Decke, auf den Boden, und verfällt zurück in die alte Stagnation. Wohl besser nichts fühlen, als alles fühlen manchmal.

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Phase: Unfassbare Dankbarkeit für die kleinen Dinge, die groß sind
Heute hat zum ersten Mal wieder die Sonne in mein Zimmer geschienen. Ich bin zum ersten Mal wieder in eine Buchhandlung gegangen, war ewig dort drin. Der Buchhändler schien sich unglaublich über das zurückgekehrte Leben in seinem Laden zu freuen, und fragte mich nicht nur einmal, ob er mir helfen könne. Ich liebe den Geruch der Bücher, und ich liebe es, wenn sich dann kurz die Türen des Ladens öffnen, und der Stadtlärm die Stille durchdringt, nur um kurz darauf wieder zu verstummen. Und die Stille dann ist so beruhigend weich. Genau wie da, wo ich zum ersten Mal wieder im Museum war, und ich ganz allein (nur „unauffällig“ und mit einigem Abstand von einem Security-Dude verfolgt) durch die Hallen gegangen bin und die einzige Besucherin im ganzen Haus war. Und selten war ich so dankbar, einfach schöne Dinge ansehen zu können. Schöne reale Dinge, abseits von meinem Zimmer oder meinem Computerbildschirm. Und ähnlich schön fand ich auch meine Freunde, wenn ich sie dann manchmal sah, und ich mich fühlte wie ein Kind an Weihnachten. So fühlte ich mich auch, wenn ich die gute Bank im Park ergattern konnte, die mit der längsten Sonnenzeit, oder wenn mir eine fremde Person eines dieser Lächeln schenkt, das sie extra mit zusammen gekniffenen Augen betont, weil man es sonst unter der Maske nicht sieht. Kleinigkeiten wurden groß dieses Jahr, und wahnsinnig wichtig. Denn an ihnen hat man sich entlanghangeln können, und es so wohl irgendwie bis zu diesem Zeitpunkt geschafft. Mal mehr, mal weniger gut, aber doch fast immer für irgendeine Kleinigkeit dankbar.

Phase: Heute, An Dich
In den letzten Tagen fühl mich ein wenig verloren, irgendwie nicht zuordenbar, so irgendwo dazwischen schwebend. Ich bin ein bisschen wütend, ein bisschen traurig, ein bisschen glücklich, und echt dankbar. Irgendwie weiß ich grad nicht so recht, wo und wer ich bin, aber das ist okay. Gerade ist es okay heute einfach mal zu sein, und erst morgen wieder drüber nachzudenken. Oder übermorgen, wenn morgen wieder die Sonne so schön scheint. Ich weiß nicht, in welcher Phase du dich gerade befindest, aber ich hoffe du bist okay. Ich wünsche dir auf jeden Fall das aller Beste. Ich wünsch dir, dass es heut nicht regnet, wenn du keinen Regen magst, und ich wünsch dir ein Lächeln, egal weswegen. Ich wünsch dir, dass du dieses eine Lied findest, das du seit Wochen nicht aus dem Kopf bekommst, aber den Namen nicht kennst und ich wünsch dir ein Stück Kuchen. Ich wünsch dir, was auch immer deinen Tag ein kleines Stückchen besser macht.

Wir schaffen das schon alles irgendwie!

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Bilder: Claudia Ploner