Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

In Porno steckt mehr Yes als No!

Share

Es ist wohl allen bekannt, dass die Pornografie ein sehr umstrittenes Thema ist. Auf der einen Seite die radikalen Gegner*innen wie Catharine MacKinnon, die dieser Industrie den Kampf ansagen. Auf der anderen Seite die sex-positive Bewegung, die zeigen möchte, dass Pornografie auch die Möglichkeit bietet, Sexualität und Geschlechter anders darzustellen. Gemeinsam haben beide „Lager“ zum Glück, dass sie gegen den vorherrschenden Rassismus, Sexismus und die ausgeübte Gewalt in den Mainstream-Pornos ankämpfen. Doch es geht auch anders, und zwar in Form von feministischer Pornografie. Wie Annie M. Sprinkle (Sex-Positive-Visionärin) sagt: „Die Antwort auf schlechte Pornos ist nicht keine Pornos … sondern bessere Pornos!“

Wenn es nach Alice Schwarzer und anderen Feministinnen ihrer Zeit geht, ist die Sache klar: Pornografie ist böse. Im Jahr 1987 veröffentlichte die Zeitschrift EMMA einen Gesetzesentwurf, der Pornografie verbieten sollte. In dem Vorschlag hieß es unter anderem: „Pornografie ist mehr als eine Phantasie oder Idee, sie ist Realität. Pornografie ist Teil der sexuellen Gewalt – eben jener Gewalt, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts die Menschenwürde abspricht und ihre Gleichberechtigung verhindert.“ Auch heute gibt es noch zahlreiche Gegner wie den Verein Fightthenewdrug, die genau diese Meinung teilen. Doch wie jedes andere Filmgenre, ist die Pornografie vielfältig. Eine dieser Facetten beinhaltet sehr fortschrittliche, feministische Projekte und Visionär*innen: Erika Lust, Petra Joy, Annie M. Sprinkle, Jennifer Lyon Bell, Tim Stüttgen, Paul Beatriz Preciado – um nur einige Namen von ambitionierten Regisseur*innen und Aktivist*innen zu nennen. Es ist nicht einfach, die Ziele des feministischen Pornos in wenige Sätze zu fassen, da es so unterschiedliche Strömungen gibt und das filmische Arbeiten an sich so vielseitig ist – dennoch haben wir versucht, es zusammenzufassen.

Was ist nun feministische Pornografie?

Herkömmliche Pornos zeichnen sich durch problematische Darstellungsformen von Sexualität, Diversität und Kreativität aus. In den meisten Mainstream-Pornos werden tatsächliche sexuelle Erfahrungen des realen Lebens ignoriert, marginalisiert oder sogar unsichtbar gemacht. Vor allem Frauen*, Queers, Transmenschen, People of Colour und auch Menschen mit Behinderung erhalten keine ihnen gerechte Positionierung in den Filmen. Die feministische Pornografie arbeitet hier aktiv dagegen und bietet alternative Bildwelten. Es wird nach einem ethischen Verhaltenskodex gearbeitet und es wird die Inklusion von Frauen* und anderen marginalisierten Gruppen als Protagonist*innen gefördert.

Durch die Arbeit der Fädenzieher*innen in der feministischen Pornografie werden neue Blickwinkel abseits einer heteronormativen Ordnung erforscht. Grundsätzlich liegt Alice Schwarzer mit ihrer Kritik nicht falsch, denn meist ist Pornografie von Männern für Männer. Frauen* spielen vor allem als Zielgruppe eine eher untergeordnete Rolle. Sie werden in den meisten Produktionen als bloße Sex- und Lustobjekte dargestellt. Für weibliche Sexualität ist im herkömmlichen Porno kaum Platz. Das alles sind Tatsachen, die man offen ansprechen und kritisieren darf, die man aber auch ändern kann.

Die Produzent*innen feministischer Pornos arbeiten mit viel Liebe zum künstlerischen und visuellen Detail und erforschen die (weibliche) Sexualität in all ihrer Komplexität und Varianz. Das A und O der feministischen Pornografie beinhaltet auch einen expliziten Konsens zwischen den Darsteller*innen, ohne diesen wird kein Film gedreht. Eine faire Entlohnung, stets saubere Sets und die Verfügbarkeit von Safer-Sex-Utensilien stehen genauso auf der Liste wie gegenseitiger Respekt. Gerade in dieser Sparte der Pornoindustrie wird großer Wert auf sichere und angenehme Arbeitsbedingungen gelegt.

Im Gegensatz zum Mainstream-Porno werden die Darsteller*innen am kreativen Schaffensprozess beteiligt. Jede*r einzelne Mitwirkende hat ein Mitspracherecht, damit mit dem Produkt am Ende auch wirklich alle zufrieden sind und ehrlich dahinter stehen können. Zusätzlich geht es darum, die authentische Lust aller einzufangen. Die lustvolle weibliche Sexualität wird gefeiert und die Kamera nimmt die genießenden Frauen und die weiblichen Orgasmen genauso in den Fokus wie die ihrer Partner*innen. Gerade das Arbeiten mit abwechslungsreichen Kameraeinstellungen ermöglicht es, das Liebesspiel in all seinen Facetten einzufangen. Es wird gezeigt, wie der gesamte Körper reagiert und genießt.

Klischee ade

Ein weitverbreitetes Missverständnis hier ist, die feministische Pornografie sei auf den Wunsch nach softeren Bildern und mehr Romantik entstanden. Dies verkörpert eine völlig falsche Darstellung weiblicher Sexualität basierend auf sexistischen Stereotypen „was Frauen wollen“. Das Vorurteil, feministische Pornos seien lediglich Soft-Pornos, ist ganz und gar nicht zutreffend. Feministische Pornografie ist mindestens genauso sexuell, erotisch und lustvoll wie andere Porno-Produktionen. Sie zeigt aber dafür, dass es in Sachen Sex mehr geben kann, als bloßes Rein-Raus – von „starkem Geschlecht“ ist keine Rede. Denn auch die Vorstellungen über männliche Sexualität und Männlichkeit im Allgemeinen sind wichtige Themen, die erforscht und aufgegriffen werden.

Ein weiterer Irrglaube, der demnach schon leicht enkräftet wurde, trotzdem aber noch eigens erwähnt werden muss: bei feministischer Pornografie handle es sich um „Pornos für Frauen“ – NEIN. Diese Filme sind für alle, die gerne Pornos ansehen, ohne dabei ein ungutes Gefühl zu haben, denn das sexuelle Wohlbefinden aller wird gefördert und ein weiteres Repertoire an sexuellen Möglichkeiten wird aufgezeigt. Feministische Pornos können natürlich kitschig sein, aber eben auch nicht und was sie auf keinen Fall sind: unrealistisch, langweilig oder monoton. Sie sind gleichzeitig heiß und sexy und halten unsere Werte hoch.

Schönheitsideale und Frauenbild im feministischen Porno

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass in herkömmlichen Produktionen Frauen* als einfache Sex- und Lustobjekte dargestellt werden und von ihren Mitdarstellern auch so behandelt werden. Die Frauen leiden unter einer falschen Inszenierung – ein übersexualisiertes und herabwürdigendes Frauenbild entsteht. Als wäre dies nicht schon genug, kommt hinzu, dass der Mainstream-Porno viele Menschen eine Art Druck verspüren lässt. Durch die Inszenierung von Körpern, die dem gängigen (bekanntlich sehr umstrittenen) Schönheitsideal entsprechen, wird Frauen* und auch Männern* ein völlig verzerrtes Körperbild vermittelt. Das sexuelle “Durchhaltevermögen” oder auch die vermeintlich immer abrufbare Lust und Leidenschaft der Darsteller*innen baut falsche Vorstellungen von Sexualität auf und der Druck bei den Konsument*innen wird immer größer. Was macht feministische Pornografie anders? Diversität! Female sexuality matters! In den Filmen wird Varietät abgebildet, man sieht Frauen und Männer in dick, dünn, groß, klein, hetero, homo oder queer. Auch wird Rassismus kein Raum gegeben. Von Beschreibungen wie “exotisch”, wird ganz bewusst abgesehen. 

Okay, wir wissen jetzt, dass Porno auch besser geht – aber wo genau finde ich jetzt Input zu feministischen Pornos? 

Other Nature
…hier wird dir eine Auswahl an DVDs mit unabhängig produzierten feministischen Pornos angeboten. In den vorhandenen Filmen wird authentische Lust und Genuss gezeigt. Die dargestellten sexuellen Praktiken, arbeiten aktiv gegen Vorurteile, die sich im Mainstream-Porno so häufig finden lassen.

feuer.zeug
…hier werden dir faire, sichere und feministisch produziere Pornos angeboten. Es werden keine herabwürdigenden, rassistischen, homo-, trans- oder biphoben Darstellungen gezeigt. Es wird mit klaren Verträgen gearbeitet und erst nachdem Darsteller*innen die Filme gesehen haben und ihr Okay geben, werden diese veröffentlicht. 

XConfessions
…hier findest du viele Kurzfilme, in welchen jeder einzelne Film Geschlechterrollen aufhebt. Erika Lust startete das Projekt 2013 um Menschen Raum zu geben, ihre sexuellen “Geständnisse” auszuleben. Heute ist die Seite eine Plattform für Filmemacher*innen, Darsteller*innen und Künstler*innen. Eindeutig zu erkennen ist in jedem Film, dass Frauen*, wie auch Männer* ihre Lust frei entfalten können. 

The Feminist Porn Book, Band 1
…zeigt nicht nur auf wie Feminist*innen Pornografie verstehen, sondern auch wie sie Pornographie machen: wie sie Regie führen oder wie sie als Darsteller*innen, Produzent*innen und Konsument*innen agieren.

The Feminist Porn Book, Band 2
…Produzent*innen, Darsteller*innen, Sex-Aktivist*innen und Kritiker*innen, äußern sich als Autor*innen zum Thema feministische Pornografie. Autor*innen in diesem Band plädieren für eine realistische Darstellung von Lust in der Pornoindustrie. Wichtig ist auch das Recht sexueller Entfaltung – unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder Vorlieben.

Noch nicht genug Input?

Feministische Pornos sind immer mehr im Gespräch und bekommen mehr Ansehen in unserem Umfeld. Kein Wunder, dass sie auch Thema in Podcasts sind. Wir verraten dir, welche Podcast du hören kannst, um weitere Einblicke in das Thema feministische Pornografie zu bekommen.

Vogelperspektive – Pornokonsum und feministische Pornos 
Jules Vogel redet mit ihrem Freund Chris über den Konsum von Pornos, den Einstieg in die feministischen Pornos und was diese besonders macht. Auch stellt sie euch eine weitere Seite für feministische Pornos vor: getcheex.com. Dort findet ihr erotische Filme und Hörbücher, die Seite bietet aber zudem auch lehrreiche Inhalte und Artikel zu verschiedensten Themen an. 

Im Namen der Hose – Porno
Ariane Alter und Linda Becker reden über Pornos. Männer gucken öfter Pornos als Frauen. Aber warum? Sie reden über feministische Pornos und welche Art Pornos sie anmacht. Auch reden sie darüber, dass die meisten Pornos vieles zeigen was geht, aber ganz klar auch meistens nicht realistisch ist.

Feministische Pornos sind die Vorreiter einer verantwortungsvollen Inszenierung vielfältiger Sexualität. Sie zeigen Sex in diversen Facetten und verzichten dabei auf Sexismus, Rassismus, Gewaltverherrlichung und Klischees, in denen ein wenig Stroh und eine Maske bereits zum Koitus führen. Feministische Pornografie beweist, dass weder Pornografie noch Sexualität männlich sind, sondern schlichtweg menschlich. 

Was haben aber Darsteller*innen, Regisseur*innen oder auch Produzent*innen zu diesem Thema zu sagen? Freut euch auf einen zweiten Teil, in dem wir Interviews mit denjenigen führen, die Teil der feministischen Pornografieindustrie sind. 

Text: Nicole Kaßberger, Nadine Schulte

Leave a comment

Add your comment here

Share