Film ab: Comeback für den Kinosaal im Auto

Die Zeitlos/ April 24, 2020/ Trends

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Eigentlich gibt es sie schon länger, aber gerade jetzt in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und fehlendem Kulturleben erleben die Autokinos einen neuen Boom. Die Zeitlos-Redakteurin Bianca erzählt uns von ihrem ersten Besuch in einem solchen Kino in der Nähe von Stuttgart und erklärt auch, warum der Schalthebel dabei nerven kann.

Große Beliebtheit bei Paaren

Bereits 1933 eröffnete Richard Hollingshead Jr. das weltweit erste Autokino in seiner Heimatstadt Camden in New Jersey. Damals verwendete er als Projektionsfläche keine Leinwand, sondern eine große, geweißte Steinmauer. Der Ton kam aus drei verschiedenen Lautsprechern, die noch kilometerweit zu hören waren. In den 1950er und 60er Jahren erreichten die Autokinos Kultstatus und verbreiteten sich immer mehr. Eines der ersten in Deutschland und auch in Europa war das Kino in Gravenbruch bei Frankfurt, wo es zum ersten Mal 1960 eine Vorstellung gab. Zu sehen war der Film „Der König und ich“ mit Deborah Kerr und Yul Brynner für einen Eintritt von 2,75 D-Mark. In Westdeutschland gab es in den 70er Jahren rund 40 solcher Drive-in-Kinos. Davon sind bis heute nur noch knapp über zehn übriggeblieben. Großer Beliebtheit erfreuten sich diese Spielstätten vor allem bei Paaren, die allein sein wollten. Ungestörtes Reden, Kichern und Knutschen ohne Blicke von den Sitznachbarn, so stellt man sich die Vorteile der Zweisamkeit im Auto gegenüber dem Kino, wie wir es kennen, vor.  

Sofa- und Kinoflair auf einmal

Bei der Zeitlos-Redakteurin sorgte eine Spinne im Auto, die über die Scheibe krabbelte, für kurze Aufregung. Außerdem störte die Schaltung beim Sitzen: „So richtig direkt nebeneinander sitzen wie im Kino kann man nicht, weil diese im Weg ist“.  Für das Sofaflair sorgen die bequemen Autositze, da man so halb liegen und seine Füße hochlegen kann. Das sei fast so wie daheim auf dem Sofa. Nachos und Getränke müssen nicht überteuert am Kiosk gekauft werden. Im Autokino ist in Zeiten von Corona meistens nur die Selbstversorgung möglich. So kann man laut seine mitgebrachten Nachos verputzen und schamlos an der Limo oder Cola schlürfen. Das spart auch böse Blicke anderer Zuschauer, die sich durch den Lärm belästigt fühlen. Der Kinobesuch war mit acht Euro für ein Ticket preiswert. „Dazu kommen noch die Spritkosten für die Anfahrt“, fügt sie hinzu. In Zeiten von Social Distancing genoss sie es, überhaupt mal neben dem Einkaufen aus dem Haus zu kommen.

„So richtig direkt nebeneinander sitzen wie im Kino kann man nicht, weil die Kupplung im Weg ist“

Bianca

Mal richtig die Füße ausstrecken, das geht unbeschwert im Autokino.

Filmton wird über FM-Frequenz übertragen

Bianca fühlte sich zu jeder Zeit sicher und hatte nicht das Gefühl, einer Infektion ausgesetzt zu sein: „Unser Ticket hatten wir als QR-Code auf dem Handy, welcher durch die geschlossene Scheibe durchfotografiert wurde. Zudem blieben die Scheiben der anderen Gäste den ganzen Abend unten.“ Da die Leinwand so groß war, standen sich die Autos nicht im Weg und sie hatte eine gute Sicht. Der Film „Nightlife“ begann um 21 Uhr. „Die Filme können erst später gezeigt werden, sobald es dunkel ist“, erklärt sie. Den Filmton empfangen die Besucher übrigens nicht wie beim ersten Kino dieser Art über riesige Lautsprecher, sondern über den FM-Radio im Auto.  Da der gezeigte Film leichte Kost war mit eher flachen Witzen, konnte sie sich gut im Auto unterhalten, was im normalen Kino so nicht möglich gewesen wäre.

Empfehlenswert – aber schnell sein beim Ticketkauf 

Das Autokino bei Stuttgart gehört neben denen in Essen und Köln zu den wenigen, die wegen der aktuellen Einschränkungen überhaupt noch geöffnet sein dürfen.  In der Schweiz sind die Kinos sowie das einzige Österreichs in Wien auch wegen Corona geschlossen. Doch zurzeit erleben sie eine regelrechte Renaissance und es entstehen provisorische Kinos. Den Filmabend der besonderen Art kann Bianca weiterempfehlen, betont aber gleichzeitig, dass die vielen Autos um einen herum schnell ablenken können. „Zwar mussten alle Autos das Licht ausschalten, aber trotzdem sieht man mehr um sich herum als nur einen schwarzen Hintergrund wie im Kino.“ Ab und zu sei das Licht von einem Auto angegangen, was natürlich gestört habe. Allerdings seien Mitarbeiter über den Platz gelaufen, um die Fahrer darauf aufmerksam zu machen oder das Licht abzudecken. Zu guter Letzt gibt sie zukünftigen Besuchern dieser Kinos noch einen Tipp und empfiehlt ihnen, rechtzeitig die Tickets zu buchen. Schon kurz nach Verkaufsstart am Wochenbeginn waren bei ihr fast alle Tickets für die ganze Woche ausverkauft. 

Text: Jan Goller

Titelbild von Bernd Schray auf Pixabay

Bild: Bianca Brodbeck

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