Abhängen auf die etwas andere Art!

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Wem von Blut schlecht wird und wer Angst vor Nadeln hat, wird bei dem 33 Jahre jungen Brasilianer an sein*ihr Limit getrieben. Selbst für abgehärtete Konsorten reizt der Bodymodification Artist und Piercer Binho Barduzzi die Grenze von Schmerz und Ratio aus. Besonders für Individuen, außerhalb der Tattoo- und Bodymodification Szene, ist Binhos Arbeit unverständlicher Irrsinn. In einem Gespräch mit dem charmanten Südamerikaner versucht die Zeitlos einen Einblick in den vermeintlichen Wahnsinn und den Hintergrund seiner Passion zu gewinnen und wird von einer positiven, vielleicht etwas verrückten Persönlichkeit überrascht.

Body Suspension ©Binho Barduzzi

Zugegeben, schon Binhos Erscheinungsbild legt die Vermutung nahe, dass er wohl kaum als neuer Kundenberater bei der Bank deines Vertrauens am Schalter steht. Seinen kahl rasierten Schädel zieren mehrere Tattoos, sowohl in seinen Ohren als auch in seiner Nase befinden sich zentimetergroße Tunnel und seine ehemaligen weißen Augäpfel sind pechschwarz. So streift er nun als etwas düster wirkende Gestalt durch die oberbayrische Kleinstadt Landsberg am Lech und zieht die Blicke ihrer Bewohner auf sich. Der normalerweise in Lissabon wohnende Bodymodification Artist, hat inzwischen in dem bayrischen Studio „22 Skin Art“ ebenfalls einen Platz gefunden, wo er Nasen durchlöchert und Zungen spaltet. Doch abgesehen von dem neckischen Nasenpiercing für die Allerweltsstudentin, hat er noch ganz andere Angebote im Repertoire. Dazu zählen neben den bereits recht bekannten Bodymodifikationen, wie subdermalen Implantaten und gespaltenen Zungen, auch Dinge wie Scarification und Body Suspension.

Heutzutage ist Bodymodification kein unbekannter Begriff mehr und nahezu jeder kam, sei es durch die Medien oder durch Bekanntschaften, schon einmal damit in Berührung. Doch bei den Begriffen wie Scarification und Body Suspension ploppen bei vielen Menschen noch Fragezeichen über den Köpfen auf. Diese Praktiken gehen in der Geschichte jedoch weiter zurück, als man vielleicht annehmen mag. Vor allem Scarification, das gezielte Zufügen von Narben, ist bereits bei mehreren Urvölkern als Schönheitsideal verbreitet und barg, abgesehen davon, bedeutende Funktionen. Diese Narben dienten als Erkennungsmerkmal von bestimmten Stämmen und Klassen oder spiegelten den Charakter einer bestimmten Person wieder. Auch wurden diese Narben benutzt, um seine*ihre aktuelle Phase im Leben zu visualisieren. Bei Scarification werden mittels Skalpell Muster und Motive in die Haut geschnitten und je nach Motivwunsch müssen ganze Hautpartien ausgeschabt werden. Bei dem Prozess handelt es sich um eine sehr schmerzhafte und blutreiche Angelegenheit, weswegen viele Bodymodification Artists sogar ein Lokalanästhetikum benutzen.

Scarification ©Binho Barduzzi

Body Suspension hingegen hat ihren Ursprung in religiösen Riten und wurde hauptsächlich von bestimmten Stämmen der Prärieindianer, wie zum Beispiel den Lakota und Sioux, aber auch von hinduistischen Sekten praktiziert. Dabei werden größere Haken, auch Piercing genannt, durch die Haut gestochen und anschließend tanzt die „gepiercte“ Person in einem Ritual an den befestigten Haken bis die Haut durchreißt. Bei anderen Formen des Piercings oder der Body Suspension werden die Teilnehmer an diesen Haken aufgehängt und verbleiben teilweise bis zu Stunden in diesem Schwebezustand. Die Empfindung der dabei entstehenden Schmerzen wird unterschiedlich wahrgenommen. Meistens jedoch wird es als ein brennendes Ziehen, aufgrund der extremen Dehnung der Haut, beschrieben. Vor 14 Jahren, als Binho Barduzzi damit anfing, war Body Suspension kaum verbreitet. Deshalb führte er die ersten Versuche an sich selbst durch, wovon er immer noch die Narben an seinen Knien trägt. Im Gegensatz zu den religiösen Riten, bei denen die Piercings hauptsächlich in der Brust oder dem Rücken befestigt werden, werden innerhalb der Bodymodification Szene die Teilnehmer auch an den Beinen, Knien, Armen oder sogar am Hals aufgehängt.  Inzwischen ist die Community deutlich gewachsen und er führt fast wöchentlich Suspensions durch. Unter anderem ist er auch auf diversen Body Suspension Festivals vertreten. Binho erklärte, dass es in den letzten Jahren hauptsächlich durch die sozialen Medien leichter geworden ist, Gleichgesinnte zu finden und sich mit diesen auszutauschen. Das bestätigt auch sein voller Terminkalender, laut dem einige Damen und Herren mit seiner Hilfe ihre Seele baumeln lassen wollen.

Body Suspension ©Binho Barduzzi

Der religiöse Hintergrund von Body Suspension lässt sich vor allem in Heilungs-, Buße- und Verehrungsritualen finden, bei denen versucht wird, sich in einen meditativen Trancezustand zu versetzten. Manche der uralten Rituale, die das Piercing oder Body Suspension enthalten, gehen über mehrere Tage, bei denen zusätzlich auf Nahrung verzichtet wird. Durch die Simulierung eines Nahtodzustand erhoffen sich die Teilnehmer Visionen und können mit ihrer spirituellen Welt kommunizieren.         

Binhos Erfahrung nach stellt sich das Brennen bei seinen Kunden relativ schnell ein und nur wenige leiden unter extremen Schmerzen während des Prozesses. Er selber beschreibt es als Gefühl von Freiheit und Euphorie, weswegen es bei ihm und auch bei zahlreichen anderen nicht bei einem Versuch bleibt. Die Beweggründe innerhalb der Bodymodification Szene sind recht unterschiedlich. Body Suspension, aber auch andere Bodymodifikationen, dienen der Individualisierung, dem künstlerischem Interesse, dem Spirituellen oder auch der Ausreizung physischer und psychischer Grenzen. Binho Barduzzi gibt zu, dass diese Praktiken durchaus ein Sucht-Potential beinhalten und dass der Kick jedes Mal ein Stückchen extremer sein muss.

Die geschichtlichen Hintergründe der verschiedenen Praktiken und Riten sind wissenswert, jedoch sollte man vorsichtig damit sein, sein Handeln darin zu begründen. Denn das Aufhängen einer Person für ein Musikvideo, sollte nicht mit einer tiefverwurzelten, religiösen Praktik, mit wochen- teilweise jahrelange Vorbereitung, verwechselt werden. Deshalb wurden auch traditionelle Riten der Prärieindianer, welche das Piercing beinhalten, für Außenstehende verboten und wollen sich damit von der in der Bodymodification entstanden Body Suspension abgrenzen.

Gespaltene Zunge ©Binho Barduzzi
Implantat ©Binho Barduzzi
Binho Barduzzi
©Lisa Marie Hartge

Titelbild: Binho Barduzzi

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