IMHO #41 – Wenn Tolerante intolerant werden

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Wo liegt die Grenze der Toleranz? Gibt es eine solche Grenze überhaupt? Wie tolerant darf man mit Nazis sein? Mit Rassisten? Mit Machos? Oder gilt die Devise: intolerant gegenüber Intoleranz sein? Quasi den „Nazis aufs Maul geben“? Man möge mich naiv nennen, aber es gibt keine Grenze für Toleranz, sofern nicht die Grenzen des Rechts überschritten werden. Auch sollte man immer den Kontext berücksichtigen, um in Erfahrung zu bringen, warum diese Person so ist wie sie ist. Denn als Nazi wird man ja nicht geboren.

Es braucht mehr Toleranz, auch gegenüber Intoleranz.

Ich verabscheue Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Ich kaufe keine (Fertig)Produkte mit Eiern mehr, in denen nicht explizit erwähnt wird, dass die Eier aus Freilandhaltung kommen (danke, Y-Kollektiv). Ich bin überzeugt, dass es noch keine wirkliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und umgekehrt gibt. Ich lehne jegliche Form des Nationalismus ab. Ich fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad. Ich bin für offene Grenzen. Ich sagte auch schon mal, dass Eltern, die ihre Kinder nicht Impfen lassen, das Sorgerecht verlieren sollten. Und trotzdem: Ich würde mich als toleranten Menschen bezeichnen, der auch politisch und kulturell Andersdenkenden nicht ihre Existenzberechtigung streitig macht. Ich bin wohl das,was viele als links-liberal bezeichnen würden. Und aus diesem Verständnis heraus meine ich, wie gesagt, eben ein sehr toleranter Mensch zu sein.

Wo die Toleranz aufhört

Man kann über alles Sprechen, man muss sogar über alles Sprechen können – davon bin ich überzeugt. Genau diese Überzeugung fehlt vielen meiner Ähnlichgesinnten. In diesen, meinen Kreisen scheint es ganz normal zu sein, Menschen mit anderen Wertvorstellungen, mit anderen gesellschaftlichen Ansichten, mit Spott und Hohn bis hin zu Hass und Verachtung zu begegnen. Jene, die sich selbst als so tolerant und offen zeigen, haben kein Verständnis für Andersdenkende, für weniger Tolerante. Man spricht nicht mit diesen Menschen, sondern nur noch zu ihnen oder über sie. Wer sich nicht vegan ernährt, nicht die Abfahrtszeiten der Busse auswendig kennt, nicht mindestens einem Flüchtling mal die Hand geschüttelt hat, nicht an wenigstens einer Demo gegen eine Regierung teilgenommen hat oder sich nicht für die Umwelt engagiert, der ist für diese Leute ein Unmensch, hat kein Recht Teil der Gesellschaft zu sein. Tolerant ist man nur gegenüber dem eigenen Milieu, oder wie es heute heißt, gegenüber der eigenen Blase.Wer Hass mit Hass kontert generiert nur noch mehr Hass. Im Eifer des Gefechts, v.a. in sozialen Netzwerken, mag es ja noch verständlich sein pauschal alle als Nazis zu diffamieren, die nicht die eigene Meinung teilen, zumal das Gegenüber in der Regel ja wirklich nicht zimperlich mit der Wortwahl ist. Aber gerade deshalb sollte man sich in Kontenance üben und zwei Mal überlegen bevor man auf die Enter-Taste drückt.

Man sollte lernen darüber zu stehen und nicht über jeden Stock zu springen, der einem vorgehalten wird. 

Die Argumente für vegane Ernährung oder für die Reduzierung von CO2 sind ja gut und richtig. Das ist rational betrachtet einfach so. Doch werden diese Argumente nicht vernünftig kommuniziert. Man schaut von oben herab auf die anderen Menschen. Wenn jemand freudig sagt, er sei heute mal mit dem Bus zur Arbeit gefahren, hört dieser nur, dass dadurch die Welt nicht gerettet werde, wenn er sonst immer mit dem Auto fahre. Warum kann man sich nicht freuen und sagen „super, dass du heute Mal mit dem Bus gekommen bist. Das nächste Mal können wir ja gemeinsam mit dem Bus fahren.“ Das wäre doch nicht so schwer und man könnte dadurch wohl auch mehr erreichen, als wie mit dem moralischen Zeigefinger auf die Person zu zeigen.

Respektvoller Umgang wirkt

Dies wurde mir erst kürzlich wieder ganz konkret vor Augen geführt. Nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Kürzung der Mindestsicherung für Asylberechtigte in Oberösterreich gekippt hatte, echauffierte sich ein gewisser Herr K. unter der entsprechenden Meldung der Zeit im Bild (ZIB) auf Facebook darüber, dass der EuGH vorschreibe was Österreich tun und lassen sollte. In den Reaktionen unter diesem Kommentar ging es dann los: Herrn K. wurde vorgeworfen nicht zu denken; er sei ein Amateur,wurde ihm gesagt; ihm wurde nahegelegt sich zu bilden und zwischen den Zeilen wurde ihm Dummheit unterstellt. Einem anderen schauderte es sogar, dass „solche Leute“ wahlberechtigt sind. Wie viel Verachtung kann man anderen gegenüber empfinden? Herr K. reagierte natürlich darauf und spottete zurück. Es wurde mit Herrn K. also nicht diskutiert, sondern es wurde vom „hohen Thron der Weisheit“ zu ihm gesprochen wie mit einem Untertan, der nichts richtig mache. Und Herr K. verschloss sich dem, war nicht zugänglich.

Auch ich beteiligte mich an dieser „Diskussion“. Klammer auf: ich bin selbst jemand, der oft ironisch kommentiert und eine Aussage als lächerlich abstempelt. Ich bin also nicht frei von Fehlern. Man möge deshalb mit Steinen nach mir werfen. Klammer zu.

Jedenfalls versuchte ich in diesem Fall zu erläutern und anhand eines Beispiels aufzuzeigen, dass der EuGH sich nicht in nationale Angelegenheiten einmischt, aber sehr wohl, wenn EU-Recht verletzt wird. Und siehe da: Herr K. bedankte sich für die Erklärung. Was zeigt uns das? Herr K. ist weder dumm noch sollte man ihm sein Wahlrecht streitig machen. Er ist zugänglich für Meinungen, wenn diese vernünftig kommuniziert werden und wenn eine Aussage richtig gestellt wird. Ein Austausch funktioniert also tatsächlich, wenn man respektvoll und auf Augenhöhe kommuniziert.

Der Kommentar von Herrn K. und einige der Reaktionen darauf (Screenshots).

Und das lässt sich wohl überall umsetzen. Muss man wirklich jemanden als Nazi bezeichnen, nur weil diese Person für die konsequente Abschiebung von Geflüchteten eintritt? Beleidigt man dadurch nicht vielmehr jene, die wirklich unter dem Nationalsozialismus zu leiden hatten? Und vor allem ändert diese Person ihre Meinung, wenn man sie als Nazi beschimpft? Wird diese Person dadurch nicht vielmehr zugänglicher für extremere Positionen, weil sie in solchen Kreisen „sowas noch sagen darf“? Ändert eine Mutter, die ihr Kind nicht impfen lassen will, ihre Meinung, wenn ich ihr das Kind wegnehmen will? Eher unwahrscheinlich.

Intoleranz mit Toleranz vergelten

Kommen wir also bitte von unserem hohen Thron herunter. Nur weil andere intolerant sind heißt das nicht, dass man nicht trotzdem tolerant mit diesen Menschen umgehen kann. Zeigen wir also der Intoleranz, dass Toleranz wirkt. Außerdem trifft man irgendwann ohnehin jemanden, der es besser weiß als man selbst. Möchte man von dieser Person dann auch nur verspottet werden? Wie sagte einst schon ein großer Denker: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Und wer hier bitte will von sich selbst behaupten mehr zu wissen als Sokrates?

Sei wie ein Frosch.

Titelbild: „Menschen“ von StockSnap via Pixabay unter CC0;

Bilder: „Integration“ von geralt via Pixabay unter CC0; „Kein Hass“ von Alexas_Fotos via Pixabay unter CC0

#IMHO – In My Humble Opinion – Meiner bescheidenen Meinung nach#

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