(IMHO #37) Der blaue Dunst in blauen Köpfen

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Heute hätte ein schöner Tag werden können. Österreich hätte zeigen können, dass sie eine aufgeklärte und moderne Republik ist. Der Alpenstaat hätte es seinen Nachbarstaaten gleichtun können und ein Rauchverbot in der Gastronomie durchsetzen können. Doch türkis-blaue Gestalten haben dies verhindert. Dadurch bewiesen sie eins ums andere Mal, dass Österreich nicht nur hinterm Mond, sondern in einer fernen Galaxie zu leben scheint.

Fast jeder vierte Österreicher raucht täglich.

 

Auf den ersten Blick mag es wohl durchaus Wichtigeres geben, als das Thema Rauchen. Zumal dieses in regelmäßigen Zeitspannen immer wieder hochkocht. Es ist aber ein Thema, über das es sich wunderbar streiten lässt. Und es geht immerhin um nichts weniger als um die Gesundheit der Bevölkerung. In fast jedem europäischen Land gibt es Rauchverbote. Manche haben ein sehr strenges Regelwerk, manche gehen lockerer damit um. Zu den letzten zählt auch Österreich. Zwischen den Bergen raucht etwas mehr als 24 Prozent der Bevölkerung. Täglich. Nur in China, Ungarn, Griechenland, Türkei und Indonesien wird mehr gequalmt. Und jährlich sterben bis zu 14.000 Österreicher an den Folgen des Rauchens. Hinzu kommen jährlich rund 1.000 Österreicher, die in Folge des Passivrauchens unverschuldet sterben.

Jährlich sterben in Österreich rund 15.000 Menschen durch Zigarettenrauch.

 

Das neue Gesetz ist ein Witz

Das geplante generelle Rauchverbot in der Gastronomie, das heute, am 1. Mai 2018, in Kraft hätte treten sollen, wurde vor einigen Monaten von der neuen österreichischen Bundesregierung derart abgeschwächt, dass das neue Gesetz eigentlich ein Witz ist. Zwar wurde das Mindestalter, ab dem das Rauchen erlaubt ist, von 16 auf 18 Jahre angehoben (was auch Zeit war) und in Autos darf von nun an nicht mehr geraucht werden, wenn Minderjährige sich im Wagen befinden (was für eine Errungenschaft). Aber in Lokalen darf weiterhin vor sich hin gequalmt werden.

Obwohl Gesundheitsexperten dagegen sturmlaufen. Auch die fast 600.000 Unterschriften, welche die Ärztekammer, die österreichische Krebshilfe, die Universitätsklinik Graz sowie die Medizinische Universität Graz gegen die Aufhebung des Rauchverbots gesammelt hatten, nutzten nichts. Die türkis-blaue Mehrheit im Nationalrat ließ sich nicht davon beeindrucken. Während die „neue“ ÖVP unter Bundeskanzler Sebastian Kurz nach ihrem Rückgrat suchen muss, welches ihr auf wunderliche Weise abhanden gekommen zu sein scheint, feiert sich die selbst ernannte blaue Sicherheitspartei. Dabei scheint den Freiheitlichen die Sicherheit der österreichischen Grenze wichtiger zu sein, als die Sicherheit bzw. die Gesundheit der innerhalb dieser Grenze lebenden Menschen.

Nun kann jeder zu dieser Thematik stehen wie er will. In einer demokratischen Gesellschaft sind unterschiedliche Meinungen wichtig. Auch kann jeder für sich selbst entscheiden, ob er statistisch früher sterben will oder nicht. Aber bekanntlich hört die Freiheit des Einzelnen dort auf, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Und als Nichtraucher hat man das Recht ungestört vor stinkenden Krebsursachen sein Feierabendbier zu schlürfen. Es geht nicht darum, dass das Rauchen verboten werden soll. Denn mit dem ursprünglichen Gesetz hätten Raucher ja weiterhin außerhalb der Gaststätten ihren blauen Dunst in den Himmel stoßen können. Aber es geht bei all dem nicht direkt um sie, den Rauchern.

Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

 

Was alles möglich ist

Vordergründig geht es darum keine Anreize zum Rauchen zu geben. Es wurde in dieser Hinsicht schon einiges getan. Aber viel zu wenig. Und ein Rauchverbot in Gaststätten ist dabei noch eine milde Idee. Man könnte sich direkt wundern, was alles möglich ist. So könnte, wie etwa mancherorts in Kanada, das Rauchen generell im Freien oder in Wohnungen verboten werden. Als ersten Schritt könnte man ein Rauchverbot auf Spiel- und Sportplätzen sowie in öffentlichen Schwimmbädern und in deren unmittelbaren Umgebung einführen. Auch ein Rauchverbot bei öffentlichen Veranstaltungen wäre begrüßenswert. Später könnte man diese Verbote auf Parks und sämtliche Grünanlagen ausweiten. Und irgendwann könnte man das Rauchen dann gänzlich aus dem öffentlichen Raum verbannen.

Auch sollte eine Packung Zigaretten weit mehr als die läppischen paar Euro wie hier in Österreich kosten. Die Wirtschaftswissenschaftler Michael Adams und Tobias Effertz haben für Deutschland errechnet, dass eine Packung Zigaretten 11,30€ kosten müsste, um die Gesundheitskosten der Raucher zu decken, die derzeit die Allgemeinheit bezahlt. Ähnlich könnte es wohl auch in Österreich aussehen. Ein solcher Preis wäre wünschenswert.

All dies würde dazu führen, dass das Rauchen als Charakterschwäche, als schlechtes und rücksichtsloses Benehmen gebrandmarkt werden würde. Und genau das sollte das Ziel sein. Denn die Gesundheit ist einfach zu kostbar, um sie für politisches Kalkül zu opfern.

Zigaretten müssten viel mehr kosten, damit die Kosten gedeckt wären.


Fotos: Christina Vettorazzi; Zigarette von ColiN00B via Pixabay unter CC0

Titelbild: Zigarette von Alexas_Fotos via Pixabay unter CC0 

#IMHO – In My Humble Opinion – Meiner bescheidenen Meinung nach#

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