(IMHO #36) Tittenknast? Nein Danke!

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Es ist 1976, deine Freundin ist weg und bräunt sich, in der Südsee und das ziemlich sicher ohne BH. Ach, wie schön, es gab sie schon einmal: Zeiten der Freiheit für die Brüste dieser Welt. Froh und glücklich konnten sie durch die Hippie-Gesellschaft baumeln, abseits von Vorurteilen und höchstens begleitet von den schiefen Blicken strenger Schulmediziner mit tief sitzender Brille und erhobenem Zeigefinger, denen die panische Angst um das Bindegewebe ins Gesicht geschrieben stand.

 

Sind sie Schuld daran, dass wir uns heute wieder diese unbequemen Gestelle umschnallen? Denn unbequem, das sind sie ohne Zweifel. Welche Frau kennt es nicht, das Gefühl, nach einem langen heißen Tag endlich die Schnalle zu lösen, den BH in die Ecke zu schleudern, sich auf die Couch zu werfen und endlich wieder tief durchzuatmen? Und das Pieksen und Stechen der Bügel – wer kam überhaupt auf die Idee, sich Drahtbügel unter die Brust zu schnallen?! Ja genau, die alten Griechen. Okay, Drahtbügel waren es damals noch nicht direkt, aber es war der Beginn einer jahrhundertelangen Unterdrückungsgeschichte.

Dieses Gefühl nach einem langen, heißen Tag…

Ich staunte nicht schlecht, als ich im Wikipedia-Artikel über die Geschichte des BHs das Wort „Radiokarbondatierung“ fand, das ich sonst nur aus dem Studium kenne – zur Altersbestimmung von Gestein. Im Schloss Lengberg in Osttirol hat man ca. 600 Jahre alte BHs gefunden, aus Leinen und teils sogar mit Spitze! Anscheinend setzten die sich aber erstmal nicht durch und die Frauen trugen einfache Unterhemden. Ab 1800 kam man dann auf die clevere Idee, die Brustwarzen mit wattierten Polstern in den Unterhemden vor der restlichen Welt zu verstecken, und das war wohl die vorläufige Beerdigung der weiblichen Brustwarze. „Brustverschönerer“ nannte man die Dinger – Äh, wie bitte?! Wenn ich mir einen Müllsack überstülpe nennt das doch auch niemand „Studentenverschönerer“. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurden unzählige Patente auf verschiedenste Arten von BHs angemeldet, aus Gürteln, verstellbar, an der Hose befestigt, und was noch nicht alles…

Weg damit!

Auch wenn sich einem beim Gedanken an einen BH aus Gürteln sämtliche Haare aufstellen , viel besser als damals ist es heute auch nicht. Wie kommt es denn, dass man für einen „bequemen Wonderbra“ ungefähr dreimal so viel zahlen muss wie für einen stinknormalen Drahtbügel-BH? Ständig fällt der Modeindustrie ein, Hups!, dass es unbedingt einen supersexy Lingerie Star-Wonder-Bra braucht. Und hey, es kann doch nicht sein, dass die moderne Frau immernoch mit „ungesunden“ BHs rumläuft. Sie sollte lieber unbedingt diesen supergeilen Gummi-Feelfree-Strapless-BH tragen, damit sie auch die Männer mit sexy rückenfreien Kleidchen betören kann. Ach ja und ganz nebenbei fällt uns dann noch ein, dass wieder mal eine BH-Moden-Revolution fällig ist. Zugegeben, wer ein Kilo Silikon mit sich rumschleppt, der braucht wahrscheinlich auch Unterstützung dabei. Ich geh mal kurz kotzen.

Es wird Zeit, dass frau sich nicht mehr dazu berufen fühlen muss, ihre Brüste in Plastikschalen zu verpacken wie zwei matschige Bio-Kakis aus dem Hofer!

 

Warum hat sich denn noch nie jemand dafür eingesetzt, Frauenbrüste mit Männerbrüsten gleichzusetzen?! Denn nackte, schwabbelige Männerbrüste sind wohl eher selten schön anzusehen (sorry, Leute), aber trotzdem zwingt sie niemand, BHs zu tragen. Dabei ist es medizinisch gesehen bei Männerbrüsten genauso nötig wie bei Frauenbrüsten, sie beim Sport zu unterstützen.

 

Ja, es wird also wirklich Zeit, liebe Frauen! Zieht aus, was ihr unbequem findet und an, was ihr bequem findet. Das Einzige was sexy ist, seid ihr und nicht eure BHs! Außerdem: das Herumgefummel an den viel zu komplizierten Rückenverschlüssen hat sicher noch nie jemandem ernsthaft Spaß gemacht. Nein, auch nicht dem Schulmediziner mit Bindegewebe-Sorge.


# IMHO – In My Humble Opinion – Meiner bescheidenen Meinung nach #

Fotos: Die Zeitlos

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