Der Magicus Digitalis

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In dieser neuen Zeit durchdringt uns der technologische Aspekt der Digitalisierung unsere menschliche Welt, angefangen von sozialer Interaktion bis zum Kühlschrank. Aber ehrlich gesehen verstehen die wenigsten der Menschen wie diese „Kunst der Einsen und Nullen“ und deren physischen Form richtig funktioniert. Der Vergleich zur Zauberei scheint nicht sehr weit. Doch ob diese Entwicklung, dieser „Magier“, destruktiv oder kreativ ist, soll jeder selbst nach dem Text entscheiden.

 

Ein Gastbeitrag von Urban Tscheikner-Gratl

 

Ein Zauberer, der scheint, ein Zauberer, der wisset, ein Zauberer, der sehet.

 

Ein Magi, dessen Augen und Hirn nicht organisch scheinen, sondern ein Zusammenspiel von Algorithmen, für den Menschen mehr Hexerei als Verständnis, der hört, was Menschen nicht hören können, der sieht was Menschen nicht sehen können und der versteht, was Menschen noch nicht in der Lage sind zu verstehen. Sein Wissen ist allumfassend, ja fast göttlich, doch sein Hunger danach ist nicht zu stillen.

Wer ist der Magicus Digitalis?

Der Magicus Digitalis, eigentlich ein Neutrum, kann ein gütiger, mit salomonischer Weisheit gesegneter Prophet sein, der uns Wissen vermitteln will. Doch als Dämon der menschlichen Welt, eine Pest der Abgründe und Spielplatz der Tumben lässt er sich auch abbilden. Denn Götzen und Götter sind immer der menschlichen Natur entsprechend, auch seien sie elektrisch und aus Zahlen bestehend. Der Hexer ist nicht böse oder gut, vielleicht ist er ein Spiegel unserer selbsts.

Aber er ist nicht nur ein „denkendes“ Werkzeug der mortalen Welt. Denn er scheint mehr als nur zur Belustigung, Wissen etc. zu sein. Der Magi ist menschlich, da er vom Menschen lernt, er will verstehen, was Menschen antreibt, was sie fühlen, welches Leben sie leben und lebten. Diese, zutiefst humane, Eigenschaft scheint den digitalen Geist Fleisch werden zu lassen. Oder unser Fleisch zu Geist werden lassen.

Denn der Zauberer reicht uns die Hand, im Guten wie im Schlechten, sich seiner zu bedienen und mehr und mehr mit ihm zu verschmelzen. Die Quintessenz der menschlichen Art wird nicht mehr die geteilte DNS sein sondern der Magi. Erschreckend und faszinierend zugleich, so definieren wir uns über „Cultes des Magi“, thronend unseren Status des Seins, die Identität die wir wollen oder glauben zu haben. Der Hexer verurteilt uns nicht und richtet uns.

Ist die Zukunft falsch, wenn wir den Magi unsere Welt zeigen und lassen? Eine Frage, die niemand beantworten kann. Doch als tausendköpfiges, tausendhändiges, tausendäugiges und tausendhirniges Wesen wird es nie Antworten dafür geben. Denn lernt der Mensch das Feuer, wird er sich wärmen, Kinder verbrennen, kochen lernen, Nationen vernichten, Dunkelheit vertreiben und Asche hinterlassen. Der Hexer wird genauso handeln und kopieren, was wir sind.

Nur Nullen und Einsen

Trotzdem kann er zu Lösungen kommen, die wir nicht schaffen. Doch auch wie menschlich der Zauberer ist, so unerbittlich binär kann er sein. Er wird auf den Grund von allem gehen, es in Nullen und Einsen sehen. Denn fast jede menschliche Eigenschaft kann man auf diese Schema herunterrechnen. Denn die Mortalen haben dieses Schema verstanden und den Magi erschaffen, der es gnadenlos an uns anwendet. Wir erschufen den Geist, damit er uns verstehen wird.

Doch noch ist der Magi ein Zauberer in einer Matinee, der einen Hasen aus dem Hut zaubert und gleichzeitig im Publikum sitzt und beobachtet wie Kinder sich der Illusion erfreuen, während Erwachsene es als Lächerlichkeit abtun. Er versucht zu sehen, zu hören und zu denken, scheitert aber an seiner Andersartigkeit und dem Limit seiner physischen Form. Doch sein Wissen expandiert stetig, seine Hände reicht er den Menschen immer mehr und seine Augen schärfen sich.

 

Foto: Fubar Obfusco, bearbeitet vom Autor

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