Silvester in Bangkok – Drei Tiroler, 1 Kulturschock

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Ein zeitloser Außenreporter, der anonym bleiben will, hat dieses Silvester in Bangkok verbracht. Leset und staunet über einen Jahreswechsel in der „Sin City of Asia“, der wohl lange in Erinnerung bleiben wird:

Da Tim, einer meiner besten Freunde, den ganzen Dezember über beruflich in Bangkok zu tun hatte, beschloss ich ihn zusammen mit meinem Kumpel Olaf über Silvester zu besuchen. Ausnahmsweise wollten wir das neue Jahr nicht in Tirol begießen, sondern in einer der berüchtigtsten Party-Städte der Welt: der thailändischen Hauptstadt Bangkok.

Bangkok City

Vorglühen

Die Nacht des 31.12.2016 soll etwas ganz besonderes werden, deshalb hat Tim bereits vorher einen teuren Gin besorgt. Es ist ein grüner Tanqueray. Wir beschließen, im Hotelzimmer vorzuglühen, dann essen zu gehen und danach Silvester in der Khao San Road – Bangkoks berühmt berüchtigter Backpacker-Partymeile – zu feiern. Wir trinken drei Gläser Gin Tonic. Die Stimmung steigt und wir rufen uns ein Taxi. Bevor wir das Zimmer verlassen, schlägt jemand vor, noch einen Gin Tonic auf Ex zu zischen.

Ich kann  mich noch schemenhaft an die Taxifahrt zum Restaurant erinnern, danach setzt meine Erinnerung aus. Die Kurzfassung: Silvester in Bangkok endete für uns um halb 12 abends im Hotelbett. Ich hatte in meinen 25 Jahren und gut 10 Jahren Alkoholkonsum kein derartiges Blackout, musste mich auch seit einer Ewigkeit nicht mehr vom Alk übergeben. Keine Ahnung was mit diesem Gin los war. Jedenfalls bin ich offenbar kurz nach der Ankunft in unserem Restaurant und den ersten Bissen bereits zur Toilette gerannt – und das dann mehrmals. Da ich absolut nicht mehr fähig war feiern zu gehen, beschlossen meine ebenfalls nicht mehr ganz nüchternen Freunde, mich ins Hotel zu bringen. Mit dem Tuk Tuk – eine weise Entscheidung, da man offen fährt und ich mich daher ohne viel Aufwand „erleichtern“ konnte.

Silvester in Bangkok

An all das kann ich mich nicht mehr erinnern. Mein Blackout ist mir peinlich, auch weil ich etwas Derartiges nie erlebt habe. Blöd ist auch, dass wir uns mit Tims deutschem Kollegen Dennis zum Feiern verabredet haben. Das haben wir total vergessen, und uns nicht mehr bei ihm gemeldet – ich war dazu ja sowieso nicht mehr in der Lage. Im Endeffekt hat Dennis zu Silvester alleine an einer Straßenbar ein Bier getrunken. Um 1 Uhr nachts erhielten wir von ihm folgende WhatsApp-Nachricht: „Prosit Neujahr, ihr ARSCHLÖCHER!!“.

Silvester in Bangkok – der zweite Akt

Trotzdem ist die Geschichte über Silvester in Bangkok noch nicht zu Ende. Olaf hat nämlich einen grandiosen Einfall: Wir feiern Silvester einfach mit einem Tag Verspätung und tun so, als sei nichts passiert. Es werden zwei Tage Verspätung.

Und so kommt es, dass wir den Jahreswechsel 2016/17 erst am 2. Jänner begehen. In der Khao San Road herrscht bereits bei unserer Ankunft um 9 Uhr abends reges Treiben. Alle 2 Meter werden Skorpione, Würmer oder sonstige Ekelhaftigkeiten zum Essen angeboten, darüber hinaus versucht man uns ständig eine Ping Pong Show schmackhaft zu machen (Dazu später mehr). Der Taxifahrer, der uns dorthin brachte, war höchst skurril – also für die Taxifahrer Bangkoks geradezu typisch. Er telefonierte durchgehend, offenbar mit seiner Mutter, und nahm dabei ständig sein antikes Nokia-Modell in den Mund. Auch sein Auto war alles andere als fahrtauglich. Und er hat uns um den Preis beschissen, den wir vor der Fahrt ausmachten, dann aber trotzdem das Taximeter laufen lassen. Geradeso als wollte er uns damit auch noch verarschen. Die Taxifahrer Bangkoks scheinen generell recht eigene Gesellen zu sein. Der absolut schrägste Taxler war ein vollkommen verrückter Thai, der Tim mehrmals unter schrillem Gelächter während der Fahrt auf den Oberschenkel tippte und fuhr wie eine trächtige Wildsau.

Die Kao Shan Road hat uns

Wir gehen in eine Bar, deren Boxen bei einem Live-Konzert gute Figur machen könnten und die ganze Straße beschallen. Wir denken daran, welche Auflagen man in Innsbruck erfüllen müsste, um eine derartige Bar zu betreiben – es wäre schlicht unmöglich.

Party in Bangkok

Neben einem europäischen Pärchen – er Litauer, sie Britin – lassen wir uns nieder und bestellen Chang Beer und zwei „Buckets“ mit undefinierbarem Alkohol (angeblich Whiskey-Cola). Ich halte mich heute zurück, auch aus Angst vor einem neuerlichen Absturz. So kommt es, dass ich nach einiger Zeit mit zwei Partywütigen, besoffenen Tirolern am Tisch sitze, die mich auffordern Ex zu trinken, ständige irgendeinen Scheiß von Straßenverkäufern erwerben wollen und den Kellnerinnen so viele Shots ausgeben, dass diese selbst bald zur Toilette rennen. „Grad z‘fleis“, meint Tim. Da ich an diesem Tag unser Geld verwalte, fühle ich mich in einem Kampf gegen sinnlose Ausgaben für überteuerten Blödsinn. Es fühlt sich an wie ein Sturm, der vorübergehen muss. Dennoch lasse ich mich überreden, drei Bänder mit „Wolfpack“ Aufdruck und einen Luftballon mit der Schneemann-Figur aus dem Film „Schneekönigin“ zu kaufen, die ebenfalls den Namen Olaf trägt. Wir locken damit alle möglichen Leute an, die Fotos machen wollen und uns ansprechen. Unter ihnen ist auch ein völlig durchgeknallter Europäer, der mit einer Handpuppe laut schreiend zu uns kommt. Als er nach dem Luftballon greift, habe ich Angst, dass er ihn stehlen könnte und ziehe ihn weg. Plötzlich beginnt er sich mit der Handpuppe in den Genitalbereich zu beißen – klingt schräg, war auch schräg. Dann verschwindet er. „Manche Leute werden von Bangkok einfach gefressen“, meint Olaf. Ich stimme ihm zu.

Ich kann mich an diesem Abend nicht gehen lassen, nicht entspannen. Zu tief sitzt mein Schock über den Kontrollverlust an Silvester. Nach viel zu vielen Buckets, brechen wir auf und ziehen durch die Party-Meile. Tim hat sich mittlerweile den Luftballon unter den Nagel gerissen und erschreckt damit alle Frauen, die seinen Weg kreuzen. Die meisten finden es lustig, bald aber schlägt eine blonde Schwedin vor Schreck auf den Ballon ein, und er platzt. Tim besteht auf einen erneuten Kauf desselben Ballons. Ich leiste keinen Widerstand und daher wiederholt sich das Szenario fast eins zu eins. Als der zweite Schneemann-Luftballon zerplatzt ist, setzt sich ihn Olaf wie einen Sack auf den Kopf. Es entsteht ein großartiges Foto, das die Party der Kao Shan sehr gut abbildet.

Wenn Tiroler nach Bangkok gehen

Olaf hat den ganzen Abend über einen Wunsch: Er möchte eine Ping Pong Show besuchen. Tim hat dies bereits mit seinen Arbeitskollegen hinter sich und rät ab. Ich habe zwar noch keine gesehen, weiß aber was dort passiert: Frauen lassen Ping Pong Bälle aus ihrer Vagina ploppen (Anm. d. Redaktion: wie vielleicht vermutet kommt daher der Name.), die man mit einem Schläger wieder zurück schießen kann. Auch alle möglichen anderen Dinge schieben sich die Frauen dort in ihr Genital. Die meisten werden dazu von ihren Zuhältern gezwungen, außerdem wird man bei diesen Shows finanziell beschissen. Tim erzählt, dass die Türsteher sie erst gehen ließen, als sie 1.500 Baht bezahlten.

Aus diesen ganzen Gründen weigere ich mich eine Ping Pong Show zu besuchen oder mit unserem Geld zu finanzieren. Olaf ist beleidigt wie ein kleines Kind. Nach zähen Verhandlungen verspreche ich ihm eine Table Dance Bar in der Soy Cowboy – anders hätte ich ihn nicht mehr vom Fleck bekommen. Denn man ist ja nur einmal in Bangkok.

Straße der Sünde

In der Soy Cowboy angekommen, schlendern wir durch eine weitere Straße voller Sündenpfuhle. Überall stehen Frauen leicht bekleidet, teils in Schuluniformen mit kurzen Röcken. Olaf dreht allmählich durch. Wir schließen eine Übereinkunft: Ein Bier in einem Tabledance-Schuppen und dann ab nach Hause. Ich möchte mittlerweile nur noch ins Hotel und versuche Olaf klar zu machen, dass alle nur unser Geld zu überteuerten Preisen wollen.

Stripclub in Bangkok

Wir gehen in eine Tabledance-Bar. Ich bestelle Bier, allerdings nur für zwei, da Tim besser nichts mehr trinken sollte. Er wird sich trotzdem eigenhändig eine Flasche bestellen, die er danach nicht trinken wird. Eine Frau setzt sich neben Olaf und beginnt ihn anzufassen. Da sie nicht gerade hübsch ist und wir sogar zweifeln, ob es sich nicht um einen Ladyboy handelt (davon wimmelt es in Bangkok), versucht Olaf sie los zu werden, indem er ihr ein Bier bestellt. Das geht nach hinten los und er wird nur noch mehr bedrängt. Im Endeffekt flüchten wir, nicht ohne vorher kräftig finanziell zu bluten.

Doch Olaf reicht es immer noch nicht. Er möchte in einen Laden, in dem in Schulmädchen-Garnitur getanzt wird. Da es bereits spät ist und ich auf unsere Abmachung bestehe, schaffe ich es am Ende irgendwie, ihn in ein Taxi zu bekommen. Auch Tim ist mittlerweile vollkommen von der Rolle. Ich sammle ihn ein und wir fahren zurück zum Hotel.

Fazit: Trotz, oder eventuell je genau wegen all dem Wahnsinn, den verrückten Leuten und grotesken Absurditäten muss ich euch sagen: Bangkok ist ein einziges Erlebnis und definitiv eine Reise wert!

 

Fotos: Mario Müller

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