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(IMHO #25) Und täglich schneit es aus der Steckdose.

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Es ist wieder soweit. Sobald das Quecksilber in Tirol unter die 0° Grad Celsius rutscht, starten in vielen Wäldern Tirols die mit Schaumstoff umwickelten Windturbinen. Mit Gebrüll schießen sie Wassertropfen in den Himmel. In der Hoffnung, dass Schneeflocken  zurück auf die Erde rieseln.  Aber was macht man, wenn sich das verfluchte Quecksilber oberhalb der magischen Null immer wohler fühlt? Hunderte an Wissenschaftler und Ingenieuren verzweifeln an einem temperaturabhängigen Trick um Frau Holle auch in Zukunft zu überlisten. Bisher ohne Erfolg. Mit einem ganz neuen Ansatz mischt der Christkindlmarkt Innsbruck jetzt den Kunstschnee-Markt auf. Auf die Minute genau, an jedem Tag und egal bei welchen Wetter rieselt es vom Himmel – oder zumindest scheint es so.  

Eigentlich dürfte ich dieses leidige Thema gar nicht an den großen Nagel hängen. Als angehender Master of Desaster im touristischen Management Bereich, warten ich und meine Kommilitonen Tag für Tag auf den weißen Umsatz- und Freudenbringer. Freude für zahllose Sportbegeisterte und Umsatz für zehntausende Jobs im Land der schönen Berge. Trotzdem wurmt mich die eine Installation am Christkindlmarkt.

Es war ein lauwarmer Novemberabend. Mal wieder viel zu warm für die Jahreszeit. Mit einer liebgewonnenen jungen Dame an der Hand schlendere ich in Richtung Altstadt. Die Winterjacke weit geöffnet gelüstet es mich eher auf ein Bier als auf einen Glühwein. Da der Christkindlmarkt Innsbruck aber nun mal seine Pforten öffnet, endet es traditionsbewusst bei einem weihnachtlichen Heißgetränk. Einen Steinwurf vom nicht-echtvergoldeten Dach entfernt stehen wir auf einem Podium, von welchem aus man über das Herz der Innsbrucker Altstadt sehen kann. Im Gespräch vertieft, fallen mir am oberen Rand meines Sichtfeldes zwei immer heller werdende blaue Scheinwerfer auf. Das Licht erinnert mich an jene nervige Lichtquelle, die einem als Vortragender einer Powerpoint Präsentation ab und an ins Gesicht lacht. Es sind zwei riesige Beamer. „Wie cool!“ unterbricht meine Gesprächspartnerin ihre Erzählung und zeigt auf die Hauswand hinter mir.  Ich dreh‘ mich um und da rieselt er vom Himmel. Der Schnee. In gefühlter 360p Auflösung, bei 12 °C Grad über Null.

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Spätestens seit dem der Vortrag „Geht Frau Holle in Pension?“ (2016, MCI), bei dem sich die Vortragenden vor Fragen aus dem Publikum nicht mehr retten konnten, ist klar: das Thema Schnee bewegt. Der Schnee gehört nun mal zum Winter in Tirol, wie die Gondolieri zum Sommer in Venedig.  Und so formen zurzeit rund 960 Schneelanzen und über 70 Schneekanonen eiskaltes Wasser zu Skipisten; allein im Skigebiet Ischgl. Um dort die Saison über die Skipiste zu bringen, beholfen sich 2013/14 die Helferlein von Frau Holle mit rund 2,3 Millionen Kubikmeter künstlichem Schnee.  Das würde reichen um die komplette Fläche des Innsbrucker Christkindlmarktes 75 Meter hoch im Schnee versinken zu lassen. Aber leider kann Innsbruck keine Armee von Schneeschleudern vorweisen. Und somit auch keine etlichen Meter künstlichen Neuschnee. Vielleicht weil es ökologisch, ökonomisch und auch sozial nicht wirklich verträglich wäre. Aber sicher weil es dafür einfach zu warm geworden ist. Auch der letzte Winter reiht sich mit 1,3 °C über den Mittel und mit 20,1 °C am zehnten Jänner in die Reihe der Sorgenkinder ein. Und will man den aktuellen Wettervorhersagen Glauben schenken, will der Schnee auch heuer nicht mehr zur Weihnachtszeit kommen. Oder wenn dann nur ganz kurz.

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Vielleicht ist die Lichtinstallation am goldenen Dachl auch nur ein Kunstwerk. Oder die Verschleierung einer traurigen Wahrheit. Außerdem fügt es sich wunderbar in den Hintergrund etlicher Touristenfotos ein. Oder es ist eine hässliche Erinnerung daran, in welche Richtung sich das Klima unseres Planeten auch in Zukunft ändern wird.  Immerhin sehen viele Kinder noch, wie die Weihnachtszeit mal ausgesehen hat, und das nicht nur auf Postkarten oder auf Werbefotos.

Ich persönlich finde es schön, kreativ und traurig – ehrlich. Echter Schnee wäre mir lieber, also geben wir die Hoffnung nicht auf. Um es mit den Worten einer lokaler Sportgeschäftwerbung zu sagen: „Pray for snow.“

Fotos: Tobias Pircher

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