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awW: Österreichischer Rap ist ein einziges Irrenhaus

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Österreicher haben es nicht leicht. Der wohl über die Grenzen hinaus bekannteste heimische Rapper, derzeit, ist der Lord of Sickness Why SL Beezy (ehemals Moneyboy). Im Medizinschrank eingeschlossen schaffte es der Boy, seine Geisteskrankheit noch einmal zu verdreifachen. Gefangen in seiner Rolle schien er sich bis vor Kurzem mit übermäßigem Drogenkonsum selbst zu Grunde zu richten. Die Therapie ist deutlich nach hinten losgegangen, doch müde scheint er noch lange nicht. Wie aber sieht es mit den anderen Patienten aus? Es ist Zeit, ihnen ein Gesicht zu geben. Denen, wo jede Hilfe zu spät kommt und denen, die zu Unrecht in der Klapsmühle sitzen.

SKERO


Ein hoffnungsloser Fall. Zelle bitte für immer geschlossen lassen. Was sonst passiert, haben wir gehört. Der Versuch für “Kabinenparty” eine Art Beastie Boys Beat zu produzieren, ist leider nach hinten losgegangen und herausgekommen ist ein Remake von Tic Tac Toes “Ich find dich Scheiße”. Skero scheint nur von seinen eingängigen Hooks zu leben. Anders ist seine Beliebtheit nicht zu erklären.

Die anen foahn noch Ibiza die aundren noch Udine, 
Wir bleiben im Parkbad mochn Party in Kabine, 
Hallo geile Biene gemma no a bissal schwimmen, 
I brauch nu mei Haundtuach no des is in da Kabine drinnen,

 

KAMP


Skeros Zellennachbar Kamp ist keine Gefahr für die Gesellschaft, höchstens für sich selbst. Auf der EP “Weihnachten im Elfenbeinturm” des Leipziger Rappers Morlockk Dilemma sprach er im Track “Der Messi”  zum ersten Mal über seine krankhafte Sammelleidenschaft. Die Symbiose mit Dexters Beat ist dabei einfach einzigartig. Darüber hinaus schafft es der Patient, sich so auszudrücken, dass man dabei nicht vor Fremdscham verkrampft, sondern ihm, obwohl es sich wahrscheinlich um eine fiktive Story handelt, jedes Wort abnimmt.

Wie mir die gemeinsamen Erfahrungen fehl’n
Heute box ich mich allein durch den H&M Sale
Ich hol meiner bildschönen Königin jeden Morgen paar Milchbrötchen
Und lager sie neben deinen Porzellanschildkröten

 

DROOGIEBOYZ


Die Sammelzelle ist voll. Bevor die Herren aus Wien Texte schreiben, schlagen sie ihre Köpfe erstmal für 30 Minuten gegen die weißen Wände der Anstalt. Dann wird ein schnulziger Plastikbeat aus dem Hut gezaubert und schon beginnt die Tortur. Eigentlich wollte ich nächste Woche nach Wien fahren, was mir von den Droogieboyz allerdings ziemlich madig gemacht wurde. Spätestens bei der Hook ihres Songs “Wien” muss geskippt werden. Angestachelt vom gepressten Brüllrap im ersten Part, schmeiße ich doch lieber gleich die ganze Anlage aus dem Fenster. Sicher ist sicher.

Wien, du bist der Killer Baby

Wien, du bist mein Leben… Reicht, oder?

 

NAZAR


Abrakadabra! Drei mal Schwarzer Kater! Nazar glaubt, er sei ein Magier. Allerdings sind seine Künste eher solides Handwerk als übernatürliche Fähigkeiten.

Trotz zeitgemäßer Beats schafft es Nazar einfach nicht, im Ohr zu bleiben. Ein monotoner Vortrag, der auf jedem Track gleich klingt. Trotzdem muss man dem Fakker für Kontinuität und Professionalität Respekt zollen. Die Produktion seiner Videos übernimmt Nazar selbst. Vielleicht sollte er lieber dabei bleiben, statt zu rappen.

Vegeta und Batman in einer PersonFakker, von euch kann mich keiner bedroh’n
Fight-Club-Rapein paar Jabs, bis du nicht mehr weiter stresst
Rap-High-Tech-Future-Drums, so hört sich die Zukunft an
Du Fubu-Punk hast nur ein einziges Outfit wie Supermann

 

TEXTA


Bei ihrem Freigang im Weekender letzten Monat zeigten sie, was sie nicht drauf hatten. Obwohl die Crew schon seit etwa 20 Jahren unterwegs ist, wirkten sie wie Amateure. Klar sollte die Musik für sich sprechen und die Crowd zum mitmachen bewegen, aber von echten MCs erwartet man sich mehr als verhaltene Sprüche wie “Ihr dürft auch gerne ein bisschen vorkommen”. Zudem waren es nur wenige, die das hätten tun können. Der Weekenderclub war leider so schlecht besucht, dass zeitgleich zum Auftritt von Texta ein Breakdance Battle hätte stattfinden können. Die Herren wirkten schon ein bisschen altersmüde. Ihre Flows hingegen scheinen sich seit den 90ern nicht weiterentwickelt zu haben. Alles klang nach Funrap à la Fanta 4 gepaart mit oberflächlicher Gesellschaftskritik und “Alles nicht so ernst nehmen”-Attitüde. Texta punkten jedoch ebenso wie der ehemalige Bandkollege Skero durch einprägsame Hooks wie in “Ois Ok Mama”.

 

RAF CAMORA


Wenn mich jemand nach einem krassen österreichischen Rapper fragt, kann es nur eine Antwort geben: Raf Camora. Bei ihm gibt es nur zwei Optionen. Entweder Totalausfälle mit belanglosem Singsang oder Geniestreiche, die jeden Griff ins Klo verzeihen lassen.”Opera Camora” vom neuen Album Ghost ist das Paradebeispiel. Hier passt einfach alles. RAF malt Bilder mit einfachen Sätzen auf einen alles in die Knie zwingenden Beat. Seine tiefe Stimmte fügt sich perfekt in den Soundteppich aus einem “Meer aus Violinen”. Der heute in Berlin lebende Wiener ist ein wahres Multitalenttalent. Er singt, rappt und produziert und dabei entsteht so manches Meisterwerk.

Ah, Camora ist der erste Tenor, die Audienz wartet auf die Arie

Sie singen meine Verse im Chor
Stürmen schon die Bühne so als wären sie Kanye
Digitalisierter Akkord, schwarzes Ballett
Raben tanzen dir den Schwansee
Indipendenza mein Schiff, bin Captain am Bord
Wenn es sinkt wird der Tod mein Plan B

 

Fotos: Löth Kolben Fotografie

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