Innsbrucks Lärm und die Kunst, darin Ruhe zu finden

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Das Zimmer der charmanten Altbau-WG, in dem ich in meinen Träumen versinke, befindet sich in Pradl. Genauer gesagt an einem Hauseck. Folglich befinden sich alle meiner licht- und luftspendenden Fenster straßenseitig. Die Lärmfrequenz habe ich beim Unterschreiben des Mietvertrages allerdings außer Ohr gelassen.

Die IVB

Da unten bringen in regelmäßigen Abständen von zehn Minuten die Straßenbahnen die Schienen ordentlich zum Quietschen. Nicht, dass Sie etwa glauben, die roten Raupen kratzen zeitgleich die Kurve, nein, da liegen angemessene zwei Minuten dazwischen. Des Nachtens werden die Quietscher durch Beschleunigungsgeräusche der Nightliner-Busse ersetzt.

Tokio Drift

So mancher irrwitziger Möchte-gern-Vin-Diesel dreht gerne mal seine überflüssigen fünf Runden und tritt ins Gaspedal, bis er vermutete 70km/h in der sonst so gechillten 30er-Zone fährt. Rücksicht auf die Gefühle seines Benziners nimmt Diesel nicht, denn dieses explosionsartige Geräusch klingt wirklich nicht gut, welches aus irgendeinem Loch der Kiste heraus die Ruhe der Anwohner stört.

Die Hobbymusikanten

Von Betrunkenen, die mit dem „Rote Lippen soll man küssen“-Gesang fertig sind und aus dem kleinen Café gegenüber wanken fang ich schon gar nicht an. Aber als ich eines frühen Morgens ebenso hinüber in mein Bett falle, fliegen wunderschöne „Amazing Grace“-Klänge durch mein offenes Fenster. Diese Tuba und diese Trompete… so schön, so lässt sich’s sterben. Tiefer Schlaf umarmt mich und zieht mich mit sich in die Dunkelheit.

Die IVB – schon wieder

Doch eine Sinfonie aus Motorsägen, Hämmern, über den Asphalt quietschenden Baggerschaufeln und ganz viel Baustellengeschrei lassen mich unsanft aus dem steinartigen Schlafzustand erwachen. Denn das Hauseck meines Zimmers und alle die über oder unter mir hausieren haben das Vergnügen, auch auf der sonst eher ruhigeren Hausseite eine Straßenbahn in Empfang nehmen zu dürfen. Die Quietschgleise werden soeben lautstark in die ebenso lautstark aufgerissene Straße eingelassen und lautstark mit Beton und neuem Asphalt an Ort und Stelle befestigt.

 

Die Ruhe

Sie wird uns zuteil, wenn sich Tirols Winterwunderland bis auf die Straßen von Innsbruck erstreckt. Denn wenn der Schnee leise rieselt, dann kehrt auch auf den Straßen Ruhe ein. Keine Hitzewelle mehr, die mich dazu zwingt, sämtliche Fenster sperrangelweit offen zu lassen. Keine Bauarbeiter mehr, die mich dazu zwingen, um 6 Uhr früh unausgeschlafen in den neuen Tag zu starten. Keine Betrunkenen mehr, die mich dazu zwingen, ihren teils unharmonischen Gesängen zu lauschen.

Nur noch hin und wieder instrumentale Einlagen von meinen äußerst musikalischen Nachbarn. Und die IVB. Doch auch die Straßenbahn scheint bei Schnee wie auf Skiern über die Schienen zu gleiten. Dann sitze ich wieder gerne am Fenster und lasse im Takt der fliegenden Schneeflocken die Ruhe in mein Zimmer und mein Herz.

Gute Nacht.

Fotos: Schienen im Schnee by Karl-Heinz Hartner via flickr unter CC 2.0, Ute Schneiderbauer

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